Garbage

Die Krise beim Namen nennen

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Nach ihrem starken Comeback-Album „Not Your Kind Of People“ (2012) legen Garbage mit „Strange Little Birds“ nach.

Shirley Manson von Garbage ist eine beeindruckend meinungsstarke Frau. Im Interview ledert sie los über Politik, Gesellschaft und die Zeit, in der wir leben.

„Only Happy When It Rains“, sang Shirley Manson 1995 und wickelte damit Rockfans auf der ganzen Welt um den Finger. Das selbstbetitelte Debütalbum ihrer Band Garbage verkaufte sich fünf Millionen Mal. Die Mischung aus Rock, Pop, Grunge und Industrial sowie die oft unbequemen Texte von Manson waren erfrischend anders. Drei Alben später war die Band jedoch erschöpft und verabschiedete sich in eine unbestimmte Auszeit - aus der sie 2012 mit dem Album „Not Your Kind Of People“ zurückkehrte. Der Spaß an der Musik ist seitdem offenbar zurück, denn mit „Strange Little Birds“ veröffentlichen Garbage nun ihr sechstes Album. Musikalisch ruft es Erinnerungen an das Debüt der Band wach, textlich könnte es düsterer kaum sein. Im Interview verrät Shirley Manson (49), warum das so ist.

nordbuzz: Im vergangenen Jahr feierten Sie das 20-jährige Bestehen von Garbage. Klingt Ihr neues Album „Strange Little Birds“ deshalb ein wenig wie Ihr Debüt?

Shirley Manson: Zweifellos hatte das einen gewissen Einfluss. Wir nahmen die Songs im Keller unseres Schlagzeugers Butch Vig auf, unsere Haltung glich dadurch der von Debütanten. Statt uns zu viele Gedanken zu machen, probierten wir einfach aus. Wir wollten mit dem Album aber auch die Stimmung der Zeit einfangen. Wir hatten das Verlangen nach einem düsteren, filmischen und grüblerischem Sound.

nordbuzz: Weil die Zeiten düster sind?

Manson: Genau. Wir sind nicht hier, um irgendetwas zu beschönigen. Wir leben in einer düsteren Zeit - die düsterste Zeit, seit ich auf dieser Welt bin. Die Welt befindet sich in einer Krise und weiß nicht, was zu tun ist. Die Regierungen sind überfordert, keiner begreift die Auswirkungen der Tatsache, dass wir in einer globalen Gemeinschaft leben. Was etwa in Istanbul passiert, geht uns alle etwas an. Wir befinden uns im Krieg, die westliche Welt wird angegriffen. Die Zeiten sind pikant, und ich habe die Nase voll davon, das Radio anzumachen und noch einen bescheuerten Popsong ohne Inhalt zu hören. Vor allem von älteren Künstlern.

nordbuzz: Traut sich keiner mehr den Mund aufzumachen?

Manson: Ich glaube eher, sie versuchen jung zu wirken. Sie singen davon, in irgendwelchen Clubs Jungs oder Mädchen abzuschleppen. Mal ehrlich - wann waren die denn das letzte Mal in einem Club? Den Mist kauf ich ihnen nicht ab. Das sind peinliche Lügen. Traurig ist das. Wir wollten ein Album machen, das ehrlich wiedergibt, wer wir sind - mit allen Vor- und Nachteilen. Es ist die Wahrheit. Die Leute wollen sie vielleicht nicht hören und sicherlich wird es nicht im Radio gespielt werden. Aber immerhin haben wir ein Statement abgegeben, wie es sich anfühlt, wir zu sein - im Jahr 2016.

nordbuzz: Tatsächlich sprechen Sie viele unbequeme Themen an. In „So We Can Stay Alive“ zum Beispiel geht es um Sterblichkeit.

Manson: Ich werde dieses Jahr 50. Die Tatsache, dass wir alle sterblich sind, schleicht sich in einem Ausmaß wie nie zuvor in meine Gedanken. Ich habe sowieso eine destruktive, düstere und depressive Seite - seit ich geboren bin. Das wird nie weggehen. Die Frage war also: Werde ich jetzt depressiv, weil ich älter werde? Will ich eine dieser Frauen werden, die glauben, dass ihr Leben zu Ende ist, nur weil sie die zweite Lebenshälfte erreichen?

nordbuzz: Ich nehme an, Ihre Antwort lautete nein.

