Peter Simonischek über Populismus & das Filmgeschäft

Toni-Erdmann-Star im Interview

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In Cannes hatte Peter Simonischek dieses Frühjahr gut lachen: Sein „Toni Erdmann“ war der Liebling von Publikum und Filmkritik.

Dieser Mann könnte Deutschland den nächsten Auslands-Oscar bringen: Der Österreicher Peter Simonischek spricht über „Toni Erdmann“, seinen neuen Film und den Rechtspopulismus in Europa.

Mit etwas Glück wird „Toni Erdmann“ der erste deutsche Film seit „Das Leben der Anderen“, der mit einem Auslandsoscar geadelt wird. Die ersten Hürden auf dem Weg zum Goldjungen hat der Film von Maren Ade, der im Frühjahr in Cannes Kritiker und Publikum begeisterte, immerhin schon genommen. Neben Hauptdarstellerin Sandra Hüller hat vor allem einer Anteil daran, dass „Toni Erdmann“ die wohl beste deutsche Komödie seit Jahren wurde: der 70-jährige Schauspieler Peter Simonischek. Im ARD-Film „Bergfried“ (Mittwoch, 21. September, 20.15 Uhr) ist die österreichische Schauspiellegende nun in einer gänzlich anderen Rolle zu sehen. In dem Drama von Jo Baier spielt er Stockinger, einen liebevollen Großvater, der ein monströses Geheimnis verbirgt: Als SS-Mann soll er einst in einem toskanischen Dorf fast die gesamte Bevölkerung ausgelöscht haben.

nordbuzz: Stockinger ist ein unverbesserlicher Altnazi. Wie spielt man eine solche Person?

Peter Simonischek: Als Schauspieler muss man auch für so jemanden Verständnis haben. Aber selbst wenn man Hitler spielt, hat es keinen Sinn, die Kritik an diesem Typen mitzuspielen. Man muss die Figur, die man spielt, verteidigen und lieben.

nordbuzz: Hätten Sie sich vorstellen könne, Hitler zu spielen?

Simonischek: Schauen Sie mich an! Würden Sie mich als Hitler besetzten? Der Kelch ist also an mir vorübergegangen. Es gibt für einen Schauspieler eben keine andere Art zu spielen, als seine Figur zu lieben. Außer, man macht es so wie bei Brecht und betrachtet die Figuren als Parabel und distanziert sich so von ihnen - auf Kosten der Authentizität.

nordbuzz: In „Bergfried“ geht es ums Thema Verdrängung. Haben Sie in Ihrer Familie darüber gesprochen, was Ihre Eltern während der Nazi-Zeit gemacht haben?

Simonischek: Mein Vater war sechs Jahre lang bei der Wehrmacht. Als ich ihn einmal danach fragte, sagte er, er habe niemanden bewusst getötet. Das lag aber auch daran, dass er als Dentist hinter der Front die Zahnstation betreute. Er war froh, nicht an der Front sein zu müssen. Meine Mutter war zu Kriegsbeginn 16 und im Bund Deutscher Mädel. Sie erzählte mir einmal, wie sie in unserem Dorf einen Zug gesehen hatte, der an einem Bahnübergang stand. In den Viehwagons waren Menschen und haben aus den kleinen Fenstern nach Wasser geschrien. Als sie mir das erzählte, hat sie sofort geheult. Sonst aber wollte sie über nichts reden. Wenn im Fernsehen etwas kam, sagte sie nur: „Schalt weiter, das brauchen wir nicht mehr!“

nordbuzz: Die Reaktion „Das brauchen wir nicht mehr!“ hört man sicherlich auch oft bei einem Film wie „Bergfried“ - Schon wieder ein Nazi-Film ...

Simonischek: Es gibt auch Leute, die sagen, dass sie das alles nicht interessiert. Aber das ist kein Argument. Ich glaube, es gibt auch heute noch viele, die nicht wissen, was in Italien seinerzeit passiert ist, dass ganze Ortschaften liquidiert wurden.

nordbuzz: Zurzeit ist in Europa der Rechtspopulismus wieder auf dem Vormarsch - auch in Österreich ...

