Nicolas Winding Refn

„Ich wäre gern ein 16-jähriges Mädchen“

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Nicolas Winding Refn gilt als Enfant terrible der Arthouse-Regisseure. In Cannes sorge sein neuestes Drama „The Neon Demon“ abermals für gespaltene Reaktionen.

Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn über Schönheit, Kreativität und die Tatsache, dass er überzeugter Narzisst ist.

Wenige stellen sich dem Common Sense des europäischen Arthouse-Kinos so überzeugt entgegen wie der Regisseur Nicolas Winding Refn. Gesellschaftskritik oder politische Bezüge sind dem dänischen Enfant terrible fremd - der schöne Schein, das Ästhetische gelten ihm indes alles. Viele halten den 45-Jährigen trotz seines Meisterwerks „Drive“ aufgrund filmischer Gewaltorgien und Ekelszenen für einen Provokateur. Auch sein aktueller Mode-Branche-Horror „The Neon Demon“ (Start: 23. Juni) wurde, wie schon der Vorgänger „Only God Forgives“, in Cannes mit Buh-Rufen bedacht. Dabei nimmt man dem streitbaren Autorenfilmer seine zur Schau gestellte Arroganz und Eitelkeit durchaus ab, wenn er einem wie immer elegant gekleidet zum Gespräch gegenüber sitzt. Mit bedachter Selbstverliebtheit spricht Refn im Interview über das große Rätsel der Schönheit, verrät, warum er überzeugter Narzisst ist und gern ein 16-jähriges Mädchen wäre.

nordbuzz: Sie sagten einmal, als Jugendlicher hätten Sie gegen Ihre Eltern rebelliert, weil diese die Nouvelle Vague verehrten. Haben Sie auch heute manchmal - etwa bei den Buh-Rufen in Cannes - das Gefühl, gegen ein elitäres europäisches Arthouse-Publikum zu rebellieren?

Nicolas Winding Refn: Sie meinen diese aussterbende Art? In Europa gilt es immer noch als sehr großes Tabu, dass Kino etwas anderes sein könne als kritischer oder sozialer Kommentar. Viele Länder leiden unter dieser strikten und kontrollierenden Definition dessen, wie Qualitäts-Kino, wie korrektes und akzeptables Kino auszusehen hat. Das ist überaus ungesund.

nordbuzz: Was tun Sie, um Ihre Arbeit nicht von dieser Definition beeinflussen zu lassen?

Winding Refn: Ganz einfach: Ich löse mich davon und versuche, das Ganze finanziert zu bekommen. Das Wichtigste ist das Publikum: Ich kreiere Filme für das Publikum in einer Weise, in der ich sie selbst gern als Zuschauer sehen würde.

nordbuzz: Zitieren Sie deshalb viele klassische Werke, die Sie selbst beeindruckten? Auch „The Neon Demon“ strotzt wieder vor Referenzen ...

Winding Refn: Nicht bewusst! Ich bin ja kein DJ. Mir gefallen alle möglichen Filme und Genres, aber ich inszeniere derlei Bezüge nicht mit Absicht.

nordbuzz: Ihre Huldigung des Ästhetischen scheinen Sie hingegen minutiös zu planen. Haben Sie L.A. als Handlungsort gewählt, weil sich dessen künstliche Oberfläche für einen Film über Schönheitsideale perfekt eignet?

Winding Refn: Ich halte die Stadt gar nicht für künstlich - ich finde sie vielmehr sehr magisch, als würde man Alices Wunderland betreten. Alles ist überhöht, samt einer gewissen Mythologie. Aber man kann mit Sicherheit sagen, dass das Argument der Künstlichkeit eines der wesentlichen und auch problematischsten ist, wenn es um Schönheit geht. Dabei ist das Thema an sich natürlich nicht künstlich, Teile davon können es aber sein.

nordbuzz: Etwa die Körperteile alternder Stars in L.A.?

