Heisskalt

Keine Zeit für klare Worte

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Von links: Lucas Mayer (Bass), Mathias Bloech (Gitarre und Gesang), Philipp Koch (Gitarre) und Marius Bornmann (Schlagzeug) sind seit 2010 Heisskalt.

Plötzlich tummelt sich Punkrock in den Charts, Hardcore und verschrobener Indie Rock. Ohne Parolen, emotional und tiefschürfend. Heisskalt sind mittendrin. Trotz HipHop-Label-Stigma.

Ist es nicht an der Zeit für Klartext? Verlangen die politischen Begebenheiten dieser Tage, Wochen und Monaten nicht eigentlich, deutlich zu sagen, was im Argen liegt? Stattdessen begeistert sich die Jugend (wieder) für Bands, die mit klaren Worten so viel zu tun haben wie Donald Trump mit weitsichtiger Menschenführung. Zumindest an der Oberfläche nicht. Turbostaat landeten kürzlich ihre beste Chartplatzierung („Abalonia“, Platz 15), Captain Planet schafften es erstmals in die Hitparade („Ein Ende“, 42). Die Nerven und Isolation Berlin werden am Nasenring durch die Feuilletons gezogen. Allesamt Bands, im Punk verwurzelt und mit einem deutlichen Streben wider Industrie, Politik und weiten Kreisen der Gesellschaft. Deutlich in ihren Aussagen werden sie indes nur selten. Genauso wie Heisskalt, die die Erfolge der Kollegen mit „Vom Wissen und Wollen“ wohl noch toppen werden.

In einen Topf zu werfen sind die genannten Bands auf den ersten Blick eigentlich nicht. Turbostaat und Captain Planet mischen schon lange mit, unterschiedlich erfolgreich, ohne dass Erfolg für die beiden Punkrockgrößen des hohen Nordens je von Belang war. Die Nerven machen dagegen Post Punk, genauer Noise Rock, und Isolation Berlin überzeugten die Kritik mit Indie-Klängen und depressivem Pop. Heisskalts Sänger Mathias Bloech bezeichnet die Musik seiner Band im Interview stets als Post Hardcore. Doch was haben die Gruppen nun gemeinsam? „Das sind alles zweifelnde Bands. In den Texten schwingt mit, auf welche Art man sich Gedanken macht und dass man keine einfachen Antworten sucht“, findet Bloech eine Erklärung.

Man könne, so der „angehipsterte“ Lippenpiercing-Träger, die Welt nicht so leicht einteilen, wie es etwa Bands wie Revolverheld und all die Artikel über die ominöse Generation Y versuchen. „Die Welt besteht nicht aus Binärcodes, so wie Facebook-Daumen hoch und runter. Alles soll messbar sein und benannt werden, von vorne bis hinten durchleuchtet. Dagegen sperre ich mich“, erklärt der Heisskalt-Texter. „Natürlich würde ich mir auch wünschen, hier und da mal geradlinigere Lyrics schreiben zu können, zu sagen: hier ist Schwarz, hier ist Weiß, da stehen wir. Und jetzt positionierst du dich, du Pisser!“ Aber so einfach sei das Leben eben nicht.

Das Ergebnis sind oft kryptische Texte, die in vielen Ohren wohl auch verschroben daherkommen. Das Verfassen dieser sei eine Qual, berichtet Bloech: „Ist das wirklich gut? Hat das Substanz? Oder ist es nur selbstmitleidig? Stimmt das überhaupt? Oder ist dieser riesige Emo-Aufschlag totaler Quatsch?“ Emotional geht es zu bei Heisskalt, keine Frage. Der 27-Jährige gibt sich seinem Publikum preis: „Das ist gar keine coole Musik, die wir spielen. Vor allem ich mache mich total angreifbar.“ In seinen Songs geht es um Beziehungen, Leid, die diese mitbringen, Ängste, ein Aufbrechen und das Erkennen, dass dies kaum möglich ist. Sozialkritik schwingt immer wieder mit. Man will Fragen aufwerfen, die sich unweigerlich viele stellen. Dass seine Hörer, gar seine Bandkollegen unterschiedliche Schlüsse daraus ziehen, empfindet Bloech als eine schöne Sache.

