Beachvolleyball-Experte im Interview

Reckermann: „Es muss authentisch sein, dann passt es“

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Jonas Reckermann bei einer Gala im Dezember 2013: Kurz nach seinem Olympiasieg 2012 tauschte der gebürtige Westfale den Beachvolleyball-Dress gegen gesellschaftsfähigere Outfits. Der Rücken des mittlerweile 37-Jährigen ließ den Profisport nicht mehr zu.

Der Beachvolleyball-Olympiasieger von London 2012 kommentiert fürs ZDF die Spiele von Rio (ab Sonntag, 07.08.).

Er weiß, wie es geht. Gemneinsam mit Julius Brink holte Jonas Reckermann Olympisches Beachvolleyball-Gold in London 2012. Eine Sensation - denn als ersten Europäern gelang den Deutschen dieses Kunststück. Wenige Monate nach dem Triumph musste der studierte Lehrer seine Karriere wegen anhaltender Rückenprobleme beenden. Dennoch gibt es nun ein Comeback von Reckermann und Brink in Rio 2016. Während Julius Brink beim Ersten unter Vertrag steht, sicherte sich das ZDF die Dienste des mittlerweile 37-jährigen Jonas Reckermann als Kommentator der Wettbewebe am Traumstrand Copacabana. Am Samstag, 6. August, beginnt die Vorrunde des olympischen Strandsportturniers, tags drauf ist Reckermann erstmals fürs ZDF im Einsatz. Beachvolleyball gilt in Rio als eines der sportlichen Filetstücke. Was macht diesen Sport so attraktiv und worauf kommt es dabei eigentlich an?

nordbuzz: Beachvolleyball gilt als eine der Hauptattraktionen der Olympischen Spiele von Rio. Wie kommt das?

Jonas Reckermann: Beachvolleyball und Volleyball sind in Brasilien hinter Fußball Sportart Nummer zwei. Speziell in Rio ist das sehr populär. Dazu passt die Location: die Copacabana. Das ist ein Traumstrand, ein Sehnsuchtsort. Das alles macht Beachvolleyball als olympischen Wettbewerb in Rio schon ungeheuer attraktiv.

nordbuzz: Ihre Erinnerung an Olympisches Gold liegt erst vier Jahre zurück. Wie war es in jenem Moment, fühlt man sich ein bisschen unwirklich?

Reckermann: Ja, unwirklich trifft es ganz gut. Klar - vom Kopf her wusste ich im Moment des Matchballs, dass wir Gold geholt hatten. Das Realisieren, was man da eigentlich geschafft hat, kommt aber erst nach und nach. Es ist so, als würde man eine Treppe hochgehen und mehrere Türen aufmachen, bis man einen Saal betritt.

nordbuzz: Wie meinen Sie das?

Reckermann: Nun ja, der erste Moment oder die erste Tür ist der Matchball. Da weiß man rein rational: Ich bin Olympiasieger. Bei der Siegerehrung ist es dann so, als würde man eine Urkunde bekommen, dass man die Prüfung wirklich bestanden hat. Danach verstand ich das Ganze ein bisschen besser. So richtig kommt es aber erst an, wenn ein paar Tage oder Wochen vorbei sind. Wenn man immer wieder darauf angesprochen wird und sich die Wahrnehmung der eigenen Person da draußen spürbar verändert hat. Dann erst wusste ich so richtig, was wir geschafft hatten.

nordbuzz: Erlebt der Sportler den Moment des Matchballs vielleicht sogar nüchterner als der jubelnde deutsche Fan daheim? Man hört als Aktiver weder den TV-Kommentar noch sieht man sich im Fernsehen ...

Reckermann: Ja, es kann sein, dass das in der Eigenwahrnehmung erst mal nüchterner ist. Du bist sehr auf diesen möglichen Matchball fokussiert. Du hast ein ganzes Turnier lang auf diesen Moment hingearbeitet - das ist höchste Konzentrationsarbeit. Es fällt es schon schwer, dann sofort innerlich zu jubeln und auf Lockerheit umzuschalten. Deshalb braucht das Ganze seine Zeit. Der Prozess nach dem Sieg ist zwar vertraut, aber Olympia war eben kein Sieg wie jeder andere. Das Leben verändert sich durch so etwas. Es braucht eine Weile, bis das bei einem selbst ankommt.

nordbuzz: Ist der Druck bei einem solchen Endspiel nicht unfassbar hoch? Wenn man weiß: Du wirst im Leben wohl nie mehr eine Chance erhalten, so etwas so Großes zu erreichen wie in diesem Moment ...?

