Kurt Russell

Einmal nur eine Insel sein ...

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Snake Plissken, Jack Burton in "Big Trouble in Little China", Wyatt Earp in "Tombstone", Stuntman Mike aus Quentins "Death Proof" und nun John Ruth in "The Hateful 8" - Kurt Russell ist ein Mann für Rollen, die in Erinnerung bleiben.

Zum zweiten Mal engagierte Quentin Tarantino Kurt Russell für die Hauptrolle in einem seiner Filme. Aus guten Gründen. Der Mann, der einst "Snake Plissken" war, verfügt über eine ganz besondere Fähigkeit ...

Moderator Steven Gätjen stellte ihn bei der Pressekonferenz in Berlin als "Legende" vor. Und auch wenn Kurt Russell solcherlei Komplimente, die er nicht zum ersten Mal hört, mit einem milden Lächeln zur Kenntnis nimmt ... Sie stimmen dann schon. Russell, 1951 geboren, hat zeit seines Lebens immer wieder ein Gespür für das Besondere gezeigt. Für Rollen, die ihn vor allem beim männlichen Publikum zur Ikone werden ließen. Filme wie "Die Klapperschlange" (1981), "Das Ding aus einer anderen Welt" (1982), "Tombstone" (1993) oder zuletzt "Death Proof" (2007) führen bis heute sein Talent zur Erschaffung "echter Kerle" vor Augen. Nicht anders sieht es der Regisseur Quentin Tarantino, der Russell nach "Death Proof" nun ein zweites Mal engagierte. Gemeinsam drehten sie den Western "The Hateful 8", der am 28. Januar in den Kinos startet. Russell spielt den rüden Kopfgeldjäger John Ruth, der sich in einer kleinen Bar im amerikanischen Nirgendwo irgendwann seiner Haut erwehren muss ...

teleschau: Ein enger Raum, acht Menschen, davon sieben Männer. Wochenlang zum Dreh zusammengepfercht. Klingt so, als habe Quentin Tarantino eine Art Humanexperiment an Ihnen durchgeführt.

Kurt Russell: Er hat uns bestens vorbereitet. Alle Mitarbeiter bekamen in einer speziellen Vorführung vorab John Carpenters "Das Ding" gezeigt.

teleschau: Ein Film von 1982, in dem Sie auch die Hauptrolle spielten ...

Russell: Und der einige Parallelen zu "The Hateful 8" besitzt. Damals verbarrikadierten sich die Männer im Eis ebenso vor einem Sturm, der draußen wütete. Und sie fühlten sich bedroht von einem außerirdischen Monster. Das gibt es natürlich diesmal nicht. Aber in beiden Filmen geht es am Ende darum, was diese besondere Situation aus den Menschen macht.

teleschau: Nämlich?

Russell: Sie beginnen, einander zu misstrauen. Paranoia greift um sich. Es geht bei uns zunächst nicht, wie in so vielen anderen Filmen, um die Frage "Wer hat es getan?", sondern um die Frage: "Wer wird etwas tun?" Quentin Tarantino hat das in seinem Drehbuch ganz großartig ausformuliert. Ich erinnere mich gut daran, als ich es zu lesen bekam: Ich schaute mir meine Rolle an, John Ruth, und sie ließ mich nicht mehr los.

teleschau: Im Grunde aber zunächst eine typische Western-Figur ...

Russell: Klar, eine echte Western-Ikone. Aber so einen bombastischen Kerl habe ich noch nie gespielt. Darüber hinaus trägt er aber eine Botschaft in sich.

teleschau: Er ist ein Kopfgeldjäger, der unter allen Umständen seine Gefangenen lebend abliefern will.

Russell: Dem anderen Kopfgeldjäger, Major Warren, den Samuel L. Jackson spielt, ist das egal. Er liefert Leichen ab. John Ruth hat die Grundpfeiler der amerikanischen Justiz vor Augen. Egal, welchen Verbrecher er erwischt, er hat eine Chance verdient, sich vor Gericht zu verantworten. Nicht wie früher, als es genügte, wenn die Mächtigen den Daumen nach oben zeigten oder ihn senkten. Und John Ruth geht sogar große persönliche Risiken ein, um das sicherzustellen. Das hat mir gefallen.

teleschau: Sie waren einige Jahre von der Bildfläche verschwunden und arbeiteten als Winzer. Jetzt kamen gleich drei neue Filme mit Ihnen: "The Hateful 8", "Fast & Furious 7" und der Western "Bone Tomahawk", der hierzulande auf DVD erscheint. Warum die lange Pause?

Russell: Es war ganz einfach: Die meisten Bücher, die mir vorgelegt wurden, gefielen mir einfach nicht. Dazu kam: Ich habe so viele Filme gemacht, ich musste einfach nicht arbeiten.

teleschau: Was haben Sie in jener Zeit über sich gelernt?

Russell: Vor allem, dass ich echtes Talent als Winzer habe (lächelt). Hätte so bleiben können, aber dann wurde mir das Drehbuch zu "Bone Tomahawk" vorgelegt. Das gefiel mir wirklich. Und als dann "Fast & Furious 7" rauskam, hatte mich plötzlich auch wieder Hollywood auf dem Schirm. Es kam das Angebot zu "The Hateful 8" und zuletzt für "Deepwater Horizon" (Kinostart 2017, d. Red.), in dem es um die Katastrophe im Golf von Mexiko 2010 geht.

teleschau: Und in dem auch Kate Hudson, die Tochter Ihrer Lebensgefährtin Goldie Hawn, mitspielt.

