TV-Experte Mirko Slomka im Interview

„Mein Fernsehtalent hat mich selbst ein bisschen überrascht“

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„Ich würde sagen, dass ich eher der ruhige Typ bin“: Mirko Slomka (2008 am Rande des Champions League-Viertelfinalspiels von Schalke 04 beim FC Barcelona).

Mirko Slomka ist bei der EM in Frankreich als Experte im Einsatz. Wie er den SAT.1-Job angehen will, verrät der Bundesligatrainer im Interview.

Es sind zwei Dinge, die im Gespräch mit Mirko Slomka sehr schnell auffallen: Er bleibt, auch wenn es gerade etwas turbulent um seine Person zugeht, jederzeit gelassen und freundlich, und er lebt den Fußball mit jeder Faser. Auf einer Dachterrasse hoch über München, wo die SAT.1-Verantwortlichen soeben die sendereigenen Programmpläne zur Fußball-EM in Frankreich, mit Slomka als prominenten Experten und Co-Moderator, erläutert haben, lächelt der 48-Jährige verbindlich jeden an, der ihn anspricht. Gerade so, als würde ihn das alles nichts ausmachen - nicht das Lob, das gerade sehr umfänglich ob seiner „menschlichen und fachlichen Qualitäten“ über ihn ergossen wurde, noch die zahlreichen Interviews, die er jetzt geben muss. Alle wollen mit dem ehemaligen Coach der Bundesligateams von Schalke 04, Hannover 96 und des Hamburger SV reden, und er nimmt sich Zeit für jeden. Im Interview verrät Mirko Slomka, was er von den Fußballmedien hält und wie er seiner am 19. Juni beginnenden EM-Mission entgegensieht.

nordbuzz: Sie sind schon einige Jahre im Geschäft: Kann man sagen, wer Schalke überstanden hat, den kann nichts mehr erschüttern?

Mirko Slomka: (lach) Schalke ist gar nicht so schlimm, wie Sie denken. Aber Schalke ist natürlich besonders: eine Fußballhochburg mit einer unfasssbaren Fußball-Infrastruktur, aber keine schillernde Metropole. Das heißt, dort fokussiert sich praktisch alles auf den Fußball - mit allen bekannten Auswirkungen, eben auch was die Arbeit der Medien angeht.

nordbuzz: Was man auch in dieser Saison wieder anhand der vielstimmigen Presse-Begleitung von André Breitenreiters Werdegang beobachten konnte ...

Slomka: Ja. Natürlich hast du es als Trainer dort nicht so leicht. Aber, glauben Sie mir, selbst in einer Stadt wie Hannover gibt es dieses Hauen und Stechen der Journalisten, die alle die exklusiven Informationen und ihre Geschichten wollen und dabei eigene Interessen verfolgen müssen.

nordbuzz: Sie sagen „müssen“ - also können Sie es verstehen?

Slomka: Absolut. Es ergibt sich zwangsläufig aus der Konstellation, die sich um die Bundesliga herum aufgebaut hat. Das ist auch eine Art Spiel, und das sollte man nicht verteufeln, denn es ist ja auch gut für die Vereine, die Teams, die Spieler - alle profitieren davon, dass die Medien so nah dran sind. Die Leute machen ihren Job. Wenn man das mal verinnerlicht hat, kommt man gut klar als Trainer in der Liga.

nordbuzz: So einfach?

Slomka: Na gut, nein. Auch bei mir war es erst mal ein Prozess. Ich wurde ja, wie so viele, eher überraschend in das Bundesligageschäft geworfen. Als ich 2006 die Schalker Profis übernahm, hatte ich lediglich Erfahrungen als Jugend- und Amateurtrainer sowie als Co-Trainer in Hannover und auf Schalke. Das erste halbe Jahr war der pure Wahnsinn. Da habe ich mir gesagt: Du musst etwas tun, du musst lernen, das, was auf dich einprasselt, besser zu be- und verarbeiten. Also habe ich mich eine Woche lang einem Medientraining mit einem echten Profi gestellt. Eine der anstrengensten und intensivsten Erfahrungen überhaupt. Ich wollte nach zwei Tagen auch schon hinschmeißen, so hat er mich getriezt, aber heute bin ich froh, dass ich's durchzog. Ich zehre viel von dem, was ich da gelernt habe, mich kann nichts mehr erschüttern.

nordbuzz: Sie wechselten dann auch recht bald immer mal die Seiten ...