Manson: So ist es. Wir werden alle älter, aber anstatt mich davon herunterziehen und demotivieren zu lassen, habe ich beschlossen, meine Zeit zu nutzen. So viele meiner Freundinnen sind am rumheulen. Ich möchte ihnen dann immer am liebsten ins Gesicht schlagen. Ich kannte drei Kinder, die im Alter von sechs Jahren gestorben sind. Wir sollten dankbar sein, dass wir so lange leben!

nordbuzz: Was ist das Schöne am Älterwerden?

Manson: Ich fühle mich dadurch ermächtigt und will eine Frau sein, weise und erfahren. Ich will wachsen. Ich hasste es, jung zu sein, fühlte mich machtlos und unglücklich. Klar, ich sah ganz hübsch aus. Aber was hilft das? Es gibt immer ein hübscheres Mädchen. Wir sind ja nicht mal selbst dafür verantwortlich, sondern werden so geboren.

nordbuzz: Und Schönheit ist vergänglich.

Manson: Ganz genau. Die Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, sind sowieso drei Stunden von einem Profi zurechtgemacht. Ich spreche aus Erfahrung. So kann man jeden transformieren. Der Song „Teaching Little Fingers How To Play“ handelt davon, zu akzeptieren, dass mit dem Alter auch gute Dinge kommen. Es ist doch toll, unterschiedliche Phasen im Leben zu erleben; denn jede Phase ist anders. Man trifft andere Leute, erlebt unterschiedliche Dinge. Warum sollte man eine Phase ausradieren? Wenn man nicht glücklich ist, muss man halt etwas ändern. Diese Einstellung habe ich meiner Mutter zu verdanken.

nordbuzz: Inwiefern?

Manson: Sie hat immer gesagt, dass man sein eigenes Glück schaffen muss. Wenn du nicht zufrieden bist, ändere etwas. Niemand sonst wird es für dich tun.

nordbuzz: Das klingt alles sehr stark - aber tatsächlich geht es auf „Strange Little Birds“ auch darum, Schwächen zuzugeben.

Manson: Geht es in den sozialen Medien nicht die ganze Zeit darum, wie fantastisch wir sind? Wie großartig unser Leben ist, wie schön und beliebt wir sind. Wir geben Dinge vor und porträtieren Leben, die nicht real sind. Ich finde das einfach nur langweilig. Ich denke dann immer: Menschen, die vor hunderten von Jahren gelebt haben, inspirieren mich heute noch. Sie haben tolle Dinge entdeckt, waren philosophisch. Wie werden folgende Generationen wohl auf die letzten 20 Jahre zurückblicken? Was denken sie von uns? Sie sehen Menschen, die Selfies mit Schmollmund machen. Sind wir im Kindergarten?

nordbuzz: Glauben Sie, dass die Menschen früher kreativer waren?

Manson: Schon. Das einzig gute an der technischen Revolution: Früher oder später wird sie eine massive Veränderung in unserer Gesellschaft hervorrufen. So viele junge Leute haben die Möglichkeit, kreativ zu sein. Fotos zu machen, Filme, Musik. Ich glaube, es wird eine Renaissance geben - direkt aus dieser schlimmen Zeit des traurigen, kindlichen Blödsinns. Die Leute sind doch jetzt schon gelangweilt. Erinnern Sie sich noch, wie eine Zeit lang alle ihr Essen fotografiert haben? Das ist zum Glück vorbei. Es gibt auch nicht mehr so viele Frauen, die sich Brustimplantate machen. Die Dinge ändern sich. Wir müssen diese Phase des besorgniserregenden Schwachsinns bloß überstehen.

nordbuzz: Soll Ihr Album die Menschen wachrütteln?

Manson: Es ist auf jeden Fall ein trotziges Album. Es widerspricht dem, was in den Medien heutzutage gepredigt wird. Für mich ist es ein Statement, eine Ablehnung von Werten, an die ich nicht glaube. Ich kann die Welt nicht ändern. Ich kann nicht ändern, wie die Leute sich verhalten und wie falsch die Politiker sind. Aber es liegt in meiner Hand, welche Entscheidungen ich treffe und wie ich mein Leben lebe.

nordbuzz: Ihr Jubiläumstour im letzten Jahr trug den Titel „20 Years Queer“. Sind sie gerne „queer“, also sonderbar?

Manson: Das bin ich! Das war nicht immer so. Früher habe ich mir gewünscht, normal zu sein - bis ich gemerkt habe, dass niemand normal ist. Wir sind alle Freaks! Die Leute geben nur vor, dass sie es nicht sind, dass ihre Leben, Ehen und Kinder perfekt sind. Aber das ist Quatsch. Jeder, den ich kenne, kämpft damit, das Leben zu verstehen.

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