„Deutschland 83“-Star

Jonas Nay über große Liebe, skurrile Serien und seinen neuen Film

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Jonas Nay in einer wuchtigen Geschichte über die erste Liebe: „Schweigeminute“ nach der gleichnamigen Novelle von Siegfried Lenz läuft am Montag, 31. Oktober, um 20.15 Uhr, im ZDF.

„Deutschland 83“-Star Jonas Nay spielt in der Siegfried Lenz-Verfilmung „Schweigeminute“ einen tragisch verliebten 18-Jährigen. Es ist einer der pursten Stoffe, den die deutsche Literatur und nun auch der Film in letzter Zeit zu bieten hatten: Siegfried Lenz' Novelle „Schweigeminute“ von 2008 erzählt von der unmöglichen, leidenschaftlichen Liebe eines Schülers zu seiner Lehrerin. Aus der Ich-Perspektive schildert Lenz das Begehren und Leiden seiner Hauptfigur. Nun kommt dieser „reine“ Stoff ins Fernsehen (Montag, 31.10., 20.15 Uhr, ZDF). Jungstar Jonay Nay verkörpert den 18-jährigen Christian, der in der moralisch engen Welt einer Ostseegemeinde in den 50er- oder frühen 60er-Jahren eine Beziehung mit seiner Lehrerin (Julia Koschitz) beginnt. 

Auch wenn die erste Liebe des bodenständigen Lübeckers Nay schon eine Weile zurückliegen mag, der 26-Jährige kann sich noch gut daran erinnern. Ein Gespräch über bedingungsloses Begehren, das schwierige Genre des Liebesfilms und eine Formen annehmende Fortsetzung der Serie „Deutschland 83“.

nordbuzz: „Schweigeminute“ erzählt eine einfache Liebesgeschichte zwischen Lehrerin und Schüler. Wo ist der Unterschied zu einer weichgespülten TV-Schmonzette?

Jonas Nay: Der klassisch kitschige Liebesfilm arbeitet mit Stereotypen. Sachverhalte und Charaktere sind so, wie man es erwartet. Siegfried Lenz erzählt ganz anders. Seine Charaktere sind authentisch und ambivalent. Dazu wird „Schweigeminute“ subjektiv aus der Sicht meiner Rolle, des Schülers Christian erzählt. Oft weiß man nicht, was Realität und was vielleicht Wunschdenken oder Fiktion ist. Allein das würde die Fans klassischer Schmonzetten schon verunsichern.

nordbuzz: Aber es ist eine pure Liebesgeschichte.

Nay: Genau. Die Liebe zweier Menschen und die Reaktion ihrer Umwelt darauf ist einziges Thema dieser Novelle. Umso größer ist die Herausforderung für den Autor und auch für uns, die wir diesen Film gemacht haben, das Seichte zu umschiffen und in die Tiefe zu gehen.

„Man darf auch keine Angst davor haben, eine ehrliche Liebesgeschichte zu erzählen“

nordbuzz: Wie macht man das?

Nay: So ein Film lebt von den Zwischentönen. Es geht darum, wie man die Begegnungen und den Umgang der Liebenden miteinander inszeniert. Würde man nur die Zusammenfassung der Handlung hören - und dann spielt das auch noch wie fast immer bei Siegfried Lenz in der Natur -, dann wäre Pilcher ziemlich nah. Umso wichtiger fanden wir es im Team, festzustellen, dass wir da nicht hinwollten. Andererseits darf man auch keine Angst davor haben, eine ehrliche Liebesgeschichte zu erzählen.

nordbuzz: Der Film ist gegen Ende wie ein schwelgerisch-elegischer Trip. Ein Traum aus Bildern und Musik. Soviel reines Gefühl sieht man selten im deutschen TV.

Nay: Diese Wucht, das Absolute - ist es nicht der Kern der ersten großen Liebe, um die es hier geht? Wenn ich an meine erste große Liebe denke, kribbelt es immer noch in mir. Logisch hatte das damals eine große Naivität. Aber es war auch pure Passion - und später purer Schmerz ...

nordbuzz: Wenn man die erste große Liebe lebt, kann man sich auch nicht vorstellen, dass sie irgendwann mal aufhören könnte ?

Nay: Nein! Die erste große Liebe ist komplett kompromisslos. Die Welt bricht zusammen, wenn sie endet. Dem muss man versuchen, gerecht werden, wenn man im Film davon erzählt. Als meine erste große Liebe zu Ende war, steckte ich ein halbes Jahr lang in einem ganz tiefen Loch.

nordbuzz: Siegfried Lenz hat „Schweigeminute“ im hohen Alter geschrieben. Trifft er trotzdem den Ton eines ganz jungen Verliebten?

Nay: Ja, absolut. Das finde ich ganz, ganz stark an diesem Buch. Das macht es auch zeitlos. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, Siegfried Lenz schaut noch mal mit einem ganz ehrlichen und zum Teil zwinkernden Auge auf die eigene Jugend zurück. Ich habe mich in diesem Buch sehr stark wiedergefunden.

nordbuzz: Gibt es Liebesfilme, die Sie sehr mögen?