Russell: Ein absoluter Zufall. Ich wusste, dass sie in dem Film die Ehefrau von Mark Wahlberg spielt. Und eine Weile später wurde das Script auch mir vorgelegt. Könnte ein richtig guter Film werden. Zumal er ein wichtiges Thema aufgreift. Dazu könnte demnächst eine kleinere Rolle in "Guardians Of The Galaxy 2" kommen.

teleschau: Populär wurden Sie Anfang der 80er-Jahre weltweit durch Ihre Rolle als Snake Plissken in "Die Klapperschlange". 1996 gab es die Fortsetzung "Escape From L.A." Die Filme haben weltweit eine riesige Fangemeinde, die sich immer noch Hoffnungen auf einen dritten Teil macht.

Russell: Ach, wissen Sie, ich entstamme einer Generation, die der Idee von Fortsetzungen nicht viel abgewinnen kann. Früher hast du als Schauspieler, wenn du einen erfolgreichen Film gedreht hast, das Interesse in Hollywood geweckt, das mit dir dann andere, neue Geschichten erzählen wollte. Heute geht es darum, so genannte Franchises zu erschaffen. Wobei ... Angebote zu Fortsetzungen habe ich irgendwie schon immer bekommen.

teleschau: Zum Beispiel?

Russell: Ich hätte fünf verschiedene Versionen von "Tombstone" drehen können. Sie wollten sogar "Overboard", den ich mit Goldie gedreht habe, fortsetzen. Aus "Stargate", das auch weitergehen sollte, wurde dann eine Fernsehserie. All das hat mich nie interessiert. Mir ging es als Schauspieler immer um etwas Neues.

teleschau: Bis auf "Escape From L.A.", in dem Sie gemeinsam mit dem Regisseur John Carpenter Snake Plissken zurückkehren ließen.

Russell: Ja, das war eine Ausnahme. Damals, 1996, sahen wir beide die letzte Chance, Snake Plissken noch einmal auferstehen zu lassen. So wie diese Figur sein sollte: Jung, in Form, optisch noch nah am Original. Aber eine dritte Snake-Story kam für mich nie in Frage.

teleschau: Es wurde immer wieder über ein Drehbuch unter dem Titel "Escape From Earth" gesprochen.

Russell: Das entstand dann auch. Dabei war das von mir zunächst nur als eine Art Witz gedacht. Ich dachte mir, das wäre ein konsequenter Titel: Ein Typ, der zwei Filme lang einfach nur weg will: aus New York, aus L.A., aus dieser ganzen Zivilisation. Da hab ich dann einfach mal den Titel "Escape From Earth" in den Raum geworfen. Für einen wie Snake wäre es sicher das letzte Ziel.

teleschau: Quentin Tarantino, Robert Rodriguez und viele andere Regisseure erwähnen "Die Klapperschlange" immer wieder als einen Ihrer Lieblingsfilme. Es gibt bis heute unzählige Fanseiten, Comics, Merchandising. Sie werden überall auf der Welt immer wieder auf diese Figur angesprochen. Was macht sie aus Ihrer Sicht so besonders?

Russell: Diese Frage stelle ich mir oft: Was macht eine Figur aus? Was muss sie an sich haben, damit sie dich erreicht? Dabei hat das Studio damals wirklich lange gezögert, ob sie diesen Film wirklich machen wollen.

teleschau: Woran lag's?

Russell: Weil Snake Plissken jemand ist, der keine echte Motivation für sein Tun hat. Es geht ihm nicht um soziale Anerkennung. Nicht darum, zum Beispiel seine Frau oder Kinder zu retten. Und er hat überhaupt keinen Hintergrund, der erklärt, warum er der wurde, der er ist. Er ist einfach da. Und dann zeigte sich, dass es genau das ist, was diese Figur in all den Jahren für viele zu einer Art Ikone hat werden lassen.

teleschau: Der einsame Streiter ...

Russell: Glauben Sie mir, Snake Plissken würde mit Ihnen nie etwas zu tun haben wollen. Mit Ihnen nicht, mit mir nicht, mit John Carpenter nicht. Mit niemandem. Ich glaube, das ist ein Gefühl, das viele Männer immer mal wieder in sich tragen. Jeder fragt sich irgendwann, ob es nicht besser wäre, wie eine Insel zu sein in diesem Leben. Einfach nur mal seine Ruhe zu haben, die vollkommene Kontrolle über sein eigenes Schicksal zu besitzen. Das hat natürlich etwas Anziehendes.

teleschau: Das sind Figuren, wie sie auch Quentin Tarantino immer wieder in seine Bücher einbaut ...

Russell: Und zum Glück hat er ab und an dabei mich vor Augen. Es ist mir schon klar: Ich habe in meiner Karriere so viele unterschiedliche Charaktere gespielt, so viele Genres bedient. Aber manche bleiben dem Publikum einfach in besonderer Weise in Erinnerung, und es wird sie ewig mit mir verbinden: Snake Plissken, Jack Burton in "Big Trouble in Little China", Wyatt Earp in "Tombstone", Stuntman Mike aus Quentins "Death Proof" und nun hoffentlich eben auch John Ruth in "The Hateful 8". Aber das ist alles gut so. Zumal auch immer mehr junge Leute die Filme von früher entdecken und sie mögen. Was könnte ich mir Besseres wünschen?

Schauspieler Kurt Russell

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