Das Kochen der anderen: Der VOX-Klassiker "Das perfekte Dinner" wird zehn Jahre alt

Von Köchen und Menschen

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Zum Jubiläum lässt VOX besondere Kandidaten aus der Geschichte der Reihe "Das perfekte "Dinner" noch einmal antreten (von links): Janne, Eik, Zoi, Sabrina (Freundin von Gastgeber Marcus), Marcus und Sascha.

"Das perfekte Dinner" bei VOX startete vor zehn Jahren und schrieb mit einem im Grunde einfachen, aber eben auch einfach genialen Konzept Fernsehgeschichte. Ab 7. März wird eine Woche lang Jubiläum gefeiert.

Wer sich fragt, welche Segnungen uns die "Nullerjahre" außer Coffee to Go und Web 2.0 noch gebracht haben, landet irgendwann unweigerlich auch beim Reality-TV. Also im Fernsehen ganz unten, wie es mancher Kritiker wohl formulieren würde. Aber wie beim Kaffee und im Sozialen Netz gilt: Es war nicht alles schlecht. Was 2003 bei RTL II mit "Frauentausch", der von Anfang an verschrienen, aber nach wie vor produzierten Krawall-Sendereihe, die die Macher weiland selbst als "soziologisches Experiment" bezeichnet hatten, seinen Anfang nahm, trieb die erstaunlichsten Blüten und ist nicht mehr aus den Programmen wegzudenken. VOX, der Sender, der momentan in dem Genre, über das viele nach wie vor die Nase rümpfen, die Nase vorne hat, feiert jetzt mit einem der populärsten Reality-Formate Jubiläum: Die Koch-Doku "Das perfekte Dinner" ging vor zehn Jahren, am 6. März 2006, auf Sendung.

Es ist ein einfaches Gericht, aber es scheint dem Publikum zu munden: Pro Woche laden sich fünf Protagonisten, Menschen wie du und ich, gegenseitig zum Essen ein und lassen auch den Zuschauer in ihre Kochtöpfe, Küchen, eigenen vier Wände und ein bisschen auch in ihren Alltag blicken. Von Montag bis Freitag, immer um 19 Uhr, gibt es bei VOX "Das Leben der anderen". - So lautet nun mal auch die Überschrift über die einzige wirklich neue Fernsehidee der letzten 20 Jahre: Reality-TV.

Das VOX-Konzept öffnet die Türen zu fremden Wohnungen und reichert das Thema Kochshow mit einer Prise "Big Brother" an. Das Format ist damit zuvorderst ein trefflicher Spiegel des Zeitgeists einer Wohlstandsgesellschaft, die eben auch ein gewisser Hang zum Voyeurismus prägt. Dass aus "Das perfekte Dinner" ein Dauerbrenner werden könnte, war dennoch kaum abzusehen. "Anfangs konnten wir uns das alle nicht vorstellen, gerade weil die beiden Testwochen eher unter der Erwartung blieben", erinnert sich Chefredakteur Kai Sturm an einen holprigen Start. Doch dann avancierte die Produktion zur Erfolgsgeschichte.

Spitzenquoten erzielte die Sendung Anfang 2007, als über drei Millionen Fans regelmäßig dabei waren. Im Jahresmittel lag der Zuspruch 2007 bei 2,86 Millionen Zuschauern, 2008 bei 2,26 Millionen. Seither ging es kontinuierlich bergab, in den vergangenen beiden Jahren waren im Schnitt noch 1,52 Millionen Zuschauer dabei. Aber mit 0,94 Millionen "jungen" Fans liegt der Marktanteil in der Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen Zuschauer noch bei beachtlichen acht Prozent. Ein Wert, der die Macher zuversichtlich in die am 7. März startende Jubiläumswoche gehen lässt. Überhaupt: Das "Dinner" ist eine starke Marke, der im Gegensatz zu manch anderem Reality-Format nichts Schmuddeliges anhaftet. Solche Verlässlichkeiten sind selten geworden im Fernsehen.

Der Sender hielt also aus gutem Grund an Bewährtem fest, produzierte mit der Firma ITV sein "perfektes Dinner" stur mit der bekannten Grundsstruktur aber nie lieblos weiter. Über 2.500 Sendungen aus über 100 deutschen Großstädten aber auch aus internationalen Regionen und Metropolen von Los Angeles bis Paris, von Mallorca bis Südtirol wurden bislang serviert. 7.545 Vor-, Haupt- und Nachspeisen wurden kredenzt, fast eine Million Euro hat man an 607 "Dinner"-Gewinner ausgeschüttet. Mit dem Portal kochbar.de wurde längst die passende Onlineverlängerung etabliert, dort gibt es alle Rezepte zum Nachkochen (mit 76.000 Abrufen sind Königsberger Klopse mit Kapern und Petersilienkartoffeln das gefragteste Gericht der Sendung).

Dass es inzwischen diverse Ableger gibt, die sonntagabendlichen Specials mit Prominenten oder auch jene kuriose Overnight-Variante vom "perfekten Dinner im Schlafrock", spricht für sich. Der Deutsche Fernsehpreis, den die Macher bereits 2007 erhielten, was damals ein Branchenaufreger war, kommt also doch nicht ganz von ungefähr.

