Theo Koll im Interview

Jetzt erst recht!

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„ Jeder bringt seinen Wein mit, vielleicht einen Picknickkorb, man sitzt im Gras und genießt die Stars der Musik - inklusive eines gigantischen Feuerwerks am Ende“: Theo Koll freut sich auf das Klassik-Event in Paris. Ein Brillant-Feuerwerk beschließt das große Open Air-Konzert am Fuße des Eiffelturms.

Tennis, Fußball, Tour de France - und dazwischen eines der größten Klassikkonzerte weltweit: Paris lebt, und die Pariser feiern das Leben. ZDF-Korrespondent Theo Koll weiß, warum.

Frankreich feiert. Trotz allem. Am 14. Juli, wenige Tage nach dem Ende der Fußball-EM, steigt mitten in Paris unter dem Eiffelturm das alljährliche „Concert de Paris“. Das Festkonzert, zu dem am Nationalfeiertag wieder mehrere hunderttausend klassikbegeisterte Besucher erwartet werden, hat nach den Terroranschlägen vom 13. November 2015 mehr den je den Charakter eines selbstbewussten Statements der Grande Nation - es steht, frei nach Hemmingways „Paris - Ein Fest fürs Leben“, unter dem Motto „Paris est une fête“. Fürs ZDF ist Theo Koll (58) vor Ort. Der langjährige Auslandsexperte und jetzige Leiter des ZDF-Studios in Paris führt am Tag danach, am Freitag, 15. Juli, ab 22.30 Uhr, als Moderator durch eine 75-minütige Aufzeichnung des Spektakels. Im Interview lotet der erfahrene ZDF-Journalist das erstaunlich positive, aber durchaus diffizile Stimmungsbild in der Seine-Metropole aus. „Paris ist stark“, sagt Koll. „Und trotzdem hat sich etwas verändert.“

nordbuzz: „Paris est une fête“ - Paris feiert. Passt das Motto des „Concert de Paris“ am Nationalfeiertag zur Stimmung, die Sie vor Ort wahrnehmen?

Theo Koll: Es entspricht auf jeden Fall der Haltung und Mentalität der Franzosen: Wir wollen - auch in schwierigen Zeiten - feiern und unser Leben leben, Prinzip: Dennoch!

nordbuzz: Wie gelingt ihnen das im Angesicht des Terrors?

Koll: Wieder ganz gut. So sehr die Pariser in der jüngeren Vergangenheit auch gebeutelt wurden, sie haben sich nach den Phasen der Trauer stets wiedergefunden. Selbst nach dem Schock der Anschläge vom 13. November 2015 ist der Alltag binnen Wochen zurückgekehrt. Will sagen: Paris ist stark. Und trotzdem hat sich etwas verändert.

nordbuzz: Was genau?

Koll: Die Terrorgefahr ist im kollektiven Bewusstsein angekommen. Die Menschen wissen, es kann jeden jederzeit treffen. Weil es bei den Anschlägen vom 13. November ja genau so war: Da rennen Täter in einen Konzertsaal oder halten vor Cafés und Restaurants und erschießen willkürlich jeden, der vor ihre Kalaschnikow kommt. Manche Kollegen aus meinem Studio waren Stammgäste in diesen Lokalen, die hätten zum Zeitpunkt der Anschläge auch in ihrem Lieblingsrestaurant essen können ... Der Terror ist in unserer Mitte, ist um uns herum - dieses Gefühl werden die Pariser so schnell nicht mehr los. Der Premierminister meinte kürzlich, Frankreich sei im Krieg, und dieser Krieg werde noch eine ganze Generation beschäftigen.

nordbuzz: Wie passt das aber zum Fest der Klassik und zur Lebensfreude, wie wir sie auch bei der EM erleben?

Koll: Das ist Haltung, vielleicht verstärkt durch Trotz. Die Anschläge waren und sind dramatisch - und dennoch sterben mehr Menschen an verschluckten Fischgräten. Wir müssen den Terror als ein weiteres Risiko in unser Leben einbauen - auch wenn das bei bewusst zugefügtem Schaden viel schwerer fällt.

nordbuzz: Hätten Sie dennoch im vergangenen Winter geglaubt, dass nur acht Monate nach den Anschlägen ein Klassikkonzert am Eiffelturm mit Hunderttausenden Fans realistisch ist? Von einer Fußball-EM ganz abgesehen ...

Koll: Absolut. Ich war mir sicher, dass Frankreich sich davon nicht beeindrucken, sich nicht fremdbestimmen lässt. Das hat auch mit dem Selbstbewusstsein ehemaliger Weltmächte zu tun. Die Briten hätten genauso entschieden. Das sind streitbare, stolze Nationen, deren Bewohner sich seit jeher durch ein gelebtes Selbstbewusstsein auszeichnen. In England haben sie dafür die Redewendung „stiff upper lip“, in Frankreich erhält man sich sein wertvolles „Savoir vivre“. Genau diese Leichtigkeit des Seins macht auch das „Concert de Paris“ aus: Jeder bringt seinen Wein mit, vielleicht einen Picknickkorb, man sitzt im Gras und genießt die Stars der Musik - inklusive eines gigantischen Feuerwerks am Ende ...

nordbuzz: Denken Sie, wir Deutschen hätten ähnlich schnell unsere Fassung und Leichtigkeit wiedergefunden, wenn uns derartige Anschläge getroffen hätten?

