Colin Firth im Interview

„Gibt auch glückliche Künstler“

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Colin Firth ist ein entspannter Schauspieler: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch glückliche Künstler gibt. Leid kann schnell zum Fetisch werden.“

Colin Firth über seine Hauptrolle im Biopic „Genius“, die Kopf-Reisen seiner Figur Max Perkins und über gequälte Seelen.

Nett? Das war der saufende, hurende Thomas Wolfe sicher nicht. Aber wohl ein Genie. Sein Lektor Max Perkins vom New Yorker Verlagshaus Scribner's wusste seinen schwierigen Schützling zu betreuen. Der erfahrene Verlagsmann, der bereits mit Ernest Hemingway zusammengearbeitet hatte, schaffte es Wolfes Manuskriptstapel „Schau heimwärts, Engel!“ in einen veröffentlichungsfähigen Roman zu verwandeln. Er wurde ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur. Regisseur Michael Grandage widmet seinen Künstlerfilm „Genius - die tausend Seiten einer Freundschaft“ (Start: 11.8.) der intensiven Beziehung zwischen den beiden ungleichen Männern. Firth trägt als väterlicher Max Perkins diesen grandiosen Künstlerfilm auf seinen Schultern - und einen Hut. Im Interview spricht der 55-Jährige über taube Ohren, gequälte Seelen und „Krieg und Frieden“.

nordbuzz: Welches Geheimnis steckt hinter dem Hut, den Max Perkins niemals absetzt?

Firth: Die Krempe des Huts half dem sehr schwerhörigen Perkins, die Schallwellen zu bündeln, um seine Gesprächspartner besser zu verstehen. Es gibt also eine sehr schlichte Erklärung dafür. Der Hut half ihm aber auch, nervigen Bürobesuchern den Eindruck zu vermitteln, er befände sich gerade im Gehen (lacht).

nordbuzz: Hat Ihnen der Hut dabei geholfen, in die Haut von Perkins zu schlüpfen?

Firth: Kleidung hat immer einen Einfluss auf das Verhalten, erst recht für Schauspieler. Max Perkins war sehr zurückhaltend und fühlte sich ohne Hut entblößt. Dieser Hut hat auch Thomas Wolfe selbst beschäftigt. Er schrieb über ihn in zahlreichen Briefen und vermutete, dass sein Freund ihn selbst unter der Dusche trüge. Regisseur Michael Grandage und ich haben darüber heftig diskutiert. Er war der Meinung, dass ich ihn erst in der emotionalen Szene am Schluss abnehmen sollte.

nordbuzz: Wäre Thomas Wolfe auch heute so erfolgreich wie damals?

Firth: Wenn es je ein goldenes Zeitalter des gedruckten Romans gab, dann waren es die Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts.

nordbuzz: Hat das auch damit zu tun, dass man die Manuskripte damals anfassen konnte - heißt, hinein kritzeln, Eselsohren knicken und die Seiten auch mal zerreißen? Heute gibt es den Änderungsmodus im Textverarbeitungsprogramm ...

Firth: Ich weiß nicht, wohin uns diese Entwicklungen noch führen werden und fühle mich zunehmend abgehängt. Wie kann es sein, dass eine renommierte Zeitung wie „The Independent“ ihre Printausgabe einstellt? Auch wenn sie digital weiter existieren wird und die Menschen das Onlineangebot nutzen werden. Ob damit Geld verdient wird, ist fraglich. Aber ich weiß, dass ich - und da bin ich nicht der Einzige - diese Form von Journalismus vermissen werde. Die ausführlichen Reportagen über fünf oder sechs Seiten. Liest man so etwas Anstrengendes am Bildschirm oder auf einem Tablet, wo man nur einen Klick entfernt ist von der nächsten Website?

nordbuzz: Macht das unsere Gesellschaft ärmer?

Firth: Mit dieser Einschätzung wäre ich zögerlich. Etwas Neues wird ja gerne reflexartig negativ beurteilt. Wir neigen dazu, immer mehr auf das zu schauen, was wir bei einer Veränderung verlieren, als auf das, was wir vielleicht dazu gewinnen. Ja, vielleicht verlieren wir gedruckte Texte, vielleicht auch nicht. Man hat auch gedacht das Kino sei tot, als Video und DVD aufkamen. Aber die Leute gehen noch immer ins Kino, weil sie das Gemeinschaftserlebnis suchen. Und das Internet ist - mag es uns mit Meinungen und Ansichten überfluten - auch jenes Medium, das Menschen eine Stimme verleiht, die sonst keine hätten.

nordbuzz: Erkannte Max Perkins in Thomas Wolfe auch einen Sohn, den er selbst leider nie hatte?

Firth: Max Perkins hatte ein erfülltes Leben als Vater von vier Töchtern, die er über alles liebte. Aber seine Beziehung zu Wolfe, das bemerkte auch Perkins' Frau Louise, hatte väterliche Züge. Vor allem aber beruhte sie auf Perkins' Impuls, verletzte und kreative Seelen zu nähren. Das zum Beispiel hat F. Scott Fitzgerald immer wieder betont, der ja ebenfalls von Perkins entdeckt wurde. Es war aber nicht nur der sicherlich stark ausgeprägte Vaterinstinkt. Für mich war Perkins eine Art Abenteurer - im Kopf.

nordbuzz: Was heißt das genau?

Firth: Er reiste nicht, kämpfte in keinem Krieg, er war kein Torero. Aber er stellte sich all das vor. Das Lieblingsbuch auf seinem Nachttisch war „Krieg und Frieden“, das er wieder und wieder las. Er liebte Geschichten über Seefahrer, Abenteurer, Kriege. Diese Abenteuer fanden in den Büchern statt, die er lektorierte, aber auch in seinem Büro.

nordbuzz: Auf wirkliche Reisen begab er sich selten?

Firth: Er reiste zwar ein wenig, und ja, Max Perkins war tatsächlich mit Ernest Hemingway beim Fischen. Aber er war kein Reisender. Doch egal wieviel Zeit er in seinem Büro verbrachte: Es war kein ruhiges Leben mit Menschen wie Thomas Wolfe um sich herum. Ein wenig von ihnen steckte auch in Max Perkins, war seine wilde Seite.

nordbuzz: Sie wirken nicht annähernd so zerrissen wie Wolfe. Gibt es also wenigstens im Filmgeschäft glückliche Künstler?

Firth: Ich bin fest davon überzeugt, dass es auch glückliche Künstler gibt. Leid kann schnell zum Fetisch werden. Ich erinnere mich an Kommilitonen auf der Schauspielschule, die ihr persönliches Leid geradezu kultivierten, um auf diese Weise in ihrem Spiel authentisch zu sein. Leiden selbst macht einen nicht automatisch kreativ. Sonst wären wir ja alle Genies. Aber die Liste der gequälten Seelen unter den Künstlern ist tatsächlich ziemlich lang ...

nordbuzz: Was inspiriert Sie vor der Kamera?

Firth: Meine Figuren und deren Probleme. Die haben eigentlich immer Probleme, sonst gäbe es ja weder etwas zu lachen noch zu weinen im Film. Hätte Max Perkins zu Thomas Wolfe gesagt: „Glückwunsch, Sie haben den perfekten Roman verfasst, lassen Sie ihn uns morgen veröffentlichen“, wäre das ein sehr kurzer und sehr langweiliger Film geworden. Es muss Konflikte geben und die müssen gut beschrieben sein, sonst erkennt sich in den Figuren niemand wieder. Wie schon Tom Waits sagte: „Die Welt ist ein höllischer Ort und schlechte Texte verderben uns das Leiden darin“.

tsch

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