Hört man die Musik von Heisskalt, erwartet man einen reflektierten Menschen an vorderster Front. Einen, der beim Songschreiben Gefühle kanalisiert, verarbeitet und ausdrücken will. Der Probleme in der Gesellschaft erkennt, sich aber machtlos fühlt. Genauso stellt er sich im Interview heraus: „Man kann, wenn man hier lebt, keine Entscheidung treffen, die nicht darin resultiert, dass es auf dem Rücken von jemand Schwächerem ausgetragen wird. All diese Dinge, Handys, Autos, alles was uns umgibt, baut auf das Leid anderer Menschen auf“, erkennt er aufgeweckt trotz oft müden Blickes. „Ich finde das total bedrückend und unfrei. Man kann höchstens weniger oder anders konsumieren. Aber einfach nur Bio-Kaffee kaufen? Das ändert ja doch nichts.“

Im Kontrast zu diesem Weit- und Umblick steht für viele Fans ihres Genres, dieses harten Rocks mit Scream-Elementen und traditionell emotionalen Texten, die Labelwahl der Schwaben. Auch das zweite große Release von Heisskalt kommt über „Department Musik“, ehemals „Chimperator Department“. Ein Label, das aus dem Netzwerk um Cro und den Orsons entstand. Zwar sind die Chimperator-Chefs nicht mehr Anteilhaber an ihrem einstigen Versuch, auch neben HipHop weitere Themen zu bearbeiten. Verknüpfungen bestehen aber immer noch zwischen „Department Musik“ in Berlin und dem Erfolgshaus aus Stuttgart. Für einige in der Rockszene ist dies wie ein Stempel auf der Stirn. „Wir definieren uns schon über unsere Ablehnungshaltung - unsere Abneigung auch gegenüber diesem ganzen Chimperator-Cro-Heisskalt-Scheiß“, machte Julian Knoth von Die Nerven 2014 in einem Interview mit den „Stuttgarter Nachrichten“ seinem Groll Luft.

Dass man seine Band und Cro in einen Topf wirft, findet Bloech „interessant“. Er habe das Interview damals gelesen, war verdutzt, kann den Kollegen aber sogar verstehen: „Die haben ein großes Problem mit Chimperator, was wir ja auch nachvollziehen können.“ Es seien einfach keine Werte erkennbar, die die Schmiede von gefälligem Rap vertreten würde. „Und dann auch noch 'McDonald's'-Werbung zu machen, ist halt gar nicht geil. Sorry, das geht nicht“, spricht sich Bloech gegen die Reklame-Tätigkeiten von Cro aus. Man sei damals etwas blauäugig gewesen, als man beim „Label um die Ecke“ anklopfte. Und die Vorteile, die eine so erfolgreiche Plattenfirma mit sich bringt, habe man am Anfang auch gerne mitgenommen: „Man ist da plötzlich in diesem Berliner Stylo-Umfeld, bekommt Klamotten geschenkt. Das ist schon relativ krass als Band vom Dorf.“ Einen Vorwurf will er den „Chimps“ deshalb auch gar nicht machen.

Wohl auch wegen der Labelwahl werden Heisskalt bei der gerade presseseitig hervorgehobenen „Stuttgarter Schule“ um Die Nerven außen vor gelassen. Aber nicht, wie Bloech versichert, weil man etwa in solcherlei Rockkreisen keine Anerkennung genieße, sondern weil schlicht und ergreifend die musikalischen wie persönlichen Berührungspunkte mit den Landsmännern fehlten. Dass sich die Schwabenmetropole mit dem von niemandem in der Szene gewollten Ausdruck selbst schmückt, findet der Sänger zudem äußerst fragwürdig: „Die Stadt hat kein Recht, sich diese Erfolge auf die Fahne zu schreiben. Mit ihrer Widrigkeit ist sie ja hauptverantwortlich dafür, dass so geile Musik hier entsteht - aus einer Antihaltung heraus.“ Fehlender Freiraum, kaum bezahlbarer Platz zum Proben: Die Liste mit Dingen, die Bloech über seine einstige Wahlheimat auszusetzen hat, ist lang. Auch deshalb „floh“ er kürzlich in den Osten, nach Leipzig.

Genau genommen kommen er und seine Bandkollegen, die ebenfalls Mitte 20 sind, ohnehin aus Böblingen. Geprobt wird nach wie vor im Keller der Eltern von Gitarrist Philipp Koch im nahegelegenen Maichingen. Aus zwei befreundeten Bands hat man sich 2010 zusammengefunden; die Verknüpfungen sind kompliziert aber eng. Augenzwinkernd nennt Bloech Heisskalt ein Produkt der „Böblinger Szene“: „Wir sind irgendwas zwischen beste Freunde, Bekannte, Geschwister, Verwandte, Mitbewohner - im Grunde entstand daraus eine sehr dehnbare und belastbare Freundschaft.“

Eine, die in die Charts führte. Das Debüt „Vom Stehen und Fallen“ schoss 2014 auf Platz 29 der Hitliste. Der Vorverkauf zum neuen Album verspricht gar eine Steigerung. Und das, obwohl der anfängliche Hype durch die Starthilfe von Chimperator längst abgeklungen sei. Cro-Fans verirren sich keine mehr auf Heisskalt-Konzerte. Man scheint sich zu etablieren, neben Bands wie Turbostaat, Captain Planet, Die Nerven und Isolation Berlin. Trotz aller Unterschiede spricht deren aktueller Erfolg eine gemeinsame Sprache: Leichtverdauliches ist nicht immer und überall gefragt. Rock hat auch noch Hirn. Und Qualität setzt sich irgendwann durch.

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