"Man beobachtet fünf völlig unterschiedliche Menschen, die sich gegenseitig nach Hause einladen und die die Leidenschaft des Kochens und des Gastgebens vereint. Wie sich die Gruppe innerhalb der Woche entwickelt, ist immer eine Überraschung." - So bringt Katja Rieger, Leiterin der Programmentwicklung und Executive Producer bei VOX, das Grundgerüst der Sendung auf den Punkt. Daniel Werner, der Sprecher, der es mit seinen von Ironie gekennzeichneten Kommentaren aus dem Off als "Stimme des Dinners" selbst zu Kultstatus gebracht hat, meint, das Format ist "so erfolgreich, weil wir darin ganz normalen Menschen bei einer ganz grundlegenden Tätigkeit zusehen, der Essenszubereitung - aber auch bei einem kulturellen Ereignis, dem Speisen. Mit Ironie und Gutmütigkeit." Werner: "Es gibt was zu schmunzeln, aber auch was zu lernen: übers Kochen und über Menschen."

Tatsächlich spielen sich mithin kleine "Koch-Dramen" ab - immerhin wird hier auch kräftig geflirtet, heimlich gelästert, offen gezankt oder auch kräftig kritisiert. Echte Leute, echtes Leben - es menschelt am Esstisch. Zu den Beispielen, die VOX gerne nennt, gehört der Dortmunder Sascha, der in seiner "Dinner"-Runde seine Traumfrau kennengelernt hat. Auch auf Eik aus Köln, der sich als Teilnehmer aus der allerersten Woche und der 1.000. Sendung im Januar 2010 "regelrecht zum "Dinner-Maskottchen" entwickelt habe, oder Marcus aus Geilenkirchen - er fand seine Freundin durch einen "Singleaufruf" beim "Dinner" - sind die Macher richtig stolz: Sie gehören daher zu den Kandidaten, die nun in der Jubiläumsrunde groß aufkochen dürfen. Mit dabei sind dann auch die ehemalige Elektronikfachverkäuferin Zoi aus Berlin, die ihren Traum vom exklusiven Supper-Club lebt, und die Berliner Hobbyköchin Janne, die einst beim "perfekten Dinner" ihrer Mutter als "Schnibbelhilfe" zu sehen war. Kleine Beispiele, die durchaus belegen, dass das Ganze nah dran ist am echten Leben und eine gewisse Aufrichtigkeit hat - bei aller dramaturgischen Aufbereitung.

"Wir wünschen uns von den Teilnehmern, dass sie mit Leidenschaft ihre Qualitäten als Gastgeber zeigen möchten und stolz auf ihre Kochkünste und auch auf ihre Wohnung sind", erklärt VOX-Chefredakteur Sturm. "Wir nehmen diesen Stolz ernst und finden es großartig, wenn verschiedenste Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen von einem schönen Abend aufeinandertreffen." So muss der Gastgeber auch darüber lächeln können, wenn vor laufender Kamera in seiner Sockenschublade gekramt wird - und möglicherweise Pikantes zum Vorschein kommt ...

Bettina Wagener, bei ITV als Chefin vom Dienst zuständig fürs "perfekte Dinner", führt das "archaische Thema 'Kochen" und den "positiv besetzten Aspekt des Genusses" als wesentliche Erfolgsfaktoren ins Feld. "Da haben wir eine Grundthematik, die nach wie vor eine große gesellschaftliche Relevanz hat. Kochen und Genießen gehört zum Leben einfach dazu", argumentiert sie. Das "Allerheiligste, und somit das A und O des 'Dinner'-Erfolgs", seien jedoch die Hobbyköche. "Das Casting-Team schafft es immer wieder, interessante Menschen zu finden, die mal erstaunen, mal begeistern und mal befremden - und immer eine emotionale Reaktion hervorrufen." Die ITV-Frau erinnert sich an "das Model Melanie", das im Februar 2012 in einer Mallorca-Runde gekocht habe. "Auf den ersten Blick sah es aus, als ob sie nicht sehr viel mehr als weibliche Reize in Hülle und Fülle zu bieten hatte. Dann aber erzählte sie von ihrer Passion fürs Jagen und kochte ein wirklich hochklassiges Dinner - und überraschte uns damit alle." Der Rest, so Bettina Wagener, ist Geschichte: "Nach ihrer Teilnahme sah man sie beim 'Bachelor', dann wurde sie 'Dschungelkönigin'. Heute ist sie allen als Melanie Müller bekannt."

Diese Erfolgsgeschichte ist exemplarisch für den Siegeszug eines Fernseh-Genres, das zwar oft auch auf prominente Protagonisten zählt, es in seinen besten Momenten aber vermag, seine Stars selbst zu generieren. Melanie Müller (27) ist das, was eine Daniela Katzenberger schon war: der perfekte Reality-TV-Star. Die Zuschauer von "Goodbye Deutschland", "mieten, kaufen, wohnen", "Shopping Queen" und Co. haben eine Ahnung davon, wie viele "Talente" dieses Kalibers noch auf ihren großen Durchbruch warten, um sich mit Wonne in den Verwertungskreislauf der Doku-Maschinerie zu stürzen. Eine Win-Win-Win-Situation am Ende: Die unverhofft zu Ruhm gekommen "Stars", die Macher und auch die Zuschauer haben was davon. Manche werden um solcherlei zwar weiterhin einen großen Bogen machen, aber man darf VOX zum Jubiläum schon auch gratulieren: Ja, so geht Fernsehen heutzutage!

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