Winding Refn: Klar, auch das. Jeder besitzt schließlich eine gewisse Eitelkeit. Jeder geht ins Fitnessstudio. Es ist doch normal, dem zu huldigen. Das wollte ich ja auch in „The Neon Demon“: Narzissmus als Qualität zu feiern, als etwas, auf das man stolz sein kann.

nordbuzz: Sind Sie ein Narzisst?

Winding Refn: Zu 100 Prozent. Absolut. Wie könnte ich sonst schöpferisch tätig, kreativ sein? Ohne das zu werten: Man muss akzeptieren, dass sich Kreativität um jene Teile von einem dreht, deretwegen man erst kreativ ist: Narzissmus, Eitelkeit, Selbstbewusstsein. Je ausgeprägter diese Charakterzüge sind, desto interessanter wird es doch erst. Glauben Sie etwa, Picasso hatte kein riesiges Ego? Keine selbstverliebten Tendenzen, die über das normale Maß hinausgehen?

nordbuzz: Zeigt sich die Tendenz zum Narzissmus heutzutage stärker denn je?

Winding Refn: Definitiv. Interessant ist doch, das etwa meine Kinder inmitten der digitalen Revolution aufgewachsen sind - sie nutzen Social Media zur Kommunikation und als Unterhaltung. Ihre Einstellung zum Narzissmus ist anders, er gilt nicht mehr als Tabu. Im Gegenteil, vielmehr als Erfolg. Das finde ich erfrischend, ich sporne sie auch dazu an. Sicher: Das fordert Opfer und birgt gewisse Gefahren. Dennoch überwiegen meiner Meinung nach die positiven Auswirkungen auf die Zukunft.

nordbuzz: Aber hat nicht gerade im Mode-Business der Narzissmus vor allem gefährliche Folgen? Schließlich werden damit insbesondere sehr junge Frauen konfrontiert ...

Winding Refn: Ich finde das vielmehr spannend: Sind Frauen als Fotografie-Objekte interessanter als Männer? Warum geht es sofort fast ausschließlich um Frauen, sobald man das Thema Schönheit anschneidet? Das können nur die Frauen selbst herausfinden. Schließlich dreht sich das Mode-Geschäft um Frauen, wird von Frauen für Frauen betrieben. Die Haupt-Konsumenten der Schönheitsindustrie sind nun mal Frauen. Sie sind daher auch diejenigen, die etwas an den Zuständen verändern können.

nordbuzz: Spielt nicht auch die patriarchale Tatsache eine Rolle, dass Frauen nach ihrem Äußeren beurteilt werden, Männer hingegen nicht?

Winding Refn: Sicher. Ich wünschte oft, es wäre umgedreht! Ich weiß, dass ich nicht als Schönheit geboren wurde, meine Frau hingegen schon. Und eines Tages fragte ich mich, wie es denn wäre, wunderschön auf die Welt gekommen zu sein.

nordbuzz: Warum fasziniert das so?

Winding Refn: Schönheit ist so dominierend, so kompliziert. Jeder besitzt eine Meinung dazu. Es dauert niemals lange, bevor man sich in einem Gespräch über Schönheit streitet. Sie beeinflusst alles, wovon wir umgeben sind, wie wir auf die Welt blicken. Sie hat Auswirkungen darauf, wie wir unsere Kinder sehen, welche politischen Ansichten wir vertreten. Soziale Revolutionen etwa sind eng mit dem Blick auf das Schöne verknüpft - so wie alles andere auch. Es ist das Einzige von Beständigkeit.

nordbuzz: Sie erkennen darin keine Oberflächlichkeit?

Winding Refn: Das ist eine moralische Agenda, die „The Neon Demon“ auch aufgreift: Dass Schönheit nicht alles sei, das es Wichtigeres gäbe. Aber ich zeige auch, dass das ziemlich heuchlerisch sein kann. Repräsentiert wird diese moralisierende Ansicht von den „guten“ männlichen Charakteren. Dann gibt es noch diejenigen, die Dominanz und Kontrolle repräsentieren, und diejenigen, die für die weibliche Angst vor sexueller Bedrohung und Missbrauch stehen. Abseits davon haben die Männer in meinem Film und in der Modebranche aber keine Funktion. Frauen sind die Einzigen, die das eigentliche Thema kontrollieren. Mich hat interessiert, wie diese konstant wachsende Obsession mit der Schönheit im weiblichen Subjekt zustande kommt.

nordbuzz: Sie sagten einmal, Sie seien ein femininer Mann, der feminine Filme macht ?

