Lina

Mehr als Bibi

+
Lina, 18, die durch die „Bibi und Tina“-Filme bekannt wurde.

Jedes Kind im Grundschulalter kennt „Bibi & Tina“. Lina Larissa Strahl spielte Bibi in bislang drei extrem erfolgreichen Kinofilmen unter der Regie Detlev Bucks. Nun veröffentlicht das Kiddie-Idol sein erstes Album mit eigener Musik.

Lina Larissa Strahl ist hierzulande der größte Star aller Mädchen zwischen sechs und elf. In drei „Bibi & Tina“-Kinofilmen von Detlev Buck spielte sie eine freche halbwüchsige Hexe, die nicht nur reiten, sondern auch ziemlich überzeugend singen kann. Über 1,5 Millionen Kinobesucher sahen bislang den im Januar 2016 gestarteten dritten Teil „Mädchen gegen Jungs“. Es ist einer der erfolgreichsten deutschen Familienfilme der letzten zehn Jahre. Für die 18-jährige Lina beginnt nach ihrem gerade abgelegten Abi in zweifacher Hinsicht ein neuer Lebensabschnitt: Mit dem ersten eigenen Album „Official“ will sie sich vom Kinderstar-Image eine Altersgruppe nach oben arbeiten. Trotzdem kann sich Lina noch einen letzten „Bibi & Tina“-Film vorstellen.

Lina Larissa Strahl fingert nervös auf dem Smartphone in knalligem mädchenrosa herum und sucht „ihre Musik“. Gemeint ist jener Sound, der sie zu den 15 Stücken ihres eigenen Albums inspiriert hat. Wer auf einem Lina-Album die von Ex-Rosenstolz-Mitglied Peter Plate ziemlich genial produzierte Einsteiger-Popmusik der „Bibi & Tina“- Filme erwartet, wird überrascht sein. „Official“ klingt kantiger. „Mein Sound ist ein bisschen geheimnisvoller, auch rockiger“, sagt die 18-Jährige, die noch bei ihren Eltern in der Nähe von Hannover lebt. „Ich höre ja auch viel Rock privat: Bring Me The Horizon, Simple Plan, The Pretty Reckless, Foo Fighters, 30 Second To Mars, Green Day. Punk Rock, aber auch Taylor Swift, Selena Gomez - so normale Sachen.“

Strahl, ein zierliches, rotblondes Mädchen, sitzt in einem Café im Hamburger Stadtteil St. Pauli und gibt Interviews. Eigentlich schon den ganzen Tag, denn viele, vor allem sehr junge Leute wollen wissen, was „Bibi“ Neues macht. Sie werden sich freuen zu hören, dass Lina noch in einem weiteren Film das Kinderidol Bibi spielen könnte. Zwar sei noch nichts in trockenen Tüchern, aber es sähe nicht schlecht aus. Danach soll allerdings Schluss sein. „Ich mache mit 20 keinen 'Bibi & Tina'-Film mehr“, sagt sie. „Man möchte auch nicht immer die Bibi bleiben. Kleinere Kinder können das nicht gut auseinanderhalten, dass Lina und Bibi nicht ein und dieselbe Person sind. Dass sie zum Beispiel nicht hexen kann. Und ich will ja auch gerne Lina sein.“

Um das Lina-Sein geht es auf „Official“. Um euphorisiertes Lieben, um Freiheit oder auch ein bisschen Alltags-Rebellion. Dass Lina überhaupt Musik macht, ist fast ein bisschen dem Zufall geschuldet. Sie entstammt einer nicht besonders musikalischen oder künstlerisch veranlagten Familie: die Mutter Erzieherin, der Vater im öffentlichen Dienst beschäftigt. Immerhin spielt der ihr bis heute begeistert und regelmäßig seine Musik vor - auch wenn sich die Tochter im Nachhinein von „absurden Sachen“ wie Frank Zappa irritiert zeigt. Weil Lina in der sechsten Klasse eine Mädchenband gründete und den ein oder anderen Schul-Gig absolvierte, meldete sie sich „aus Gag“ bei „Dein Song“ an - dem Komponistenwettbewerb des TV-Senders KiKA. Den gewann sie mit 15 und begeisterte dabei Juror Peter Hoffmann, der einst die Karriere von Tokio Hotel anschob.