Reckermann: Vor dem Endspiel in London war ich in einer sehr besonderen Situation. Meine Frau war hochschwanger und hatte sich in London am Tag zuvor eine Lebensmittelvergiftung eingefangen. Sie verbrachte die Nacht im Krankenhaus, wo ich sie am Abend auch noch besucht hatte. Wenn so etwas passiert, wird selbst ein Olympiafinale relativ unbedeutend. Im Nachhinein hat es mir aber sogar geholfen, nicht zu überdrehen. So blöd die Situation auch damals war ...

nordbuzz: Heißt das nicht auch, dass in so einem Match viele Automatismen greifen? Ihre Gedanken beim Match dürften ja durchaus auch vom Sportlichen abgelenkt gewesen sein.

Reckermann: Ja, es greifen viele Automatismen, aber nicht nur. Ich will das Ganze nicht heroischer machen, als es war. Meine Frau kam eine Stunde vor Beginn des Endspiels aus dem Krankenhaus raus. Ich wusste: Da ist alles gut jetzt. Sie kam sogar zum Spiel und saß in der ersten Reihe neben unserem Physiotherapeuten. Sie war in guten Händen. Deshalb konnte ich auch gut „umswitchen“ auf Konzentration.

nordbuzz: Beachvolleyball verbindet Hochleistungssport mit Entertainment: Strandfeeling, DJ-Musik und so weiter. Müssen auch andere Sportarten diesen Weg gehen, wenn Sie in Zukunft erfolgreicher sein wollen?

Reckermann: Ich bin vor allem Experte für Beachvolleyball. Trotzdem weiß ich, dass sich andere Sportarten Gedanken darüber machen, wie sie ihr Regelwerk verändern müssten, um attraktiver zu werden - für Zuschauer vor Ort, aber auch fürs Fernsehen. Beim Fechten hat man es beispielsweise mal mit durchsichtigen Masken probiert. Solche Veränderungen gehen natürlich nicht überall. Beachvolleyball hat den Vorteil, dass der Sport ohnehin aus der lebensfrohen Ecke kommt. Man ist barfuß im Sand, man transportiert Strand- und Urlaubsfeeling, es darf Musik bei uns gespielt werden. Aber nur zwischen den Ballwechseln.

nordbuzz: Werden Beachvolleyballer sauer, wenn man das Ganze als Funsport bezeichnet?

Reckermann: „Fun“ gehört dazu. Wir sind alle mit diesem Lebensgefühl und dem Ambiente groß geworden, in dem dieser Sport ausgeübt wird. Andererseits ist es Profisport auf höchsten Niveau - insofern hält sich der zügellose Spaß auch ein bisschen in Grenzen. Ich finde, der Rahmen muss zu einer Sportart passen. Beim Tennis hört man keinen DJ dabei, und beim Golf turnen keine Cheerleader herum. Es würde für mein Gefühl auch nicht zu diesen Sportarten passen.

nordbuzz: Entertainment macht einen Sport also nicht zwangsläufig attraktiver?

Reckermann: Nein, es muss authentisch sein, dann passt es. Künstlichkeit im Sport - so etwas spüren die Zuschauer. Dafür haben die Leute ganz gute Antennen - selbst, wenn sie keine Fachleute oder Traditionalisten einer Disziplin sind. Stellen Sie sich mal vor, Sie wären bei den Schützen und die würden eine Party veranstalten. Nein! Manche Sportarten faszinieren uns deshalb, weil sie in einer Atmosphäre der Ruhe und totalen Konzentration ausgeübt werden. Auch das besitzt ja eine eigene Faszination.

nordbuzz: Die Bedeutung des Entertainments im Sport nimmt aber insgesamt massiv zu - oder?

Reckermann: Ja, das stimmt schon. Musik beim Eishockey, Basketball oder beim Handball. Das sind schon Trends, die man sich zum Teil eben in Amerika abgeguckt hat. Ich finde es legitim, dass man Zuschauer mit solchen Dingen in die Hallen lockt. Wenn die Leute also wissen: Da geht was ab! Da darf man auch seine Emotion herauslassen. Ich bin mit allem einverstanden, solange der Sport nicht darunter leidet. Beim Beachvolleyball gibt es ein paar Turniere, wo ich mir denke: Da kommen die Leute mehr wegen des Rahmenprogramms als wegen des Top-Sports, der da geboten wird. So etwas finde ich dann grenzwertig.

nordbuzz: Sind klassische Volleyballer ein bisschen neidisch auf die Kollegen vom Strand, weil die immer mehr Aufmerksamkeit abziehen?

