Erol Sander

„Ich bin ein unterhaltender Schauspieler“

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Wenn Erol Sander (47) als Kommissar Özakin ermittelt, sitzt auch bei Actionszenen der Maßanzug immer perfekt. Über Angst nachdenken - das kann man, wenn man tot ist, sagt Sander.

Seit 2009 ist der Münchner Schauspieler Erol Sander als Kommissar Özakin das Gesicht der „Mordkommission Istanbul“. Noch vor den Attentaten in Istanbul wurde der hochbrisant erscheinende Zweiteiler „Im Zeichen des Taurus“ gedreht.

Geradezu beängstigend aktuell erscheint der erste große Zweiteiler „Im Zeichen des Taurus“ aus der ARD-Krimireihe „Mordkommission Istanbul“ (ARD, 08. und 10. September, jeweils um 20.15 Uhr). Kommissar Mehmet Özakin, gespielt von Erol Sander, wird hier mit extremistischen Kreisen, Bombenanschlägen und vor allem mit dem türkischen Geheimdienst konfrontiert. Im Sommer 2015 gedreht, also vor den Attentaten von Istanbul im Januar und März dieses Jahres, wirkt der Krimi fast wie eine Vorahnung. Nach den Attentaten vor der Blauen Moschee und in der Istiklalstraße zog die Produktion aus Sicherheitsgründen im April 2016 für weitere inzwischen abgedrehte Folgen nach Izmir um, das als Großstadt Istanbul optisch am nächsten kommt. Dennoch sagt Erol Sander (47) im Gespräch, man dürfe sich durch Angst nicht das eigene Leben einschränken lassen. Vor dem Fenster des Mongelas-Palais im Bayerischen Hof flattert dabei eine riesige weiß-blaue Rautenfahne, als wolle sie dazu ein Ausrufezeichen setzen.

nordbuzz: Herr Sander, Sie wurden in Istanbul geboren, sind mit fünf Jahren nach München gekommen und dort aufgewachsen. Nicht zuletzt durch ihre Rolle in der „Mordkommission Istanbul“ ist Ihnen die Stadt am Bosporus ans Herz gewachsen. Ihre „Goldene Stadt“ haben Sie sie mal genannt. Was dachten Sie beim Attentat vor der Blauen Moschee am 12. Januar?

Erol Sander: Ich war erschüttert. So erschüttert wie auch bei dem Attentat in Nizza, als ein Lastwagen in die Menge fuhr, oder als ein Attentäter in Florida in einer Diskothek 50 Menschen erschoss. Es ist kein regionales Problem in Istanbul, sondern ein weltweites. Das Selbstmordattentat brachte mich zum Nachdenken und zum Trauern. Trotzdem dürfen wir uns durch unsere Ängste unser Leben nicht einschränken lassen. Es sind jetzt die Politiker gefragt, um unsere Sicherheit zu gewährleisten.

telschau: Aber Sie sind mit den Dreharbeiten für die „Mordkommission Istanbul“ immerhin im Frühjahr aus Sicherheitsgründen von Istanbul nach Izmir umgezogen.

Sander: Sicherheit steht bei der ARD und der Regina Ziegler Produktion an erster Stelle. Diese war in Izmir gegeben, der nächstgrößeren Stadt nach Istanbul und Ankara. Es war eine Vorsichtsmaßnahme, die verständlich ist.

nordbuzz: Haben Sie sich denn gegen den Umzug ausgesprochen, hätten Sie lieber in Istanbul weitergedreht?

Sander: Das bestimmen nun mal höhere Instanzen über mir - der Sender, die Produktionsfirma, die Produktion vor Ort, Anka Film in Istanbul. Sie wissen, was sie tun müssen, um unsere Sicherheit zu gewährleisten. Unsere Filmproduktionsfirma geht mit dem Thema Sicherheit sehr sorgsam um und trifft letztendlich die Entscheidungen im Team. Ich vertraue meinem Team hier voll und ganz.

nordbuzz: Wie haben Sie den Putschversuch vom 15. Juli erlebt?

Sander: Den Putschversuch habe ich natürlich, wie viele andere auch, im Fernsehen und andere Medien miterlebt - auch die Unterbrechungen. In den Zeiten der Unruhen und Anschläge - die nicht nur die Türkei betreffen- wünsche ich mir natürlich, dass die Menschen wieder Frieden finden.

nordbuzz: Die Wirklichkeit sieht aber leider anders aus.

Sander: Ich bin kein Politiker, sondern unterhaltender Schauspieler, und ich glaube, dass meine Meinung in der Öffentlichkeit durch meinen Beruf vielleicht überbewertet wird. Jetzt sind mehr denn je unsere Politiker weltweit gefragt, die Sicherheit für die Bevölkerung herzustellen, den Menschen ein Zuhause zu geben und Frieden zu schaffen. Es sind schwere Aufgaben, die jetzt zu bewältigen sind.

nordbuzz: Im aktuellen Zweiteiler „Im Zeichen des Taurus“ werden allerdings brisante politische Themen aufgegriffen. Es geht um Terror und dessen Hintermänner. Der Geheimdienst kommt da nicht gut weg.

Sander: Der Film ist zwar aktuell, aber wir machen ja einen Krimi, um zu unterhalten. Die Leute sollen versuchen herauszufinden, wer der Mörder ist. Dass das Thema so aktuell sein würde, das konnte vor eineinhalb Jahren noch niemand wissen.

nordbuzz: Haben Sie über die Özakin-Rolle hinaus noch einen besonderen Bezug zu Istanbul?

Sander: Ich habe noch Familienangehörige in Istanbul. An die frühe Kindheit habe ich selbst nur noch schemenhafte Erinnerungen. Jetzt entdecke ich mit dem Zuschauer zusammen immer wieder neue kleine Plätze, die ich zuvor noch nicht kannte. Es ist auch für mich eine Bereicherung und eine wunderbare Erfahrung zugleich.

nordbuzz: Ihre Frau ist eine Nichte des Regisseurs Oliver Stone. Sehen Sie ihn gelegentlich?

Sander: Wir waren gerade mit der ganzen Familie zusammen im Urlaub auf Korsika. Er selbst ist in meinen Augen ein kritischer, aber immer objektiver Denker.

nordbuzz: Sie haben zwei Kinder, zwei Jungen, die noch nicht erwachsen sind. Beeinflusst Sie das nicht in Ihrer Verhaltensweise gegenüber den eigenen Ängsten?

Sander: Natürlich erschüttert es mich und macht mich nachdenklich, was zurzeit geschieht. Da müssen wir nicht weltweit Ausschau halten, sondern direkt vor der Haustür - wenn etwa ein minderjähriger Junge andere Menschen mit in den Tod reißt. Aber ich bin kein Kinderpsychologe, um das analysieren zu können. Meinen eigenen Kindern versuche ich ein guter Vater zu sein und ihnen bestimmte Werte zu vermitteln, wie Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und Respekt im Umgang mit Mitmenschen.

nordbuzz: Und der Umgang mit der Angst?

Sander: Was die Angst betrifft: Es gibt sie. Aber man darf sich nicht so einschränken lassen, dass man nur noch in Angst lebt und die Angst das Leben bestimmt. Über Angst nachdenken - das kann man, wenn man tot ist.

tsch

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