Weil Lina erst mal die Schule zu Ende machen sollte, wartete man mit dem Album bis jetzt, da die 18-Jährige nach zwölf zuletzt harten und „stressigen“ Schuljahren ihr Abitur mit wohl recht okayen Noten gebaut hat. Dass zwischen „Dein Song“ und heute drei große Sommerferien-Projekte mit „Bibi“-Filmen lagen, hat sie Detlev Buck zu verdanken, der Linas Charme auch über ihr nach eigenen Angaben ziemlich peinliches digitales Casting-Filmchen erkannte. Dass Lina „Official“ gerade sehr viel wichtiger ist als Bibi, liegt in der Natur der Sache. „Meine Texte sind reifer“, sagt sie. „'Bibi und Tina' ist Soundtrack-Musik für einen Kinderfilm. Bei den Kiddies kommt es super an. Das Ding ist, dass ich die Lieder nicht privat hören würde. Ich bin ja auch älter.“

In naher Zukunft wird sich im Leben Linas ohnehin einiges ändern. Kurz nach Veröffentlichung ihres Albums steht ab 20. Juni die erste richtige Tournee an. Wahrscheinlich wird sie zu Hause ausziehen und ein neues Leben beginnen, das irgendwo zwischen Musik und Schauspiel stattfindet. Wobei sie sich derzeit nicht für eins von beiden entscheiden mag. Zum Starwesen hat „Bibi“, im wahren Leben ohne Zopf, Sommersprossen und der berühmten Wellenfrisur unterwegs, ein einigermaßen entspanntes Verhältnis. „Ich werde relativ oft erkannt. Wenn ich draußen bin eigentlich jedes Mal. Ich hätte damals aber Bibi Blocksberg oder meine anderen Stars als Kind auch überall erkannt“, sagt sie lachend.

Auch auf die Frage, ob das nervt, oder sich ihr Verhalten im Alltag dadurch verändert habe, antwortet die Interview-müde Lina authentisch-ehrlich: „Wenn mir Leute den ganzen Tag hinterherlaufen, mag ich das nicht so gern. Oft trauen die sich dann nicht, mich anzusprechen. Dabei wäre mir das lieber. Ich bin kein Unmensch, man kann mich gerne ansprechen!“ Oft, schmunzelt sie, seien auch die Eltern der Kinder richtig aufgeregt und zittern, wenn sie ein Foto machen wollen. „Ich verstelle mich auch nicht. Wenn ich mich nicht schminken will, gehe ich ungeschminkt raus. Mittlerweile ist es mir schon egal, wie ich auf Fotos aussehe. Es gibt eh schon so viele von mir.“

Tatsächlich hat die 18-Jährige, die seltsamerweise wie die meisten deutschen Mädchenwunder (Lena Meyer-Landrut, Jamie-Lee Kriewitz) aus dem Großraum Hannover stammt, ein relativ gesundes Verhältnis zu Prominenz. Sie habe niemals Selfies oder Autogrammen nachgejagt, sagt sie. Nur auf eines sei sie stolz - jene Unterschrift des verstorbenen Hannover-96-Torwarts Robert Enke. Dass ihr Verein den bitteren Gang in die zweite Liga antreten muss, sei ein „ganz schlechtes Thema“ wiegelt Fußballfan Lina ab.

Mit den „Bibi & Tina“-Songs machte Autor Peter Plate aus der jugendlichen Stimme Linas ein aufregendes Sprachrohr für Pubertierende. Die Lieder begeistern Millionen von Kindern, und selbst Eltern nickten anerkennend rhythmisch zum Gerappe von „Mädchen gegen Jungs“. Der Soundtrack zum aktuellen Film ist bereits seit 18 Wochen in den deutschen Albumcharts und setzte sich zwischenzeitlich sogar an deren Spitze. Ob man Linas Musik nun ebenso goutieren wird, steht in den Sternen. Ihr neuer Sound zwischen Dance-Pop und Emo-Rock ist nicht übel, aber auch nichts, das sich im Meer des Radiopops extrem hervorheben dürfte. Dass sich Lina über die Größe ihrer Zukunft erst mal nicht so viele Gedanken macht, ist normal und ohnehin empfehlenswert.

Auch im Kino würde sie gern mal etwas anderes spielen. Am liebsten in einem Actionfilm, in einem Barock- oder Mittelalter-Stück. Scarlett Johansson und Jennifer Lawrence, so Lina wunderbar unbedarft, hätten da auch schon gute Genrefilme gedreht. Es bleibt spannend bei Lina. Wenn sich erwachsene Menschen im Nachhinein an die Zeit nach dem Abitur erinnern, kommt nicht selten die Erkenntnis, dass es die Phase größtmöglich empfundener Freiheit im eigenen Leben war. „Ich glaube, dieses Gefühl ist noch nicht ganz bei mir angekommen“, gibt Lina zu und fügt hinzu - vielleicht zum Leidwesen ihrer Eltern -, dass „es schon cool ist, wenn man sich nicht mehr so oft zu Hause aufhalten muss.“ Lina war schon als Bibi frech. Nach dem Abi, vorm bevorstehenden Auszug und parallel zur Rock-Pop-Karriere, darf auch ein wenig charmante Rotzigkeit dazukommen.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren