Vor dem EM-Start: Oliver Welke im Interview

Wir machen kein Nerd-TV

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Oliver Welke begleitet mit Partner Oliver Kahn vier Wochen lang die Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Am 10. Juni geht das EM-Abenteuer mit der Partie Frankreich gegen Rumänien im ZDF los.

Wie gut kann Oliver Welke mit Oliver Kahn, wenn die Kameras ausgeschaltet sind? Warum müssen echte Champions ein bisschen unsympathisch sein, und was hat das Ganze mit unserer Gesellschaft zu tun? Und der Europameister 2016? Ein Gespräch mit ZDF-Fußball-Anchormann Oliver Welke.

Im Herbst feiert er sein 20-jähriges Bildschirm-Jubiläum, dabei ist einer wie Oliver Welke doch eigentlich gar nicht fürs Fernsehen gemacht: ein wenig speckig, die Haare immer weniger, versehen mit der Grund-Ausstrahlung des Biedermanns. Dennoch war Welke über zwei Dekaden ständig auf und hinter dem Bildschirm präsent. Als Sportmoderator früher bei SAT.1 und heute beim ZDF, als Gagschreiber und Autor hinter den Kulissen für viele andere TV-Künstler und Formate. Seit 2009 ist Oliver Welke Moderator und mittlerweile auch Chef-Autor der zu Recht gefeierten „heute-show“. Am Freitag, 10. Juni, wenn die Fußball-Europameisterschaft eröffnet wird („Der Countdown“, 19.25 Uhr) beginnt für Welke und seinen Moderationspartner Oliver Kahn ein Marathon. Vier Wochen lang sollen die beiden das Geschehen auf dem Rasen begleiten und aufarbeiten. Ob Welke, der im April 50 Jahre alt wurde, schon ahnt, was passieren könnte?

nordbuzz: Sind Oliver Kahn und Sie wie ein Comedy-Duo?

Oliver Welke: In mancher Hinsicht schon, in anderer wiederum nicht. Klar, es gibt bei uns eine feste Rollenverteilung, man strickt Running Gags und so weiter. Trotzdem ist es so: Wir wollen den Zuschauer ein Fußballspiel nahebringen, dabei steht sicher nicht die Gag-Dichte im Vordergrund.

nordbuzz: Sie werden während der EM wieder sehr viel Bildschirm-Zeit gemeinsam verbringen. Laufen sich solche Konstellationen wie einst bei Delling und Netzer irgendwann immer tot?

Welke: Ja, das tun sie. Davon bin ich überzeugt. Man muss sich aber schon vorher vor Redundanzen hüten. Wir moderieren jetzt vier Jahre zusammen. Anfangs machte ich mich immer drüber lustig, dass Oli ständig vom „Druck“ sprach - das war sein Lebensthema. Wenn man sich aber das dritte Mal darüber lustig gemacht hat, ist es dann auch gut. Gerade beim Sport ist wichtig, dass man nicht mit vorbereiteten Gags in eine Sendung geht. Irgendwie hört man die doch immer raus.

nordbuzz: Humor im Fußball muss immer spontan entstehen?

Welke: Das empfehle ich. Der Sport macht es einem aber auch leicht. Wenn ich das mit der „heute-show“ vergleiche, da müssen wir jede Woche 30 Minuten Sendung gänzlich neu erfinden. Beim Fußball werden einem das Geschehen und auch die Geschichten dazu auf dem Platz geliefert. Ich gucke mir das aufmerksam an und stelle einem Menschen, der sich sehr gut mit Fußball auskennt, Fragen dazu. Wenn das dann auch mal lustig wird, gut. Aber das passiert eher zufällig.

nordbuzz: Was ist für Sie das Spannende an der Konstellation?

Welke: Dass wir aus völlig unterschiedlichen Welten kommen. Ich weiß noch, dass ich als junger Field Reporter panische Angst vor Oliver Kahn hatte. Nach Niederlagen war er ja fast schon ein Sicherheitsrisiko. Durch seine massiv schlechte Laune wirkte er auf Reporter schon sehr bedrohlich. Kahn war wie ein Alpha-Rüde, der zum Beispiel bei Nachfragen Angst und Schrecken verbreitete. Er war überhaupt nicht mein Ding.

nordbuzz: Sie gingen also in dieses Duo mit der Idee „Titan trifft Weichei“?

