Komiker im Interview

Otto Waalkes: „Als ich anfing, galt ich als merkwürdiges Alien“

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„Mir gefiel die Physiognomie des Faultiers. Seine Stromlinienform erinnerte mich an meinen eigenen Körper.“ Komikerlegende Otto Waalkes spricht zum fünften Mal das Riesenfaultier Sid im Film „Ice Age - Kollision voraus!“.

Zum Interview mit Otto Waalkes in einem Hamburger Hotel trifft man einen fast 68 Jahre alten, zierlichen Mann, dem der ganz nordische Wunsch nach einer gewissen Distanz immer noch anzumerken ist. Dem gemeinsamen Sitzen auf der Couch zieht der Komiker mit der Begründung, man kenne sich ja nicht so gut, zwei gegenüberliegende Stühle vor. Das nachfolgende Gespräch über eine lange, fast märchenhafte Karriere ist dann aber doch von erstaunlicher Offenheit geprägt. Ab 30. Juni ist Waalkes als deutsche Stimme des Faultiers Sid im Film „Ice Age - Kollision voraus!“ im Kino zu hören.

nordbuzz: Seit 2002 sind Sie die deutsche Stimme des Faultiers Sid, dabei haben Sie das Synchrongeschäft nie gelernt. Wie kamen Sie überhaupt zu diesem Job?

Otto Waalkes: Die hatten in Amerika irgendwie gehört, dass ich Rüssel mag und etwas mit Elefanten zu tun habe. Deshalb fragten sie mich, ob ich nicht das Mammut sprechen könne. Ich habe mir daraufhin die Figuren angesehen, und das Faultier gefiel mir irgendwie besser.

nordbuzz: Warum war Sid Ihr Typ?

Waalkes: Mir gefiel die Physiognomie des Faultiers. Seine Stromlinienform erinnerte mich an meinen eigenen Körper. Auch die Mundstellung fand ich von Anfang an faszinierend. Ich wusste: Aus dieser Öffnung heraus kann man sich mit einem Sprachfehler äußern. Im englischen Original sprach das Tier ursprünglich ja gar nicht so komisch. Es ehrt mich natürlich, dass die Amis diesen Tick dann bei den späteren Filmen sogar übernommen haben.

nordbuzz: Nüchtern betrachtet ist Sid in „Ice Age“ ja eine ziemliche Nervensäge. Identifizieren Sie sich mit diesem Merkmal?

Waalkes: Das ist eine sehr persönliche Frage, deshalb bin ich da der falsche Ansprechpartner. Fragen Sie am besten meine Ex-Frauen.

nordbuzz: Wie viel künstlerische Freiheit wird einem Synchronsprecher bei einem globalen Unterhaltungsprodukt wie „Ice Age“ überhaupt gewährt?

Waalkes: Für einen wie mich, der es eher gewohnt ist, sein eigenes Ding zu machen, ist es schon gewöhnungsbedürftig. Die Amis stellen einem bei den Synchronaufnahmen so einen Aufpasser daneben, der ruft dann immer: „Noch mal!“, wenn man einen Satz gesagt hat - weil er ihm nicht gefallen hat. Das Verrückte war nur, der Typ konnte gar kein Deutsch. Er entschied nur anhand des Klangs der Stimme, ob das aufs Original passt. Man sieht daran, dass Sprache heutzutage anscheinend mehr und mehr ihre Bedeutung verliert.

nordbuzz: Bestand hat immerhin die Langlebigkeit der „Ice Age“-Reihe. Haben Sie eine Theorie, warum man das Ganze nun schon seit 14 Jahren sehen will?

Waalkes: „Ice Age“ ist eine sehr pure Form der Unterhaltung, da würde ich nun nichts Philosophisches hineininterpretieren wollen. Es ist ein Film, der uns in andere Welten entfliehen lässt. Es sagt natürlich viel über den Zustand unserer tatsächlichen Welt aus, wenn uns selbst die Eiswelt attraktiver erscheint als unser Alltag.

nordbuzz: Bei einer ZDF-Show wurden Sie hinter Loriot und Heinz Erhardt zum wichtigsten deutschen Komiker aller Zeiten gewählt. Fühlen Sie sich wie eine deutsche Ikone?

Waalkes: Ikonen sind nichts für mich. Ich fühle mich noch nicht mal besonders deutsch.

nordbuzz: Wie meinen Sie das?

Waalkes: Ich habe in Sachen Humor immer stark nach Westen, in Richtung Amerika geschaut. Ich war ein großer Fan der frühen Stand-up-Programme von Woody Allen. Ich hatte einen amerikanischen Freund, der nahm mich oft mit nach drüben und zeigte mir Sachen. So entdeckte ich früh Leute wie Cheech und Chong, die ich ziemlich genial fand. Im Deutschland der 70-er war Stand-up völlig unbekannt und als ich mit solchen Auftritten anfing, galt ich als merkwürdiges Alien. Mir mochte ja auch keine Plattenfirma einen Vertrag geben, als ich meine Shows auf Tonträger veröffentlichen wollte. Es war so schlimm, dass ich ein eigenes Label gründen musste, um die Sachen herauszubringen. Das war in Nachhinein natürlich eine sehr gute Idee ...

nordbuzz: Es heißt, sie haben in den 70er-Jahren eine neue Form von Humor nach Deutschland gebracht. Eine, die vom Absurden und scheinbar sinnfreien Blödeleien geprägt war. Etwas, das es hierzulande vorher nicht gab ...

Waalkes: Dabei hatte ich eigentlich nie den Plan, Komiker zu werden. Ich wollte auf die Kunsthochschule - aber da wollte man mich nicht. Trotzdem malte ich weiter und machte Kunst. Außerdem war ich schon immer Musiker. Ich tourte schon mit Band, da war ich fast noch ein Kind. Als ich von Ostfriesland nach Hamburg umgezogen war, finanzierte ich mein Kunstpädagogik-Studium durch Solo-Auftritte mit Stimme und Gitarre. Weil ich höflich und ein bisschen schüchtern war, entschuldigte ich mich bei den Leuten, wenn mal was schiefging. Irgendwann merkte ich, dass diese Entschuldigungen besser ankamen als die Musik selbst. Ich glaube, diese Erkenntnis war der Beginn meiner Karriere als Komiker.

nordbuzz: Ist es wirklich so, dass Sie Ihr komisches Talent erst im Rahmen der Konzerte entdeckt haben?

Waalkes: Im Sinne eines Berufs schon. Natürlich gab es vorher Hinweise. Ich war zum Beispiel der Klassenclown. In gewisser Weise kam ich mir aber auch sehr norddeutsch vor. Also spröde und ein bisschen menschenscheu. Ich wollte nicht, dass mir die Leute zu nahe kommen. Dies sind keine Eigenschaften, die man mit einem Komiker verbindet. Zumindest habe ich das damals wohl selbst geglaubt.

nordbuzz: In den 70-ern lebten Sie mit späteren Stars wie Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen gemeinsam in einer WG in Hamburg-Winterhude. Wer hat damals wen mehr beeinflusst?

Waalkes: Ich erinnere das Ganze vor allem als extrem laut und chaotisch. Natürlich war es auch schön und ungeheuer kreativ. Zu Spitzenzeiten lebten in unserer WG 14 Leute, aber ich war der Erste, der auch ein bisschen Geld verdiente. Deshalb kaufte ich auch mal eine neue Spülmaschine oder ließ die Cord-Couch neu beziehen. Ich erinnere mich daran, dass Udo und Marius nachts in der Wohnung über mir regelmäßig bis in den Morgen hinein jammten. Nach heutigen Maßstäben war es unmöglich, in diesem Haus auch nur eine Minute zu schlafen. Es ist erstaunlich, dass wir diese Phase überlebt haben.

nordbuzz: Später wurden Sie allesamt zu Superstars der deutschen Popszene. Wie ist Ihr Kontakt heute?

Waalkes: Sehr gut. Der Kontakt riss eigentlich nie ab. Vor allem Udo war immer ein guter Freund von mir. Ich freue mich total, dass er heute wieder in Stadien spielt und die Dinger voll macht. Ich hätte nie gedacht, dass uns alten Säcken so etwas noch mal passieren könnte. Aber Udo hat es total verdient.

nordbuzz: Sie werden im Juli 68 Jahre alt. Wie sehr schauen Sie auf das eigene Werk zurück - im Sinne einer Bilanz?

Waalkes: Zurückschauen ist überhaupt nicht mein Ding. Auch die Idee, sich für das eigene Werk feiern zu lassen und das auch noch zu genießen, erscheint mir fremd. Ich feiere gern, aber nicht mich selbst.

nordbuzz: Dann schauen wir ein wenig nach vorn. Hat Otto, der Künstler, noch Ziele, die er sich bislang nicht erfüllen konnte?

Waalkes: Mein Ziel ist, so weiterzuarbeiten wie bisher. Mein Leben zeichnet sich dadurch aus, dass ich immer das gemacht habe, was ich wollte. Egal, ob es Musik oder Komik war, Malerei oder Film. Eigentlich ist es verrückt, dass ich mir diese Freiheiten nehmen durfte - oder sie mir einfach genommen habe. Und dass ich auch noch gut damit gefahren bin. Ich finde, viel mehr kann man als Künstler nicht erreichen.

tsch

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