Winding Refn: Ja, schauen Sie mich doch an! Ich genieße Weiblichkeit sehr, ich mag alles Feminine. Kreativität ist doch ein sehr feminines Medium.

nordbuzz: Für „The Neon Demon“ wählten sie erstmals einen weiblichen Hauptcharakter. Wie viel Einfluss hatte Elle Fanning auf die Produktion?

Winding Refn: Sehr viel! Ich bin kein 16-Jähriges Mädchen. Aber ich wäre gern ein 16-jähriges Mädchen. Also musste sie mir sagen, was akkurat ist, was der Wahrheit entspricht, aber auch, was sie am Thema Schönheit interessiert, wie es in ihrer Generation verhandelt wird.

nordbuzz: Wollten Sie sich mit der Thematik und Besetzung auch von den überaus männlichen Vorgängerfilmen lösen?

Winding Refn: Mit „Drive“ erreichte ich eine gewisse Spitze männlichen Fetischs - ich betrat damit ja auch die Welt einer Art von Homoerotik, ohne direkte Sexualität zu zeigen. Viel weiter konnte ich damit gar nicht gehen, ohne mich dem Sexuellen in seiner Essenz zu nähern. Das wollte ich aber nicht. Mit „Only God Forgives“ sollte dieser Fetisch wieder entmännlicht werden.

nordbuzz: Kann man sagen, Sie treiben diese Dekontruktion mit „The Neon Demon“ nun weiter voran?

Winding Refn: Diese Art Wiedergeburt als 16-jährige Jungfrau in einer Stadt der Sünde ist natürlich konsequent. Aber es ist kein Statement. Ich bin kein politischer Filmemacher.

nordbuzz: Ein Kommentar zum erbarmungslosen Schönheits- und Unterhaltungsgeschäft ist der Film aber ein Stück weit schon?

Winding Refn: Sicher, er dreht sich viel um das Babylon Hollywood. Es existiert eine bestimmte Art von Mythos um das ganze Blendwerk und die Falschheit Hollywoods, den ich für sehr interessant halte.

nordbuzz: Hat Ihre Faszination mit dem schönen Schein im Entertainment-Geschäft auch Ihren Filmstil seit der „Pusher“-Trilogie beeinflusst?

Winding Refn: Absolut. Ich begann Filme zu machen, mit dem Anspruch, die Realität einzufangen. Bis zu jenem Punkt, dass sogar die Drogen im Film echt sein mussten. Nichts konnte für mich real genug sein. Irgendwann wurde das aber albern. Film ist und bleibt schließlich eine Konstruktion. Also entschied ich, mich mehr nach meinem eigenen Ego, meinem Narzissmus zu richten. Die überhöhte Form von Realität, die ich mit „Bronson“ startete, habe ich seitdem sehr zu lieben gelernt. Und meine Werke scheinen davon zu profitieren.

nordbuzz: Auch scheinen Sie die Freiheit zu genießen, immer wieder sehr streitbare Szenen zu zeigen - so auch in „The Neon Demon“. Stießen Sie bei der Produktion auf Probleme, diese durchzubekommen?

Winding Refn: Überhaupt nicht. Ich habe volle Kontrolle darüber, deshalb produziere ich auch mit möglichst geringen Ausgaben. Für den Final Cut bin ich verantwortlich. Wenn du das als Regisseur nicht hast, bist du am Arsch. Das ist essentiell. Es gibt in Sachen Kreativität nichts Genussvolleres, als genau das zu tun, was du tun möchtest. Unabhängig von den Reaktionen, unabhängig davon, was folgt. Der Moment zu sagen: Ich setzte es exakt so um, wie ich es wollte - dieser Moment überwiegt noch immer jedes Geld der Welt, das sie dir bieten.

tsch

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