Welke: (lacht) Ein wenig überspitzt, aber meinetwegen. Dann bin ich eben das Weichei. Ich hatte tatsächlich jemand ganz anderen erwartet, als ich mit Oli Kahn moderieren sollte. Tatsächlich ist das ein Mann, der in hohem Maße zur Selbstironie fähig ist. Der gerne über sich lacht. Und der auch in diesem Sinne gefordert werden möchte, um vielleicht verbal zurückzuschießen. Da ist er immer noch Leistungssportler. Dennoch ist Oliver Kahn jemand, der von vielen Leuten heute noch ganz falsch eingeschätzt wird. Er ist ein sehr reflektierter, humorvoller Mann.

nordbuzz: Was macht Ihnen persönlich mehr Spaß: Sport oder Satire?

Welke: Weiß nicht. Und ich bin froh, dass ich das nie entscheiden musste. Neulich habe ich gesehen, dass ich jetzt bald 20 Jahre vor der Kamera stehe. Im September oder Oktober 1996 ging das los, und seitdem gab es nie Pausen ...

nordbuzz: Sie moderierten „ran“ damals, als die Bundesliga im Fernsehen bei SAT.1 stattfand.

Welke: Nicht ganz. Das war war „früh ran“ (lacht) - die Sportnachrichten, die ich bei SAT.1 moderierte. Ich schrieb aber damals auch immer weiter Sachen für Leute, die Unterhaltung im Fernsehen machten. Der Bezug zu Comedy und Satire riss nie ab, auch wenn der Sport erst mal meine Hauptarbeit war.

nordbuzz: Und wie ist es heute?

Welke: Vom Zeitbudget ist natürlich die „heute show“ ganz vorne. Weil ich vier Tage pro Woche diese Sendung mitschreibe. Meine gefühlt zehn Champions-League-Auftritte im Jahr sind dagegen eher so ein Event, das mich aus der Büroroutine rausreißt. Ein Turnier wie die EM ist noch mal ein Bonus. Ein Erlebnis wie Rio vor zwei Jahren ist schon ein Highlight im Berufsleben.

nordbuzz: Wie viel müssen Sie Fußball „arbeiten“, damit Sie vor der Kamera nicht nur als Experte stehen, sondern auch einer sind?

Welke: Das ist eine gute Frage. Einerseits kann man nicht genug wissen. Man bekommt von der Redaktion sehr aktuelle Dossiers und einen ausführlichen, aktuellen Pressespiegel. Viel Lesestoff, mit dem man sich auf ein Spiel vorbereiten kann. Diese Dossiers kommen von Leuten, die sich weit besser mit Fußball auskennen als ich und die sehr tief in die Materie eingedrungen sind. Fast noch wichtiger als eine gute Vorbereitung ist aber, dass man sich abgewöhnt, alles zu sagen, was man weiß.

nordbuzz: Weil Sie die Zuschauer mit zu tiefgründigem Wissen überfordern würden?

Welke: Wir machen eben nicht Nerd-TV. Gerade während der großen Turniere schauen viele Leute zu, die ansonsten nicht so mit dem Fußball leben. Es ist zwar wichtig, klassische Analyse-Elemente zu haben und auch etwas mit Pfeilen zu malen. Man muss aber auch die anderen abholen, die nur alle zwei Jahre mal für vier Wochen in diese Welt eintauchen.

nordbuzz: Wer sind für Sie die Turnierfavoriten?

Welke: Oh je, ich habe beim letzten Mal so spektakulär daneben gelegen, dass ich mir vorgenommen habe, mich diesmal nicht so aus dem Fenster zu lehnen.

nordbuzz: Wer war denn Ihr Weltmeister?

Welke: Argentinien. Okay, die waren immerhin im Endspiel. Aber ich war mir andererseits sehr, sehr sicher, dass Deutschland nicht Weltmeister werden würde.

nordbuzz: Wer könnte denn 2016 Europameister werden?

Welke: Ich finde ja diese jungen Engländer ganz interessant. Weil ich den englischen Fußball mag und mich freue, dass die jetzt wieder so erfrischend spielen. England könnte für Überraschungen sorgen. Frankreich ist nicht nur wegen des Heimvorteils ein Top-Favorit, und Belgien wird schon so lange als Geheimfavorit bezeichnet, dass mittlerweile jeder dieses Geheimnis kennt. Natürlich hat auch Deutschland Chancen. Das wären vier Mannschaften, die meinen engsten Favoritenkreis bilden.

nordbuzz: Sie bleiben entspannt bei Deutschland? Man hat seit dem Weltmeistertitel selten überzeugende Spiele abgeliefert ...

Welke: Ja, ich bin entspannt. In der Qualifikation springt man so hoch wie man muss. Testspiele haben ohnehin null Aussagekraft, weder im positiven wie im negativen Sinne. Gegen England hat man gesehen, was passiert, wenn die Körperspannung fehlt. Das Spiel ging verloren. Ein paar Tage später gewann man in einem schönen Spiel gegen Italien. Da fehlte wiederum bei denen die Körperspannung. Wir werden ein anderes Italien bei der EM sehen.

nordbuzz: Testspiele sind also sinnlos?