Simonischek: Das ist eine Schande. Seit 15 Jahren bezieht die Koalition in Wien ihre Stimmen nur aus der Angst vor Rechts. Aber sie bekommen nichts auf die Reihe. Jetzt haben wir sogar einen Kanzler und einen Vizekanzler, die beide nicht gewählt sind. Der Stillstand ist festgewachsen. Ich werde natürlich van der Bellen wählen, aber nicht von Herzen.

nordbuzz: Und was passiert, wenn doch Norbert Hofer von der FPÖ gewinnt?

Simonischek: Das will ich mir gar nicht vorstellen, und das weiß ich auch nicht. Das ist ja das Problem: Man kann gar nicht mehr unterscheiden zwischen dem Schreckgespenst, das uns seit 15 Jahren an die Wand gemalt wird, und dem Wolf im Schafspelz, der er vielleicht gar nicht ist. Wer hätte denn gedacht, dass Erdogan jemals so ein Despot werden wird? Aber ich weiß: So einen wie den Orban in Ungarn möchte ich nicht bei uns haben.

nordbuzz: Ist es Ihnen wichtig, was die Nachwelt über Sie denkt?

Simonischek: Da mache ich mir keine Illusionen. Schon bei Schiller heißt es: „Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze.“ Ich freue mich, wenn es ein paar gute Filme gibt. Sonst ist man ja sang- und klanglos weg. Durch einen guten Film hat man die Möglichkeit, ein kleines bisschen unsterblich zu werden.

nordbuzz: Sie spielen auf „Toni Erdmann“ an. Haben Sie keine Angst, dass man Sie für immer mit dieser Rolle in Verbindung bringen wird - „Peter Simonischek, das war doch der Mann mit den schiefen Zähnen“?

Simonischek: Man kann auch mit Zähnen, wie sie der Toni Erdmann im Film hat, eine große Karriere machen. Das hat man bei Helga Feddersen gesehen! Die hatte noch schlimmere Zähne als der Toni Erdmann. Aber die waren echt, die konnte sie nicht rausnehmen!

nordbuzz: Sie spielen in „Bergfried“ zusammen mit ihrer Frau Brigitte Karner. Standen Sie zum ersten Mal gemeinsam vor der Kamera?

Simonischek: Nein, wir haben uns ja beim Film kennengelernt. Damals hatte sie die große Karriere und war auf den Titelseiten. Aber dann haben wir zwei Kinder bekommen, und sie hat sich für die Familie entschieden (lächelt). Ein Wiedereinstieg ist für Frauen leider nicht leicht.

nordbuzz: Haben Sie als Mann es leichter im Filmgeschäft?

Simonischek: Ich bin ja Theaterschauspieler. Filme habe ich eigentlich nur nebenher gemacht.

nordbuzz: Zum Geldverdienen?

Simonischek: Jein. Filme habe ich gemacht, wenn es zeitlich gepasst hat und das Drehbuch und die Rolle gut waren. Seit ich mit dem Schauspielen angefangen habe, bin ich fest in einem Ensemble. Deswegen habe ich so eine durchwachsene Filmografie.

nordbuzz: Spätestens seit „Toni Erdmann“ sind Sie aber auch ein Film-Star. Haben Sie Lust, jetzt noch die große Filmkarriere zu machen?

Simonischek: Meine Devise ist: „Bereit sein ist alles“. Man kann das Glück ja nicht zwingen, aber es gehört eben dazu.

nordbuzz: Werden Sie in Österreich anders wahrgenommen als in Deutschland?

Simonischek: Die Österreicher haben vor Künstlern und Schauspielern einen ganz andern Respekt als die Deutschen. Als ich noch in Berlin wohnte und dort an der Schaubühne war, fuhr ich immer von meinem Haus am Wannsee mit dem Auto zur Arbeit. Dann, eines Tages, bin ich auf der Stadtautobahn, und alles steht. Ich konnte mir höchstens zehn Minuten Verspätung leisten und wusste, dass ich alles tun musste, um rechtzeitig zu anzukommen. Also fuhr ich in die Rettungsgasse, die freigemacht worden war. Und kaum war ich 20 Meter weit gekommen, haben mir die ersten gegen das Auto gehauen und mich angepöbelt. „Ich bin Schauspieler“, sagte ich. Darauf die anderen (imitiert die Berliner Schnauze): „Das gibt der noch zu, der Idiot!“ Wäre mir das in Österreich passiert, hätte ein Polizist gesagt: „Kommen Sie, steigen Sie ein, ich bringe Sie zum Theater!“

tsch

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