Slomka: Ja, ich arbeitete als Kolumnist bei Zeitungen, machte auch schon bei T-Home und später bei SAT.1 und Sky Erfahrungen mit dem Fernsehen. Weil mich die andere Seite einfach schon immer interessierte - ich hatte Lust drauf, zu erfahren, wie Nachrichten vermittelt werden.

nordbuzz: Dann können Sie es wohl recht objektiv beurteilen: Wann macht ein Fußballjournalist seinen Job gut?

Slomka: Wenn er es schafft, eine gewisse Leidenschaft für ein Team zu entwickeln, eine Nähe zu Spielern, zum Trainer, zum Verein aufzubauen - aber ohne die journalistische Distanz zu verlieren. Es gehört auch auf der Seite der Journalisten dazu, zu lernen: dass sie aus dem Umfeld nicht immer genau die Nachricht bekommen, die sie gerne hätten, sondern vielleicht eine andere. Das muss man einfach akzeptieren, dass es keinen Anspruch darauf gibt, immer das zu bekommen, was man gerade will. Genau wie die Spieler oder Trainer immer daran denken sollten, dass da einer ist, der davon lebt, Nachrichten zu verkaufen. Und dann, so meine ich, kommen wir doch alle ganz gut miteinander aus.

nordbuzz: Wie schaut ein Bundesliga-Trainer eigentlich zu Hause auf der Couch Fußball? Gehen Sie richtig mit?

Slomka: (lacht) Das sollten Sie besser meine Frau fragen. Aber ich würde sagen, dass ich eher der ruhige Typ bin. Ich bin sehr analytisch. Wenn ich Fußball gucke, habe ich alle Hintergrundinformationen und Rahmendaten im Kopf. Ich schaue 90 Minuten lang sehr konzentriert, was auf dem Feld passiert, bewerte die Spieler, ihre Laufwege, die Raumaufteilung und ihre Körperspannung. Ich bin wohl ziemlich introvertiert. Es sei denn, Deutschland spielt.

nordbuzz: Dann verwandeln Sie sich in einen normalen Fan?

Slomka: Ja, absolut. Da übermannt mich die Leidenschaft. Ich kann mich schon auch ordentlich aufregen und werde mal laut.

nordbuzz: Ist die Anspannung, die Sie bei der Arbeit als Experte vor einem Spiel haben, vergleichbar mit der des Bundesligatrainers?

Slomka: Ich denke schon. Hier wie da versuche ich, der Anspannung durch penible Vorbereitung zu begegnen. Als Trainer bin ich dann ruhig, wenn ich alle Eventualitäten durchdacht, wenn ich einen Plan habe. Ich brauche für mich einfach eine feste Grundlage für all die Entscheidungen, die man in einem Spiel zu treffen hat. Im Prinzip ist es beim Job als Experte ähnlich: Ich denke mich vorher rein, versorge mich mit Informationen, lege mir was zurecht ... Aber natürlich gebe ich zu, dass der Puls auf der Trainerbank noch ein bisschen höher schlägt. Die vierten Offiziellen wissen das: Ich bin während eines Spiels leider nicht immer so angenehm wie jetzt gerade. Aber das ist, glaube ich, normal in der ganzen Emotionalität der 90 Minuten.

nordbuzz: Tut es Ihnen im Anschluss leid?