Welke: Nein, der Trainer kann sich anschauen, wie sich einzelne Spieler in bestimmten Situationen verhalten. Als Zuschauer und Fan nimmt man das mit, darf aber keine Erkenntnisse daraus ziehen. Anders ist es bei Qualifikationsspielen - wenn Mannschaften wirklich unter Druck stehen. Da wird dann schon das Maximum abgerufen. Aber in diese Situation gerät Deutschland nur sehr selten. Man kann die Stärke der Mannschaft also seriös nur alle zwei Jahre bei den Turnieren beurteilen.

nordbuzz: Können Sie es nachvollziehen, dass die Leistung nach einem WM-Triumph fast immer automatisch nachlässt?

Welke: Natürlich. Dies ist einfach nur menschlich. Wenn man das größte Ziel erreicht, das man erreichen kann, ist erst mal die Luft raus. Andererseits bewundere ich Leute wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi dafür, dass sie ständig Titel gewinnen, ganz oben stehen, sich aber dennoch immer wieder neu derart motivieren können, dass sie weiter Top-Niveau abliefern. Das ist für mich ein ganz wichtiges Merkmal der ganz großen Champions. Dass sie niemals satt werden.

nordbuzz: Gibt es Nationalmannschaften, die so etwas auszeichnet?

Welke: Ich kenne keine. Bisher sind alle Weltmeister in ein Loch gefallen. Dazu kommen die üblichen Umbrüche, wenn man ganz großes Ziel erreicht. Da gibt es immer Rücktritte, andere werden aussortiert. Zwei oder vier Jahre später steht immer ein anderes Team auf dem Platz. Das Dumme ist: Als Weltmeister bist du bei der EM automatisch Favorit. Das ist eine zusätzliche Bürde und psychologisch keine dankbare Rolle.

nordbuzz: Kommen wir noch mal zur Gier. Muss man fast schon psychisch auffällig, zumindest aber ziemlich unsympathisch sein, um im Fußball ganz oben zu sein? Schließlich mag ja kaum einer Leute, die immer nur gewinnen wollen?

Welke: Spitzensportler stoßen mit ihrem Psychogramm oft in Grenzbereiche vor, auch unterhalb der Superstar-Liga. Man muss besonders drauf sein, um sich auf diesen extrem hart umkämpften Feldern durchzusetzen. Wenn man zum Beispiel bei Jürgen Klopp während eines Spieles 90 Minuten auf Mimik und Gestik achtet, geht das schon in den Grenzbereich zum Irrsinn.

nordbuzz: Trainer wie Guardiola und Tuchel, die als die besten der Bundesliga galten, sind Typen, über die viele Leute sagen würden: „Boah, die sind echt anstrengend.“ Niemand, mit dem man gerne ein Bier trinken oder in den Urlaub fahren würde ...

Welke: Vielleicht sind die nach Feierabend entspannter, als man denkt. Wenn es aber um ihr Herzensthema geht, sind das anstrengende Leute, keine Frage. Das gilt heute jedoch nicht nur im Sport. Wir leben in einer Zeit, wo es als normal gilt, jede Woche ans Limit zu gehen, um das Beste abzuliefern, was man jemals abgeliefert hat. Diese Idee der ständigen Steigerung ist nicht ohne Risiko. Man braucht auf jeden Fall ein privates Umfeld, das einem sagt: Komm mal wieder runter! Es gibt noch etwas anderes im Leben.

nordbuzz: Bei der EM in Frankreich steht die Terrorgefahr weit im Vordergrund. Wie groß ist Ihre persönliche Angst?

Welke: Ich verdränge sie erst mal. Sicher werden wir im internationalen Sendezentrum von Paris, aus dem wir alle Spiele verfolgen, mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen rechnen müssen. Schließlich sind da die Sender der ganzen Welt untergebracht. Ob das den Arbeitsalltag behindert, wird man sehen.

nordbuzz: Jetzt haben Sie aber nicht gesagt, wie es Ihnen persönlich damit geht?

Welke: Noch mache ich mir keine Sorgen. Ich meide allerdings große Menschenmassen sowieso - auch ohne Terror. Ich würde niemals zu einem Public Viewing gehen, und ich werde auch die Metro während des Turniers nicht benutzen.

nordbuzz: Weil Sie was fürchten ..?

Welke: Ich mag es einfach nicht, wenn man mir auf die Pelle rückt. Dafür bin ich zu sehr Ostwestfale. Da braucht man seinen Sicherheitsabstand zum nächsten Menschen (lacht). Nur so fühlt man sich wohl - und sicher.

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