Reckermann: Neid würde ich das nicht nennen. Letztendlich sind wir eine große Familie. Klar gibt es auch die, die sagen: Hallen-Volleyball muss Kernsportart bleiben! In der Praxis erleben wir das so, dass wir uns gegenseitig total unterstützen. In London waren immer ganz viele Hallen-Volleyballer bei unseren Spielen als Fans dabei - und umgedreht war es genauso. Alle Beachvolleyballer haben in der Halle begonnen. Der Erfolg des einen färbt auf den anderen ab. Insofern glaube ich, 90 oder 95 Prozent der Aktiven sind Fans der jeweils verwandten Sportart.

nordbuzz: Gibt es keine Athleten, die direkt mit Beachvolleyball angefangen haben?

Reckermann: Nein, auf Profiniveau in Deutschland nicht. Da ist die Ausbildung nach wie vor am in der Halle am besten. Man muss als Beachvolleyballer sein eigenes Umfeld aufbauen, eigene Trainer beschäftigen und so weiter. Es ist schwer, so etwas in jungen Jahren zu stemmen - allein schon finanziell.

nordbuzz: Erklären Sie doch mal einem Laien, was ein Volleyballer können muss, um beim Beachvolleyball besonders erfolgreich zu sein?

Reckermann: Beim Beachvolleyball muss man sehr vielseitig sein. In der Halle ist die Spezialisierung je nach Position viel größer. Da gibt es zum Beispiel den Zuspieler - der muss in der Regel nicht hart angreifen oder annehmen können. Als Beachvolleyballer darf man keine Schwäche in einem Element haben, weil das vom Gegner gnadenlos ausgeguckt wird. Die einzige Spezialisierung bei uns ist: Block oder Abwehr. Bei uns war ich der Block und Julius Brink der Abwehrspieler.

nordbuzz: Und das ist der einzige Unterschied?

Reckermann: Nein, es gibt natürlich viele Feinheiten, die dazukommen. Beim Beachvolleyball braucht man eine bessere Ballkontrolle und sehr gute Fähigkeit zur Spielfeld-Aufteilung. Einfach weil das Feld pro Spieler vergleichsweise größer ist als in der Halle. Dazu fällt das Bewegen im Sand schwerer. In der Halle mag dafür die Athletik des Einzelnen eine noch größere Rolle spielen. Wenn sich ein Angreifer beispielsweise gegen drei blockende Abwehrspieler durchsetzen muss.

nordbuzz: Sie haben vor drei Jahren Ihre Karriere als amtierender Olympiasieger beendet. Tat das nicht ziemlich weh?

Reckermann: Ich bin ein sehr rationaler Mensch. Als ich die Entscheidung getroffen hatte, dass es Sinn macht aufzuhören, habe ich mich schnell anderen Zielen zugewandt. Die lauten bei mir: Ich will guten Sportjournalismus machen und auf diesem Feld ganz viel lernen. Insofern ist Olympia jetzt wieder ein Highlight für mich. Mein neues Ziel ist es, den Zuschauern diese Sportart nahezubringen. Und zwar so, dass sowohl Fachleute etwas davon haben als auch jene Leute, die sich nur mal alle vier Jahre für so etwas interessieren.

nordbuzz: Sie haben ein abgeschlossenes Lehramtsstudium, wussten aber nach Ihrer aktiven Karriere nicht, ob Sie noch Lehrer werden möchten ...

Reckermann: Das weiß ich leider immer noch nicht (lacht). Ich habe das Staatsexamen, um im Gymnasium Sport und Geografie zu unterrichten. Allerdings bin in nicht ins Referendariat gegangen. Das will ich nur tun, wenn ich auch sicher bin, dass ich Lehrer werden will. Momentan bin ich als Experte und Kommentator auf der Deutschen Tour der Beachvolleyballer dabei. Nebenbei halte ich Vorträge, gebe Beachvolleyball-Camps und bin Markenbotschafter. Mit Julius Brink zusammen habe ich Filme gemacht über deutschen Olympiaathleten, die im ZDF und im Internet zu sehen sein werden.

nordbuzz: Das heißt, sie sind eigentlich ausgelastet! Wozu dann noch in die Schule gehen?

Reckermann: Momentan fühle ich mich wohl mit meinem Leben. Aber ich muss sehen, wie sich das alles in der Zukunft entwickelt. Ich habe Familie, mittlerweile sind zwei Jungs da, anderthalb und dreieinhalb Jahre alt. Ich kann mir aber immer noch vorstellen, den Lehrerberuf irgendwann auszuüben.

tsch

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