Anna Schudt

"Man muss animalisch werden dürfen"

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"Ich bin nicht ausschließlich Schauspielerin geworden, um irgendwann 'Tatort'-Kommissarin zu sein", sagt Anna Schudt, die in der ARD-Krimireihe seit 2012 die Kommissarin Martina Bönisch spielt.

Schauspielerin Anna Schudt über die Magie der Schwangerschaft - und warum zwei "Tatorte" pro Jahr genug für sie sind.

Man kennt Anna Schudt vor allem aus dem "Tatort": Als Martina Bönisch ermittelt die 42-Jährige seit 2012 im Sonntagskrimi aus Dortmund. Zwei "Tatorte" pro Jahr aber, erklärt Schudt lachend im Interview, würden ihr reichen, sie sei schließlich nicht Schauspielerin geworden, um Verbrecher zu jagen. Im ZDF-Film "Ellas Entscheidung" (Montag, 30. Mai, 20.15 Uhr) schlüpft die gebürtige Konstanzerin nun in eine gänzlich andere Rolle: Als Mutter eines behinderten Sohnes gerät sie in Konflikt mit ihrer Schwester, die über das vieldiskutierte Verfahren der Präimplationsdiagnostik (PID) schwanger werden will. Indem ihr nur zuvor untersuchte Embryonen eingepflanzt werden, so hofft die junge Frau, werde sie ein gesundes Kind zur Welt bringen. Im Interview erzählt Schudt, was sie von der umstrittenen PID hält, und offenbart ihre eigene Sichtweise auf das Thema Kinderkriegen: "Bei meiner letzten Schwangerschaft bin ich fast gar nicht mehr zum Arzt gegangen", sagt die Schauspielerin.

teleschau: Frau Schudt, wie stehen Sie zum Thema Präimplationsdiagnostik?

Anna Schudt: Ich interessiere mich für das Thema, seit ich mit meinem ersten Kind schwanger war und weiß, dass es keine einfachen Antworten gibt. Natürlich will man verhindern, dass die eigenen Kinder leiden. Das Wissen nicht zu nutzen, das wir heute haben, wäre falsch. Ich glaube, dass es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich sehenden Auges dafür entscheiden könnten, ein Kind auf die Welt zu bringen, das leiden wird und noch vor ihnen stirbt. Ich selbst könnte das auch nicht. Trotzdem bleibt das Schwert zweischneidig, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. - Wer entscheidet das, und welche Gründe sind gerechtfertigt?

teleschau: Im Film wendet sich die von Ihnen gespielte Johanna gegen die PID. Können Sie ihre Haltung nachvollziehen?

Schudt: Klar, denn für Johanna geht es um ihren behinderten Sohn. Die Existenzberechtigung wird ihm, aus ihrer Sicht, in dem Moment abgesprochen, in dem andere sagen, dass sie so ein Kind nicht wollen. Außerdem befürchtet sie, dass ihr Sohn nur dann Hilfe bekommt und die Wissenschaft nur dann forschen wird, wenn es weiterhin Kinder mit einer solchen Behinderung geben darf.

teleschau: Sie sind Mutter von drei Kindern. Machen Sie sich da besonders viele Gedanken über das Thema?

Schudt: Wenn man schwanger ist, macht man sich automatisch Gedanken darüber. Man wird ununterbrochen mit allen möglichen Untersuchungen konfrontiert, gerade, wenn man eine Risikoschwangere ist, weil man etwas älter ist. Dann wird einem alles angeboten, was es gibt. Entscheidet man sich dagegen, wird einem suggeriert, dass man fahrlässig handelt, weil man ein behindertes Kind zur Welt bringen könnte.

teleschau: Haben Sie diesen Druck während Ihrer letzten Schwangerschaft gespürt?

Schudt: Ich habe drei Kinder. Beim ersten habe ich einige Untersuchungen machen lassen, beim zweiten dann viel weniger, bei meiner letzten Schwangerschaft bin ich fast gar nicht mehr zum Arzt gegangen. Mein drittes Kind ist im Krankenhaus zur Welt gekommen, die anderen beiden zu Hause. Man braucht den Großteil der Untersuchungen nicht, die einem angeboten werden. Ich finde, man sollte auch guter Hoffnung sein dürfen. Außerdem glaube ich, dass es für das Verhältnis der Mutter zu ihrem ungeborenen Kind zuträglich ist, wenn sie nicht ständig den Außenblick hat, sondern mindestens so viel Innenschau hält.

teleschau: Warum denn das?

