Rudi Carrell

Er war immer „der Letzte, der geht“

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Im September 2002 war Rudi Carrell zum letzten Mal im Team von „7 Tage - 7 Köpfe“. Zuletzt produzierte er die Show nur noch. Von links: Kalle Pohl, Bernd Stelter, Rudi Carrell, Jochen Busse, Gaby Köster und Mike Krüger.

Showmaster, Komödiant und - tatsächlich - Entertainer. Der Holländer Rudi Carrell, der vor zehn Jahren, am 7. Juli 2006, starb, war einer der Besten, die es je im deutschen Fernsehen gab.

Auch mit einem vorletzten Platz beim Eurovision Song Contest kann man noch was werden. Rudi Carrell war 1960 der beste Beweis. Er machte sich über die vermeintliche Niederlage derart lustig, dass er gleich zwei Angebote vom niederländischen Fernsehen bekam. Es war die Geburt eines Showmasters, der seinesgleichen im Fernsehen suchte. Fast 50 Jahre lang - seit der „Rudi Carrell Show“, die er ab 1960 zunächst drei Jahre lang im holländischen Fernsehen präsentierte, war er der Spezialist für die leichte Unterhaltung, für die Spezies des „Light Entertainment“, die heute nahezu ausgestorben ist. Rudi wusste, wie es geht. Das Handwerk des Komikers und (damals noch) Conférenciers wurde dem 1934 in Alkmaar Geborenen vom Vater in die Wiege gelegt. Hinter den Kulissen konnte der Charmeur, der vor zehn Jahren, am 7. Juli 2006 starb, hart gegen sich selbst und andere sein.

Mit der von ihm selbst aus Holland importierten „Rudi Carrell Show“ fesselte er in den 60-ern auch das deutsche Publikum. Bis zuletzt war der hagere Mann mit dem gepflegten niederländischen Akzent geradezu hitzköpfig interessiert an der deutschen Fernsehunterhaltung und mischte sich ein. Mit seiner Produktionsfirma zog er auch im Hintergrund die Strippen. „7 Tage - 7 Köpfe“, hieß das Format, das wie die meisten Unterhaltungsshows auf Schadenfreude fußte. Es wurde von ihm und seinen Gag-Schreibern produziert - auch dann noch, als er selbst das Studio 2002 verließ. Carrell war ein Meister in der Umsetzung internationaler Formate, die meist - wie „Herzblatt“ oder „Rudis Tagesshow“ - aus England kamen („It's not the Nine O'Clock News“). Seine Adaptionen waren immer erfrischend und genial. Legendär die BHs und Slips als „Geschenke“ für Ayatollah Khomeini im Februar 1987.

„Ich bin aufgewachsen in einer Familie, in der alle Showmaster waren - eine total bescheuerte Familie“, so berichtete er. Rudolf Wijbrand Kesselaar, so sein richtiger Name, wurde in eher ärmlichen Verhältnissen groß. Sein Vater André, Zauberkünstler und Entertainer, kam erst spät zu Erfolgen. Die Mutter wusste lange nicht, wie sie die sechsköpfige Familie durchbringen sollte. Vom Vater, so Carrell, habe er „das Talent geerbt, von der Mutter die Menschlichkeit“. Das Geheimnis seines Erfolge sah er in seiner Selbstironie. „Die Deutschen lieben Selbstironie“, behauptete er überaus wohlwollend - und auch schon wieder ironisch. Eher ehrlich: „Das Geheimnis meines Erfolgs ist, dass ich immer auf alle Kleinigkeiten geachtet habe. Ich bin immer der Erste, der ins Studio kommt und der Letzte, der geht.“ Einer, der wusste, dass das Leichte schon immer das Schwerste war.

Der Sündenfälle gab es freilich viele: Filmchen wie „Wenn die tollen Tanten kommen“, aber auch seichte Liedchen wie „Goethe war gut“. Eines seiner schönsten Bekenntnisse ist: „Ich kann nicht singen, aber ich singe. Ich kann nicht tanzen, aber ich tanze.“ Und beeindruckend die Devise: „Drei Dinge braucht der Mann: Zigaretten, Bier und Applaus.“ Angeblich vertilgte er in jungen Jahren 18 Flaschen Bier und vier Schachteln Zigaretten pro Nacht vor der Schreibmaschine.

Seit 1975, als er bei Radio Bremen mit der Erfolgsshow „Am laufenden Band“ begann, residierte der Show-Kaiser in einem ehemaligen Gutshof in Syke nahe Bremen. Zwölf Hektar Land mit Park, Ställen und eigenem See. Dort lebte er zuletzt mit seiner dritten Frau Simone, einer Hotelfachfrau aus Magdeburg. In einem späten Porträt für Radio Bremen öffnete er sein Haus, sprach über seine junge Frau, über die Beziehung zu seiner langjährigen Freundin Susanne und den Tod seiner früheren Frau Anke, einer Bremer Schneidermeisterstochter, deren Bild bis zuletzt auf seinem Schreibtisch stand.

Der an Lungenkrebs erkrankte Carrell, der sich bei der Verleihung der Goldenen Kamera am 2. Februar 2006 von seinem Publikum auf rührende Weise verabschiedete, tat sich mit Freunden schwer: „Wer keine Freunde hat, wird nicht enttäuscht“, war eines seiner berühmten Bonmots.

Sendungen zur Erinnerung an Rudi Carrell:

Mo., 20.06., NDR, 20.15 Uhr: „Gottschalk, Carrell und Co.“

Mo., 20.06., NDR, 22.45 Uhr: „Rudis Tagesshow Extra“

Mo., 27.06., NDR, 22.45 Uhr: „Rudis Tagesshow Extra“

So., 03.07., SWR, 10.30 Uhr: „Legenden: Rudi Carrell“

Do., 07.07., MDR, 22.50 Uhr: „Rudi Carrell - Lachgeschichten“

tsch

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