Nay: Ja, mir fallen Klassiker wie „Harold & Maude“ oder auch „Die Reifeprüfung“ ein. Wobei der Altersunterschied im ersten Film natürlich noch krasser ist als bei uns und „Die Reifeprüfung“ mehr ein Coming of Age-Film ist. Ich schaue tatsächlich gerne Liebesfilme - aber sie müssen Liebe authentisch in Szene setzen.

nordbuzz: Früher gab es den Liebesfilm als Genre. Heute finden wir allein den Begriff altmodisch. Eigentlich traut man sich kaum noch, einen Film über diesen Begriff zu bewerben.

Nay: Ja, heute muss immer noch was dazukommen, um Liebe im Film verkaufen zu können. Da heißt das Genre dann eben „Romcom“ - Romantic Comedy. Das sind die heutigen Liebesfilme. Es muss also noch etwas zu lachen geben, weil die Liebe allein uns offenbar etwas peinlich berührt.

nordbuzz: Sagt das etwas über unsere Zeit aus?

Nay: Mit Sicherheit. Vielleicht empfinden wir uns heute als zu abgebrüht, damit ein so purer Film wie „Schweigeminute“ Schule machen könnte. Ich bin mir schon bewusst, dass wir da extrem „old school“ unterwegs sind. Wir sagen einfach: Das reicht uns! Das Zwischenmenschliche ist spannend genug, die Beziehung zwischen zwei Menschen reicht als Stoff für einen Film. Man muss es nur gut genug erzählen. Ich bin ein großer Fan von kleinen Stoffen. Man muss nicht in jedem Film die Welt erklären. Und man braucht nicht zwangsläufig den Hintergrund eines Krieges oder sonstiger Katastrophen, um Gefühle aus Menschen herauszuholen. Die sind doch eh immer da.

„Ich bin ein großer Fan von skurrilen Stoffen“

nordbuzz: Das heißt? Was schauen Sie gerne?

Nay: Wie gesagt, das Pure. Die kleinen Geschichten. Ich bin großer Serienfan, brauche aber keine Stoffe, in deren Handlung jeden Tag eine Burg gestürmt wird. Ich bin ein großer Fan von skurrilen Stoffen, wie vielen skandinavischen und britischen Produktionen und komödiantischen Serien. Auch da wird oft in einem kleinen, einfachen Setting im Feinen sehr viel erzählt. Insofern ist man gar nicht so weit weg von Siegfried Lenz, auch wenn die Tonalität natürlich eine gänzlich andere ist. Zuletzt habe ich „Casual“ auf Hulu gesehen. Auch die britische Serie „Episodes“ habe ich gerade erst verschlungen und „Modern Family“.

nordbuzz: Sind das nicht Serien, die gerne von Frauen geschaut werden?

Nay: Ja, ich weiß (lacht) - so bin ich. Ich schaue auch gerne „The New Girl“, da würde ich mich sogar als Fan bezeichnen. Auch „Love“ von Judd Apatow ist fantastisch. Da wird über zehn Teile einfach nur erzählt, wie sich so etwas wie eine Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen anbahnt. Das ist maximal übersichtlich vom Handlungsinhalt und reicht trotzdem aus für eine ganze Serie aus.

nordbuzz: Apropos Serie - haben Sie sich schon Zeit geblockt für die beiden Fortsetzungsstaffeln von „Deutschland 83“?

Nay: Ich halte mir das frei. Wir alle wollen, dass „Deutschland 86“ kommt.

nordbuzz: Aber Sie wissen noch nichts Konkretes?

Nay: Nein, ich habe keine Ahnung, aber drücke die Daumen.

nordbuzz: Bei der Jahrespressekonferenz seines Senders Ende August sagte RTL-Chef Frank Hoffmann, dass beide Fortsetzungsstaffeln „höchstwahrscheinlich“ kommen.

Nay: Wahrscheinlich bin ich der Letzte, der es erfährt. Das ist kein Witz! Ich mache immer wieder die Erfahrung, dass Schauspieler erst dann davon erfahren, dass ein Projekt zustande kommt, wenn es schon jeder andere in diesem Filmgeschäft es längst weiß. Auf mich ist in Sachen „Deutschland 86“ noch niemand zugekommen.

nordbuzz: Sie wären aber dabei?

Nay: Auf jeden Fall.

nordbuzz: Was erhoffen Sie sich von einer Fortsetzung?

Nay: „Deutschland 83“ war die erfüllendste Produktion, an der ich bisher beteiligt war. Allein schon, weil ich in dieser Rolle so wahnsinnig reifen darf. Ich starte als naiver Junge und werde zum „Super Spy“. Die Serie wird ja zum Ende hin ziemlich düster. Und sie wird noch düsterer werden, wenn es weitergeht.

tsch

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