Die Lehren aus dem EM-Wochen bei ARD, ZDF und SAT.1

Kapitulation vor der totalen Inszenierung

+
Cristiano Ronaldo erwies sich in einem durchgestylten Sportevent als Großmeister der Inszenierung. Seine verletzungsbedingte Auswechslung im EM-Finale: ein Melodram wie bei Douglas Sirk.

Packing, Pannen, Provokationen: die fünf wichtigsten Lehren aus vier Wochen Fußballeuropameisterschaft bei ARD, ZDF und SAT.1.

Am Ende kamen die Motten. Endlose Schwärme, einer biblischen Plage gleich, belagerten am Sonntagabend das Stade de France in Paris-Saint-Denis, wo ansonsten doch alles angerichtet war für einen möglichst ruhmreichen Schlussakt nach vier Wochen Fußballeuropameisterschaft in Frankreich. Und dann auch das noch: Der größte Star des Turniers ließ sich schon in der ersten Hälfte mit viel Melodrama verletzt auswechseln, aber schließlich gewannen Cristiano Ronaldos Portugiesen doch den Titel. Ausgerechnet: eine auf Fußballverhinderung spezialisierte Mannschaft, die es mit Ausnahme des Halbfinales gegen die wackeren Waliser erfolgreich vermieden hatte, ein EM-Spiel binnen 90 Minuten für sich zu entscheiden. Aber natürlich ist das nur die bösartige Lesart der Dinge, die bei den Programmanstalten, die das EURO-Turnier dem deutschen TV-Zuschauer näherbrachten, niemals Bestand hätte. Hier sind die wichtigsten Lehren aus der EM-Berichterstattung von ARD, ZDF und - wir erinnern uns dunkel - SAT.1.

1. Der Fußball-Hype ist ungebrochen

Ein aufgeblähter Turniermodus, torloser Angsthasenfußball in Serie, dazu die stimmungsdämpfende Terrorgefahr: Auch wenn die gefühlte Turnier-Euphorie speziell hierzulande schon mal größer war, auch wenn bei den Public Viewings in der Vergangenheit mehr los war: Der kostspielige Rechteerwerb hat sich für ARD und ZDF wieder vollauf gelohnt. Auch Spiele ohne deutsche Beteiligung kamen teils weit über zehn Millionen Zuschauer. Wenn „La Mannschaft“ auflief, fieberten stets an die 30 Millionen Interessierte mit. Das verlorene Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich markierte mit 29,82 Millionen Fans an den Empfangsgeräten sogar einen neuen EM-Quoten-Rekord. Einzig das Finale Portugal gegen Frankreich blieb im Ersten mit 18,80 Millionen Zuschauern (Marktanteil: 59,7 Prozent) etwas hinter den Erwartungen zurück.

2. Sublizensierung lohnt den Aufwand nicht

Während ARD und ZDF die Jahresquotenbilanz schon jetzt kräftig aufpolieren konnten, entwickelte sich die Europameisterschaft für SAT.1 zur herben Enttäuschung. Der Münchner Sender hatte von den öffentlich-rechtlichen Partnern die Übertragungsrechte der jeweils weniger attraktiven Parallelspiele zum Ende der Gruppenphase erworben. Doch trotz teils reizvoller Paarungen blieben die Quoten ernüchternd. Auch die Vorberichterstattung und Frank Buschmanns hochkarätig besetzter „ran-EM-Talk“, der jeweils in der Nacht die vier Übertragungstage beschloss, floppte. Offenbar hatten die Fußballfans SAT.1 in Sachen EM nicht so recht auf dem Zettel. Ob noch einmal ein privater Sender das Thema Sublizensierung mit solchem Aufwand angeht, erscheint fraglich. Dem Fan ist bei den Übertragungen der Vorrunden-Parallelspiele womöglich mit einer Konferenzschaltung am besten gedient.