Schudt: Wenn etwas in einem wächst, ist das sehr geheimnisvoll. Blickt man von außen hinein, wird man fast süchtig danach und will nichts "verpassen": das Wachstum der Beine und der Arme, welches Geschlecht hat das Kind, hat es meine oder Deine Nase. Aber dieses Eins-Sein mit dem Kind, das Spüren der Verbindung - bewegt es sich genug, schläft es, hat es Schluckauf - das hat man viel stärker, wenn man den Außenblick reduziert.

teleschau: Sie sagten vorhin, es sei menschlich, das Beste für sein Kind zu wollen ...

Schudt: Aber wer sagt denn, was das Beste ist? Weibliche Wesen bekommen seit Millionen von Jahren Kinder ohne medizinische Hilfe. Es gibt viele Studien, die darauf hinweisen, dass Krankenhausgeburten genauso risikoreich sind wie Hausgeburten. Kontrolle ist das Letzte, was man als Frau bei einer Geburt braucht. Man muss loslassen können, in einen Trance-Zustand übergehen und animalisch werden dürfen. Das geht im Krankenhaus nicht, wo man ständig abgelenkt wird. Ich respektiere jede Frau, die sich eine Säuglingsstation am Geburtsort wünscht, aber es sollte den Frauen auch Mut gemacht werden, dass sie sich und dem Kind Vertrauen schenken, es gemeinsam schaffen zu können.

teleschau: Ist es generell so, dass wir uns von der Natur entkoppelt haben?

Schudt: Ja, das ist so. Und das ist auch ganz logisch, denn so ist der Mensch gestrickt. Wenn es Möglichkeiten gibt, nutzt der Mensch sie auch. Ohne den ganzen medizinischen Apparat, den wir zur Verfügung haben, ginge es uns wohl recht schlecht. Die Frage ist nur, wie wir ihn nutzen. Das zu dosieren, halte ich für absolut notwendig.

teleschau: Sicher sind Sie für diese Haltung kritisiert worden ...

Schudt: Ich bin Vegetarierin und muss mich ständig dafür rechtfertigen, warum ich kein Fleisch esse. Als ich zuletzt schwanger war und mein Kind nicht untersuchen lassen wollte, musste ich mich ähnlich rechtfertigen. Ich will das aber frei entscheiden dürfen und mir nicht von Ängsten und der Medizin sagen lassen, was ich tun muss.

teleschau: Aber es gibt den Druck, kein behindertes Kind auf die Welt zu bringen.

Schudt: Ja, diesen Druck gibt es. Aber auch behinderte Menschen sollten einen Platz in unserer Gesellschaft haben. Man denkt, Eltern behinderter Kinder seien automatisch unglücklich, aber keiner erfragt es wirklich. Woher wissen das alle so genau? Die Gesellschaft macht es ihnen nicht leicht, und genau da sehe ich einen großen Handlungsbedarf.

teleschau: Sie spielen hauptsächlich in Krimis. Ist es für Sie eine schöne Abwechslung, sich auch mal mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinanderzusetzen?

Schudt: Ich bin nicht ausschließlich Schauspielerin geworden, um irgendwann "Tatort"-Kommissarin zu sein. Ich setze mich gerne mit Stoffen und Figuren auseinander, die große Konflikte in sich tragen.

teleschau: Haben Sie eigentlich mal nachgezählt, in wie vielen Fernsehkrimis Sie schon mitgespielt haben?

Schudt: Keine Ahnung! Ich habe Besseres zu tun, als das nachzuzählen (lacht)!

teleschau: Nervt es Sie, dass man als Schauspieler in Deutschland vor allem Rollen in Krimis angeboten bekommt?

Schudt: Nein, es ist schön, und ich bin dankbar, dass ich so viel arbeiten darf. Aber tatsächlich waren die letzten Jahre für mich sehr Krimi-lastig, und ich freue mich, dass die Krimis sich dieses Jahr wohl auf zwei "Tatorte" beschränken. Das reicht an Verbrecherjagd (lacht)!

teleschau: Sie haben die erste Staffel von "Der Kriminalist" 2007 verlassen, weil Sie sich nicht auf eine Rolle festlegen lassen wollten. Besteht diese Gefahr beim "Tatort" nicht?

Schudt: Die Gefahr besteht beim "Tatort" noch viel mehr. Aber bisher hat er das Gegenteil bewirkt: Er hat mir Möglichkeiten eröffnet, statt Türen zugemacht. Und auch dafür bin ich sehr dankbar.

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