So brisant war der „Tatort: Freitod“ aus Luzern

Letzte Ausfahrt „Sterbetourismus“?

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Wie würde man handeln, wenn man sterbenskrank und ohne Hoffnung auf Genesung ist? Liz Ritschard (Delia Mayer) stellt sich diese Frage im Verlauf der Ermittlungen selbst.

Sterbehilfe, doppelt fatal: Die Luzerner bemühen eine brisante Debatte im Krimi-Format. Auf plakative, aber doch gehaltvolle Weise.

Was bleibt todkranken Deutschen oder Österreichern, die ihrem Leiden ein Ende setzen wollen? Theoretisch der letzte Gang in die Schweiz. Dort ist Sterbehilfe zwar legal, aber alles andere als unumstritten, wie der Luzerner „Tatort: Freitod“ mit Nachdruck illustrierte. Ein moralisch höchst brisanter Fall für die Kommissare Reto Flückiger und Liz Ritschard. Aber auch ein überzeugender?

Ergab die Story Sinn?

Durchaus. Natürlich ist der Film von Josy Meier, Eveline Stähelin (Buch) und Sabine Boss (Regie) ein sogenannter „Themen-Tatort“. Einer jener gefürchteten Debattenbeiträge im Krimi-Format. Zwar plakativ, aber gottlob nicht zu hölzern wurden die Extrempositionen ins Feld geführt: hier die fiktive Organisation Transitus, die Ausländern den professionell begleiteten Gang ins Jenseits ermöglicht. Dort die fromme Gruppierung Pro Vita. Deren selbstherrlicher Wortführer (Martin Rapold) wetterte scharf gegen den „Sterbetourismus“. Doch für den Mord an einer Sterbebegleiterin war der bigotte Eiferer dann doch nicht verantwortlich ...

Wie überzeugend waren die Kommissare?

Ein wieder mal zurückhaltender Auftritt der Luzerner Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer). Bei einer moralisch heiklen Sachlage wie dieser ist das allerdings auch eine angemessene Herangehensweise. Die Kommissare kamen nicht umhin, sich auch persönlich zu letzten Dingen zu positionieren. Wer würde entscheiden wollen, ob Verdrängung (Flückiger) oder Melancholie (Ritschard) die passende Haltung ist?

Wie furchteinflößend war die Mörderin?

Immer wieder gern genommen bei den „Tatort“-Machern: der Typus „Todesengel“. Merkmale: ein trügerisch zartes Äußeres gepaart mit einem latent irren Blick, der geübten Krimiguckern früh verrät, was die Stunde geschlagen hat. Die schweizerisch-tschechische Schauspielerin Anna Schinz hat das alles mustergültig verkörpert. Eine Figur nah am Horrorfilm.

Wie realistisch ging es zu?

Ein zumindest stellenweise hochgradig realistischer „Tatort“. Das ist auch geboten, wenn die Sterbehilfekontroverse gewissenhaft ausgelotet werden soll. Bewegend und erhellend waren bereits die ersten Szenen, die das professionell begleitete Sterben einer unheilbar kranken Kölnerin zeigten. Der selbstbestimmte Tod kommt also in Gestalt eines Giftbechers - hat man das auch mal gesehen. Es kann ja nicht schaden, ein Bild von dem zu haben, worüber so leidenschaftlich debattiert wird.

Die beste Szene ...

... hatten die Macher einem Sterbenswilligen aus Österreich zugedacht. Der Todkranke aus dem Nachbarland wurde auf dem Weg ins Jenseits von einer Protestkundgebung der Suizidgegner aufgehalten. Zwischen frommen Kanzelsprüchen („Jedes Leben ist heilig!“) und der Gefühligkeitsprosa der Sterbebegleiter („Er hat sich das gut überlegt, das war ein langer innerer Prozess“) platzte es typisch austriakisch aus ihm heraus: „Ach was, ich geh zum Sterben wie zum Frisör!“

Die albernsten Szenen ...

... blieben hingegen dem Sohn der freiwillig verstorbenen Kölnerin vorbehalten. Der wirre Mann (Martin Butzke), bipolar gestört, wie man erfuhr, machte mit seinen Tiraden halb Luzern wuschig. Die Schwester hatte dem aufbrausenden Kerl die Entscheidung der Mama vorenthalten. Darum fühlte er sich hintergangen und sagte den Transitus-Leuten die ägyptischen Plagen aus der Bibel voraus. „P-P-Pest und Finsternis!“ Ein reichlich theatralischer Auftritt.

Wie gut war der Tatort?

Ein höchst relevantes Thema, gewissenhaft umkreist mithilfe zweier sympathischer Ermittler. Passt! Lediglich ein paar plakativ zugespitzte Nebenfiguren trüben den soliden Gesamteindruck. Wir vergeben die Schulnote drei.

tsch

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