Koll: Schwer zu sagen. Sicherlich haben wir einen weniger mediterranen Nationalcharakter. Andererseits: Spätestens seit dem Sommermärchen 2006 - das uns bis dahin niemand zugetraut hatte - ist klar geworden, dass wir Deutsche längst sehr viel entspannter sind, als alte Klischees das gerne hätten.

nordbuzz: Welche Rolle spielt die Fußball-Euphorie in Frankreich? War sie als Balsam für die gebeutelte Volksseele vonnöten?

Koll: Ich denke nicht. Die Wunden haben sich von alleine geschlossen. Aber dass wir nun schon wieder von so etwas wie Euphorie reden können, hat natürlich wirklich mit der EM zu tun - übrigens nicht zuletzt mit den vielen ausländischen Fans, die hier zeigen, wie sie feiern können. Vor dem Spiel der Deutschen gegen Nordirland sind Tausende Fans aus beiden Lagern singend durch Paris gezogen - vom Eiffelturm zum Stadion. Ich bin eine Zeitlang mitgegangen, und die Deutschen sangen tatsächlich den Schlachtruf der Franzosen: „Allez les bleus“. Und die Iren haben sich hier in der Sympathie sowieso ganz weit nach oben gesungen, sind so eine Art „Fans der Herzen“ geworden. Also, gute Stimmung und eine gute eigene Mannschaft - das hat sich auch auf die Franzosen übertragen ...

nordbuzz: Die bekanntlich nicht die ganz großen Fußballfans sind ...

Koll: Jedenfalls wenn man sie mit Deutschen vergleicht. In Frankreich gibt es starke konkurrierende Sportarten: Rugby ist wichtig - und jetzt im Sommer natürlich die Tour de France ... Außerdem sind die Begleitumstände dieser EM absolut einmalig: Der Inlandsgeheimdienstchef warnte massiv vor Anschlägen auf große Menschenmengen, passiert ist dann der kaltblütige Mord eines selbsterklärten IS-Attentäters an einem Polizistenpaar. Dazu standen Teile des Landes tagelang unter Wasser und wir haben seit Monaten Streiks, die, anders als bei der WM 1998, auch während des Fußballturniers einfach weitergehen.

nordbuzz: Womit man nicht gerechnet hätte, oder?

Koll: Als Deutscher eher nicht. Wenn man die Welt zu Gast hat, sei es real oder als Fernsehzuschauer, dann würden wir wohl erwarten, dass ein Land sich von seiner besten Seite zeigt und nicht die Verkehrsmittel bestreikt, den Strom abschaltet, oder den Müll stehen lässt. Da läuft gerade ein Machtkampf zwischen Regierung und einigen Gewerkschaften. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, aber die Reformen, die die Regierung nun - wenn auch viel zu spät - anpacken will, werden von einigen mächtigen Gewerkschaften strikt abgelehnt. In Frankeich stehen Streiks ja bekanntlich oft am Anfang einer Auseinandersetzung, nicht erst als letztes Mittel.

nordbuzz: Ganz anders als in Deutschland ...

Koll: Absolut richtig. Wieder eine Frage der Mentalität.

nordbuzz: In Deutschland gehen kaum noch die Massen gegen irgendwelche Reformen der Regierung auf die Straße ... Von Agenda 2010 bis Rente mit 67 scheint alles abgenickt zu werden.

Koll: Die Franzosen sind grundsätzlich politisch leichter erregbar, hier gilt der Spruch „Frankreich kann Revolutionen, aber keine Reformen“. Wir Deutsche sind pragmatischer. Wenn das Problem groß genug geworden ist, dann sagt der Deutsche: „Da müssen wir jetzt durch.“ Ein Franzose ist dann noch lange nicht an dem Punkt, liebgewonnene soziale Errungenschaften abzuschaffen.

nordbuzz: Sie waren bereits als Student in Paris. Wie hat sich die Stadt seither verändert?

Koll: Sie ist weltoffener geworden. Der Blick gilt nicht mehr ausschließlich dem eigenen Sein. Das gilt für Frankreich allgemein. Franzosen sehen es einem inzwischen auch nach, wenn man ihre Sprache nicht ganz perfekt spricht. Und Paris hat heute ein faszinierendes kulturelles Angebot - anders als in den frühen 80er-Jahren. Damals kam ich als Student aus London, da war die Themsestadt deutlich cooler. Seitdem hat Paris an Offenheit und Weltläufigkeit zugelegt, ist insgesamt besser geworden.

nordbuzz: Besser?