Slomka: Ja, natürlich. Aber man muss das auch verstehen: Ich arbeite mit meiner Mannschaft eine Woche darauf hin, dass im Spiel alles funktioniert - und dann grätscht mir einer mit einer Fehlentscheidung dazwischen und macht meine Arbeit zunichte. Da vergisst man sich schon mal. Sollte man nicht, aber es passiert. Aber keine Sorge, beim TV-Job sehe ich das dann doch vergleichsweise locker (lacht).

nordbuzz: Aber auch Fernsehen lebt von Emotionen.

Slomka: Das ist klar. Ich nehme mir auch vor, möglichst viel Emotionen in meine Analysen und Gespräche mit reinzupacken - aber natürlich alles im relativ entspannten Rahmen. Ich mache in Frankreich ja nur das, was ich am liebsten tue: mit Leidenschaft über Fußball reden. Ich bin nun mal Fußballlehrer.

nordbuzz: Sie erhielten für Ihre bisherigen Auftritte am TV-Mikro sehr gute Kritiken.

Slomka: Ja, mein Fernsehtalent hat mich fast selbst ein bisschen überrascht (lacht), ich war zu meinem eigenen Erstaunen auch gar nicht sonderlich aufgeregt dabei. Aber man darf nicht unterschätzen, wie hoch bei so etwas der Anteil der erfahrenen Fernsehhasen an der Seite der Experten ist. Die Hauptarbeit liegt bei den Kommentatoren, sie legen den Grundstein, wir sind nur die Ergänzung. Ich weiß einen Hansi Küpper neben mir, da bin ich so was von safe ... Das hilft enorm.

nordbuzz: Besteht die eigentliche Herausforderung des einordnenden Fachmannes darin, den Zuschauer nicht mit Expertenwissen zu überfordern?

Slomka: Genau so ist es. Es ist logisch, dass ich als Trainer ganz andere Dinge sehe und ansprechen will als der Zuschauer oder auch der Kommentator. Ich muss mich da also etwas zurücknehmen und das richtige Maß finden. Taktische Einordnungen sind mir aber wichtig, ohne sie geht es nicht. Auch denke ich, dass es zu meiner Aufgabe gehört, während des Spieles aus meiner Sicht wünschenswerte Veränderungen anzusprechen - im taktischen oder personellen Bereich. Wenn ich gerne einen Spieler von der Bank sehen würde, dann fordere ich sicher auch mal eine Einwechslung. Das darf man als Experte.

nordbuzz: Jürgen Klopp hat 2006 als Experte fürs ZDF gearbeitet und, so sagen viele, das Thema Fußball-Analyse revolutioniert. Nehmen Sie sich seine Art um Vorbild?

Slomka: Das kann man nicht. Jürgen Klopp ist Jürgen Klopp, und ich bin möglicherweise anders. Ich kann aber nur bestätigen: Er hat die TV-Analysen neu kultiviert, wir waren damals alle begeistert von seiner Art. Wobei ich ich auch schon Delling/Netzer spannend fand. Ich freue mich jetzt einfach darauf, es selbst zu versuchen. Was dabei herauskommt, wie mich die Kritiker diesmal finden? - Alles ist möglich (lacht).

nordbuzz: Auch fürs deutsche Team?

Slomka: Definitiv. Ich glaube hundertprozentig an die Mannschaft, so wie sie jetzt aufgestellt ist. Vor allem stehe ich fest hinter dem unfassbar akribisch arbeitenden Trainerteam. Die polnische Nationalmannschaft kann uns natürlich das Leben wieder schwer machen, aber es kann für uns nur darum gehen, souverän als Erster durch diese Vorrundengruppe zu kommen und dann mit viel Selbstvertrauen in die K.o.-Spiele zu gehen. Es geht dann nur noch um Nuancen, da kann ein gewisses Vertrauen in das eigene Vermögen schon den Ausschlag geben. Denken wir an die WM, an die engen Spiele, die wir gegen Algerien und Frankreich überstehen mussten.

nordbuzz: Aber Sie wollen keinen Tipp abgeben?

Slomka: Da bin vorsichtig. Aber das Liebste wäre mir ein Finale Deutschland gegen Frankreich!

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