Deutsche Sportler auf dem Weg zu Olympia

Langzeit-Doku „365 Tage bis Rio“: Ein Marathon für Körper und Seele

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Wurde ein Jahr lang von der Kamera begleitet: Tennisstar Angelique Kerber am Tag nach ihrem bisher größten Erfolg, dem Sieg bei den Autralian Open im Januar 2016.

Ein Jahr lang begleiteten Filmemacher acht deutsche Sportler bei ihrer Vorbereitung auf die Olympischen Spiele von Rio. Nun ist der vierteilige Film im NDR-Dritten zu sehen.

Die Ruderer trainieren am härtesten. Mindestens acht Stunden pro Tag. Kraft und Ausdauer werden verlangt, beides an dem Menschen möglichen Anschlag. Dass sich Ruderer nach einem Training übergeben, ist keine Ausnahme, sondern eher normal. Im Gegensatz zu den vielbeachteten „Leiden“ der Profifußballer agieren hier jedoch Studenten mit Urlaubssemester oder freigestellte Berufstätige. Hannes Ocik, Ruderer aus Schwerin, ist einer von acht norddeutschen Protagonisten, die sich für die Olympischen Spiele in Rio (ab 05. August) qualifizieren wollen - und sich dabei von der Kamera begleiten ließen. Die vierteilige NDR-Dokumentation „365 Tage bis Rio“ (ab Samstag, 09. Juli, 13.30 Uhr) zeigt nun das Ergebnis. Mit dabei sind: Tennis-Star Angelique Kerber, Hochspringer Eike Onnen, Hockeyspieler Moritz Fürste, Fußballerin Tabea Kemme, Boxerin Sarah Scheurich, Marathon-Läufer Steffen Uliczka und Paralympics-Triathlet Markus Häusling. Nicht alle werden ihr Ziel erreichen und in Rio dabei sein.

„Natürlich“, weiß Matthias Cammann, „denkt jeder Sportler, dass sein Training das härteste ist. Was man aber vor allem lernt, wenn man acht Spitzen-Athleten so lange begleitet, ist, dass jede Sportart und jeder Sportler unterschiedlich sind.“ Cammann, Redaktionsleiter Sport beim NDR-Fernsehen, verantwortet ein Projekt, das sich zum Ziel setzte, Frauen und Männer, Mannschaftssportler und Einzelkämpfer, Prominente und Unbekannte zwölf Monate auf dem Weg nach Rio zu begleiten. Fünf Filmemacher übernahmen diesen Job. Sie arbeiteten zwecks Intimität alleine und filmten ihre Objekte als sogenannte VJs selbst. Ein kompletter Tag Begleitung des Athleten pro Monat war Pflicht.

Sportjournalist Henning Rütten drehte die beiden Filme über Tennisspielerin Angelique Kerber und Hochspringer Eike Onnen. Bereits diese beiden Sportler trennen Welten, wenn es um ihren Start in Rio geht. „Für Eike Onnen ist es ganz klar der Höhepunkt, nicht nur des Jahres, sondern wahrscheinlich der gesamten Karriere“, sagt Rütten. „Angelique Kerber dagegen spielt ein Turnier nach dem anderen. Ihr großer Höhepunkt war natürlich Melbourne. Aber Tennis ist ein Tagesgeschäft. Ihre Stimmung wird vor allem davon bestimmt, was gerade war und ist. Bei Onnen ist das ganz anders. Mit 34 Jahren ist es für ihn nach zwei verpassten Olympiaden die letzte Chance.“

Redakteur Matthias Cammann hätte sich wegen des Erzählflusses seiner Doku lieber auf fünf Protagonisten beschränkt. Dies wäre jedoch gefährlich gewesen. Außer Kerber und vielleicht noch Moritz Fürste, bereits zweifacher Olympia-Sieger im Hockey, konnte man von keinem der acht Projektteilnehmer sagen, ob sie die Qualifikation für Rio tatsächlich schaffen würden. Besonders tragisch ist dabei der Fall des Paralympics-Triathleten Markus Häusling. Der querschnittgelähmte Sportler und einzige deutsche Justizvollzugsbeamte im Rollstuhl erkrankte während der Dreharbeiten an der schweren degenerativen Nervenkrankheit ALS. Er hörte umgehend mit dem Leistungssport auf.

Andere Protagonisten wie Onnen oder Boxerin Scheurich, die lediglich zwei Gelegenheiten hatte, sich in Turnieren für das 16 Frauen starke Starterfeld ihrer Gewichtsklasse in Brasilien zu qualifizieren, mussten auf den Punkt fit sein, um am Tag der Qualifikation ihren Lebenstraum wahrzumachen. Was macht dieser Druck mit Menschen? Dies war eine der Fragestellungen, die Matthias Cammann und seine Filmemacher interessierten. „Eine Erkenntnis des Projekts ist, dass Menschen bei Olympia völlig verschiedene Zielsetzungen haben“, sagt er. „Für Angelique Kerber ist es sicher kein monetäres Ziel. Die will eher unvergessliche Erfahrungen sammeln. Für andere ist eine Olympia-Teilnahme hingegen total wichtig - für die weitere Existenz als Sportler.“

Auch die Wettkampf-Vorbereitung selbst, erfährt der Zuschauer, ist von Sportart zu Sportart sehr unterschiedlich. Über die Trainingssteuerung wird festgelegt, ob Sportler beispielsweise auf einen oder mehrere Saisonhöhepunkte hinarbeiten. Dass dazu jeder Athlet noch seine eigene Mentalität mit ins Spiel bringt, macht diese mit viermal 30 Minuten leider fast ein bisschen kurz geratene Beobachtung zu einer der spannendsten Beobachtungen aus der Welt des Sports in diesem Sommer.

Dass dokumentarische Sportfilme als Format hierzulande eher ein Nischendasein führen, kann man der ziemlich unglücklichen Sendezeit von „365 Tage bis Rio“ am Samstagmittag um 13.30 Uhr entnehmen. Eigentlich schade, denn das Projekt, zu dem es auf ndr.de auch eine eigene Internet-Plattform gibt - auf der einige der acht Sportler regelmäßig posten - hätte durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Künstlich herbeigeredete Spannungskurven, wie man sie von den meisten Doku-Soaps kennt, sind hier jedenfalls überflüssig. Autor Henning Rütten fasst die Tragweite der NDR-Doku trocken zusammen. „Man muss nicht künstlich nach dem Drama suchen, wenn man nur Leute im Film hat, bei denen sich innerhalb eines Jahres ein Lebenstraum erfüllen oder kaputtgehen kann.“

tsch

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