Koll: Ja, im Sinne von lebens- und liebenswerter. Ich fahre zum Beispiel meistens mit dem Fahrrad ins Büro - das hätte vor 30 Jahren in Paris tägliche Todesgefahr bedeutet. Heute gibt es fast überall Leihfahrräder und Radwege, man darf in vielen Einbahnstraßen mit dem Rad sogar gegen die vorgeschriebene Richtung fahren, immer größere Teile der Seine-Uferstraßen werden für Autos gesperrt, und neuerdings - man stelle sich das mal vor - wird einmal im Monat selbst die extrem vielspurige Verkehrsschlagader Champs-Élysées für Autos dichtgemacht ...

nordbuzz: Sie waren lange in London und natürlich in verantwortlicher Position beim ZDF in Mainz. Wo gefällt es Ihnen am besten?

Koll: Immer da, wo ich gerade lebe - also jetzt in Paris (lacht). Es war ja mein ausdrücklicher Wunsch, hierher zu ziehen. Die Arbeit als Leiter der großen Redaktion „Politik und Zeitgeschehen“ umfasste zwar einen größeren Verantwortungsbereich, aber die Korrespondententätigkeit ist eine wunderbar unmittelbare, man ist journalistisch sehr nah am Geschehen.

nordbuzz: In Deutschland sehen sich die Medien und zunehmend auch die TV-Journalisten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens mit einem Vertrauensverlust konfrontiert. Das unschöne Wort „Lügenpresse“ macht die Runde ... Ist es in Frankreich ähnlich?

Koll: Nein. Mir ist eine solche Diskussion hier noch nicht begegnet, es gibt dafür nicht einmal einen vergleichbaren Begriff auf Französisch. Allerdings zeigen auch hier die Umfragen das abnehmende Vertrauen in den Journalismus.

nordbuzz: Was machen Sie als Ursache dafür aus?

Koll: Da kommen, glaube ich, viele Faktoren zusammen. Um nur mal einen zu nennen: Tendenziell machen die sozialen Medien aus jedem einzelnen Teilnehmer einen weltweiten Sender von Nachrichten. Wobei das Fatale daran ist, dass die Zuverlässigkeit der Informationen offenbar zunehmend als gleichwertig erachtet wird. Die Meinungsäußerung oder Behauptung eines Einzelnen zählt für den Empfänger unter Umständen genau so viel wie das Ergebnis einer aufwendigen journalistischen Recherche ... Und wenn diese beiden Botschaften inhaltlich auseinanderfallen, dann neigen wir Menschen offenbar dazu, dem zu glauben, dessen Haltung der unseren am nächsten ist, der vielleicht sogar ein „Freund“ im Netz ist. Mittler wie Zeitungen oder Sender stehen auch dadurch zunehmend unter Manipulationsverdacht.

nordbuzz: Was kann der verantwortliche TV-Journalist tun, außer seine Arbeit gut und seriös zu erledigen?

Koll: Nicht viel mehr als das, fürchte ich. Aber das ist schon sehr viel, und das sollten wir selbstbewusster klarmachen. Ich kenne die Medien einiger Länder aus eigener Anschauung - und bei aller Kritik: Wir haben in Deutschland eine der besten Medienlandschaften der Welt, und, so viel Eigenlob sei erlaubt, die öffentlich-rechtlichen Sender sind ein wichtiger Teil davon. Wenn ich mir da andere Länder, andere Fernsehsender anschaue - ich möchte nicht tauschen.

nordbuzz: Gerade deshalb ist ja mit Sorge zu sehen, dass dem Angebot von Teilen der Zuschauer das Vertrauen entzogen wird ...

Koll: Es geht damit ja gleichzeitig auch um einen Teil unseres demokratischen Diskurses. In Staaten wie den USA geht der auf dramatische Weise verloren, die Meinungen entwickeln sich extrem auseinander, jeder verstärkt nur noch seine eigene Position. Im öffentlich-rechtlichen System dagegen sind alle gesellschaftlichen Gruppen vertreten, der Dialog und das Miteinander sind quasi ins System eingebaut. Und: das Korrespondentennetz bietet den Blick in die Welt, in dieser Vielfalt sind da ARD, ZDF und die BBC fast allein auf weiter Flur. In Frankreich hat der Erste Kanal nicht einmal mehr einen eigenen Korrespondenten in Berlin.

nordbuzz: Aber natürlich hilft all das nichts, wenn ganze Zuschauergruppen trotzdem verloren gehen ...

Koll: Es wird dafür auch nicht die eine große Lösung geben. Über Albert Einstein wird folgende kleine Geschichte erzählt: Als er an der Uni seiner Sekretärin die Fragen für die Semesterprüfung gab, da wies sie ihn darauf hin, dass es die Fragen vom vergangenen Semester seien. Worauf Einstein gesagt haben soll: Ja, die Fragen sind alt, aber die Antworten sind neu. Ich glaube, mit dieser Leitlinie müssen auch wir immer wieder versuchen neue, angemessene Antworten zu finden, sowohl in Form wie Inhalt.

tsch

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