Die Netflix-Serie „Marco Polo“ bleibt auch in der zweiten Staffel ein Ausstattungs-Spektakel

Ein Khan muss tun, was ein Khan tun muss

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Benedict Wong versteht es in jeder Hinsicht, seiner Rolle als Kublai Khan Gewicht zu verleihen.

Wer ist hier der Star? Auch in der zweiten Staffel von „Marco Polo“ drängt sich anstelle des Titelhelden der große Kublai Khan in den Vordergrund - für die Serie ein echter Segen.

Man will das Publikum mit Inhalten überzeugen: Diesen Leitsatz spulen Netflix-Boss Reed Hastings und seine Mitarbeiter bei öffentlichen Auftritten immer wieder ab. Oft genug wird man den eigenen hohen Ansprüchen und denen der Kunden auch gerecht, man denke etwa an „Daredevil“, „Orange is the New Black“ oder das Netflix-Flaggschiff „House of Cards“. Bei „Marco Polo“ hingegen hat das mit den überzeugenden Inhalten zunächst nicht ganz geklappt: Die erste Staffel geriet zum optisch imposanten, aber erzählerisch mäßigen Historien-Spektakel. Weil Hastings und Co. so schnell aber nicht den Glauben an ihre Produkte verlieren, darf der junge Marco Polo ein zweites Mal auf Entdeckungsreise gehen. Hauptschauplatz ist abermals der Hof des mongolischen Herrschers Kublai Khan.

Nachdem der Kopf von Kublais (Benedict Wong) abtrünnigem Bruder ab- und der Aufstand der chinesischen Provinzen niedergeschlagen wurde, ziehen über dem Mongolischen Reich erneut dunkle Wolken auf. Kaidu (Rick Yune), Kublais Cousin, fordert das Khanat für sich ein, und ohne Blutvergießen wird er sich nicht zur Ruhe bringen lassen. Zur womöglich größten Gefahr für Kublai wird jedoch ein kleiner Junge. Der niedliche Kindkaiser Gong (Max Kellady), der zu Staffelbeginn eingefangen wird, ist ein wichtiges Symbol für die Hoffnung der Chinesen auf Unabhängigkeit von den Mongolen.

Natürlich: „Marco Polo“ bleibt auch in den zehn neuen Episoden ein überwältigendes Ausstattungs-Spektakel mit bombastischen Kulissen, tollen Kostümen und ausufernden Schlachten. Die prächtigen Bilder vermögen erneut zu erstaunen, nur ist das diesmal eben nicht alles. Die Serie hat sich weiterentwickelt - erzählerisch, vor allem aber auch mit der Fokussierung auf ihre Figuren. Die Söhne des Khan etwa oder auch seine Frau Chabi (Joan Chen), die die Geschicke des Reichs auf ihre Art lenkt, werden von Folge zu Folge interessanter. Hinzukommen spannende neue Charaktere, beispielsweise eine mysteriöse, von Michelle Yeoh („Tiger and Dragon“) verkörperte Widerstandskämpferin.

Und Marco Polo (Lorenzo Richelmy)? Wird er endlich zum Helden? Nein, er nicht: Er war in der ersten und bleibt in der zweiten Staffel ein Langweiler, der unerreichbaren Schönheiten nachweint und mongolische Barbareien mit christlicher Güte pariert. Der venezianische Schönling flehte den Khan schon in der ersten Staffel an, Kriegsgefangene nicht in Stücke zu hacken und in eine große Suppe einzukochen. Nun gehört er zu jenen Beratern, die meinen, man könne den unschuldigen chinesischen Kindskönig doch nicht einfach umbringen.

Belehrungen dahingehend, was er tun oder nicht tun kann, hört Kublai wiederum gar nicht gern. Er ist der Khan der Khane, und er wird tun, was getan werden muss! Für die beschwichtigenden Ratschläge seines europäischen Gastes Polo durchaus empfänglich, ist der impulsive Herrscher gleichzeitig um ein resolutes Auftreten bemüht. Darsteller Benedict Wong grunzt, knurrt, wütet, lässt dann aber auch wieder einen weichen Kern erkennen und füllt seine gewichtige Rolle so mit echtem Leben. Ständig im Konflikt mit sich selbst und diversen Unruhestiftern, entwickelt sich Kublai Khan zu einer der stärksten Figuren, die Netflix derzeit zu bieten hat.

tsch

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