3. Weniger Drumherum war selten

Was alle drei deutschen EM-Sender gemein hatten: Sie konzentrierten sich in der Berichterstattung voll auf den Fußball. Während im Ersten die neue Analysemethode „Packing“ zelebriert wurde, beschäftigte das ZDF neben Stammerklärer Oliver Kahn Legionen wechselnder, internationaler Experten, dazu den Ex-Trainer Holger Stanislawski, der am Taktikscreen virtuelle Lauf- und Passwege skizzierte. So erschöpfend auf das Spiel eingegangen wurde, so sträflich vernachlässigten beide öffentlich-rechtlichen Anstalten das Drumherum. Kaum Land-und-Leute-Geschichten, ganz wenig französisches Flair, mal abgesehen von den Politkorrespondenten, die sichtlich unterfordert und mitunter genervt von irgendwelchen Fanmeilen reportieren mussten, dass der Fan dort überraschenderweise feiere. Eklatant: Negative Begleiterscheinungen wurden abgesehen von den Hooliganschlägereien in Woche eins fast vollständig ausgeklammert. Über die durchwachsene Gastfreundschaft der Franzosen, über Streikauswirkungen und insbesondere über haarsträubende Nachlässigkeiten bei den Sicherheitskontrollen berichteten einzig Print- und Online-Medien, nicht aber ARD und ZDF, die sich der verklärenden UEFA-Inszenierung des Großevents über weite Strecken ergaben.

4. Konkurrenz belebt das Expertengeschäft

Zum Glück konnten ARD und ZDF bei ihrem puristischen Reportageansatz auf Präsentatoren zurückgreifen, die auch nach vier Wochen Dauergequassel immer noch Erhellendes oder zumindest Unterhaltendes zu sagen hatten. Sowohl das ARD-Duo Matthias Opdenhövel / Mehmet Scholl als auch die ZDF-Kollegen Oliver Welke und Oliver Kahn pflegten eine trefflich ironische und kluge Art der Vermittlung, die über manches zähe Null-Null hinwegblicken ließ. Erheiternd überdies: das mit vielen Seitenhieben geführte Fernduell zwischen den Fußballcheferklärern. Erst frotzelte Kahn gegen Scholls „Packing“-Obsession, dann kultivierten die beiden früheren Kabinennachbarn beim FC Bayern einen Dissens in der Frage, ob die deutsche Nationalmannschaft die Taktik nach dem Gegner ausrichten solle oder nicht. Große Unterhaltung, doch als Scholl gegen den DFB-Chefscout Urs Siegenthaler persönlich wurde, musste der flapsige Sprücheklopfer kräftig einstecken und wirkte fortan ein bisschen angeschlagen. Ob er am Ende gar den Spaß am Expertenjob verloren hat?

5. Wenn schon bekloppt, dann mit Verstand

An den Einschaltquoten gab's nichts zu meckern: In der Spitze über 30 Prozent Marktanteil erreichte Reinhold Beckmann mit seiner spätabendlichen EM-Nachlese im Ersten. Unter Rechtfertigungsdruck stand der ARD-Moderator dennoch: Die Kritik ging nicht gerade zimperlich mit dem kurios anmutenden Konzept von „Beckmanns Sportschule“ um. Tatsächlich war die Häme mitunter so groß, dass der Sprecher im Vorspann schon in Folge zwei trotzig-selbstironisch die „schlechteste Fußballsendung aller Zeiten“ ankündigte. Beckmann verteidigte sich in einem Zeitungsinterview: „Wenn man nicht um Mitternacht etwas Beklopptes senden kann, wann dann?“ Recht hat er, und tatsächlich streiften vor allem die bizarren Einspieler mit Bald-Wrestler Tim Wiese und Leichenbestatter Nico Patschinski die Grenze zur Genialität. Bloß wirkt so ein Ansatz nicht stimmig, wenn der Moderator des Ganzen nicht aus der über Jahrzehnte antrainierten Kumpelrolle rausfindet. Absurdes Theater muss man können. Beckmann hat andere Qualitäten.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren