Dunja Hayali philosophiert in "außendienst XXL: Was glaubt ihr denn?" (Montag, 16. Mai, 19.30 Uhr, ZDF) über die Religionsfrage

"Ich habe für Shiva gekifft"

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Lügenpresse? Dunja Hayali ist laut eigener Auskunft "Journalistin geworden, weil es mir um die Wahrheit geht".

"Die Menschen hören sich nicht mehr zu und beharren verbohrt auf ihrem jeweiligen Standpunkt." Dunja Hayali machte es besser und informierte sich zu einem Thema, mit dem sie "eigentlich gar nichts mehr" am Hut hat: Religion.

Dunja Hayali ist müde. Das Interview findet vormittags statt, direkt nach ihrer "Morgenmagazin"-Schicht - für Hayali also eigentlich Feierabend und Schlafenszeit. Dennoch präsentiert sich die Moderatorin hoch konzentriert. Auch weil das Thema Religion ihr persönlich am Herzen liegt. Dunja Hayali begab sich für die Sendung "außendienst XXL" (Pfingstmontag, 16. Mai, 19.30 Uhr, ZDF) auf eine Reise um die Welt. Die 41-Jährige hat sich auf den Weg gemacht, um Antworten auf die Frage "Was glaubt ihr denn?" zu finden. Bei den Recherchen zur Sendung besuchte sie Juden, Hinduisten, Christen und Muslime. Sie fiel vom Weihrauchgeruch fast um, erlebte eine Massenekstase und traf einen sterbenden Mann. Im Interview verrät Dunja Hayali nun, was sie persönlich von Religionen hält, was das einprägsamste Erlebnis ihrer Reise war - und sie erzählt, was sie vom "Lügenpresse"-Vorwurf hält.

teleschau: Frau Hayali, um mit den Worten Goethes zu fragen, wie halten Sie's denn mit der Religion?

Dunja Hayali: Eigentlich halt ich's damit gar nicht mehr. Ich war früher Messdienerin, hatte dann aber ein einschneidendes Erlebnis, das mich von der Institution Kirche wegbrachte und mich vom Glauben hat abwenden lassen. Durch meine Reisen nach Asien habe ich aber ein gewisses Interesse für den Buddhismus entwickelt. Seitdem finde ich das Thema Religion wieder sehr spannend.

teleschau: Was war das für ein Erlebnis?

Hayali: Als ich 20 Jahre alt war, hat sich ein enger Freund von mir umgebracht. Damals sagte der Priester in der Kirche, dass Gott auch junge Menschen zu sich holen möchte. Das war für mich so falsch, dass ich sagte, ich möchte damit nichts mehr zu tun haben. Ich habe diese Geschichte auf meiner Reise für "außendienst XXL" den Menschen erzählt, die ich getroffen habe. Und alle, ob orthodoxe Nonne oder Muslim oder Jude, konnten das verstehen. Das hat mich sehr berührt, ich bin nämlich mit dieser Erfahrung in der Vergangenheit oft auch auf Unverständnis gestoßen.

teleschau: Auf dem Profilbild Ihrer Facebook-Seite tragen Sie ein T-Shirt, auf dem religiöse Symbole abgebildet sind. Darunter steht das Wort "Coexist": Das Thema ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen ...

Hayali: Ich stehe dem Thema Religion sehr skeptisch gegenüber und denke, dass durch Religionen und ihre Fehlinterpretation schon sehr viel Schlechtes ausgelöst wurde. Trotzdem respektiere ich gläubige Menschen. Ich möchte, dass sie ihre Religion ausüben können - und das nebeneinander oder am besten auch miteinander. Religionen sollten sich nicht ausschließen. Warum suchen und leben wir Menschen nicht das Verbindende?

teleschau: Untersuchen Sie deshalb bei "außendienst XXL" die unterschiedlichen Religionen?

Hayali: Mich hat schon immer interessiert, warum Menschen eigentlich glauben, an was für Dinge sie glauben, und ob der Glaube immer einhergeht mit Religion.

teleschau: Was bedeutet es, in einer Religionsgemeinschaft zu leben?

Hayali: Für mich war Religion früher oft ein Symbol für Gemeinschaft, Zusammenhalt, Liebe, Verständnis, Respekt und Offenheit. All das hab ich auf der Reise zwischen den Menschen auch erlebt, aber immer nur innerhalb ihrer eigenen Religionsgemeinschaft. Ob bei den Hindus, den Christen, oder bei den Juden: Sobald es über die Religionsgrenzen hinausgeht, fällt es vielen Leuten sehr schwer, Toleranz zu zeigen. Mich schrecken außerdem die vielen Vorschriften ab.

teleschau: Haben Sie ein Beispiel?

Hayali: Die orthodoxen Juden befolgen 613 und mehr Regeln. Viele ergeben für mich, nun bin ich mit ihnen auch nicht aufgewachsen, einfach keinen Sinn. Ich habe sie bei den Dreharbeiten dauernd hinterfragt, zum Beispiel Familie Freyer in New York tut das nicht. Ist das nun Glaube, blindes Vertrauen, Naivität? Sie meinten dazu schlicht, all diese Vorschriften seien für sie wie ein Navigationssystem, mit dessen Hilfe sie immer genau wüssten, wann sie links oder rechts abbiegen müssen. Das leuchtet ein, aber darf man die Verantwortung für sein Leben 613 Regeln überlassen? Das muss jeder für sich selbst entscheiden, dennoch bin ich überzeugt davon, dass Religionen, ebenso wie ein Navi, hin und wieder ein Update brauchen.

teleschau: Denken Sie, dass es ohne Religion kein Leid auf der Welt gäbe?

Hayali: Wer sorgt für das Leid auf dieser Welt? Ausschließlich Religionen oder doch wir Menschen? Religionen sind oft nur Mittel zum Zweck und werden gerne benutzt, um Vorurteile und Hass zu schüren. Doch leider gab es tatsächlich bei jeder Religion, die auf meiner Reise besucht habe, auch ein ausgrenzendes Element. Das Trennende finde ich abstoßend.

teleschau: Was war für Sie auf dieser Reise das einprägsamste Erlebnis?

Hayali: Ich hatte eine Schlange um den Hals, ich habe für Shiva gekifft, getanzt, mit Kuhmist und roter Erde einen Boden geputzt, ich bin vom Weihrauch fast umgefallen, habe Massenekstase erlebt und hatte versifftes, aber gesegnetes Wasser im Mund. Ich kann mich nicht entscheiden. Eine Geschichte hat mich aber tatsächlich etwas irritiert. Ich sprach mit den Töchtern einer jüdischen-orthodoxen Familie in New York über das Thema Internet.

teleschau: Was war so irritierend?

Hayali: Sie sagten mir, dass sie das Internet nicht benutzen, da sie rein bleiben wollen. Dann habe ich sie zum Spaß gefragt, ob sie denn George Clooney, Michael Jackson und Brad Pitt kennen. Und dann kuckten die mich mit großen Augen an und sagten: "Ne, kennen wir nicht, wer ist das?" Ich sage jetzt nicht, dass das eine Wissenslücke ist, aber wie kann man mitten in New York leben und das nicht mitbekommen? Das ist für mich weltfremd. Ich habe ihnen aber auch gesagt, wenn ihr damit glücklich seid, dann respektiere ich das natürlich.

teleschau: Kann Religion die Welt nicht auch ein Stück besser machen?

Hayali: Wenn wir alle fest an Karma oder Reinkarnation glauben würden, dann müsste uns jede unserer Taten doch sehr bewusst sein, oder? So verhält es sich auch mit den Zehn Geboten oder dem aus der Bibel abgeleiteten Sprichwort "Was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem andern zu". Wenn wir uns daran halten würden, wäre das Zusammenleben sehr einfach. Da bleibt die Frage: Sind wir zu egoistisch? Wieso können wir diese einfachen Regeln nicht befolgen?

teleschau: Finden Sie es frustrierend, dass gerade in Zeiten des Internets, das so viele Möglichkeiten bietet, sich zu informieren, die Leute vor allem beim Thema Religion oft auf ihrer festgefahrenen Meinung beharren?

Hayali: Das ist nicht nur bei Religion so, ich stelle das gerade bei unglaublich vielen Themen fest. Für die meisten gibt es nur noch Schwarz und Weiß. Die Menschen hören sich nicht mehr zu und beharren verbohrt auf ihrem jeweiligen Standpunkt. Das passiert manchmal auch mir, da bin ich ganz ehrlich. Man sollte seine eigene Position aber immer wieder überdenken, Dinge verändern sich schließlich.

teleschau: Sie sprachen in Ihrer Rede bei der Preisverleihung zur "Goldenen Kamera" im Februar vom Hass in Deutschland. Was kann man Ihrer Meinung nach tun, um diesem Hass entgegenzutreten?

Hayali: Der Dialog ist dabei unerlässlich. Ob mit dem Nachbarn, mit der Frau im Zug, oder mit dem Mann an der Supermarktkasse: Wir müssen wieder lernen, miteinander zu reden. Wir alle sind verantwortlich für das Land, in dem wir leben. Was ist denn mit den christlichen Werten in unserem christlich geprägten Land? Die werden doch gerne betont. Was ist mit dem Obdachlosen, dem Rentner, der Witwe und ja, auch dem Flüchtling? Oder gelten unsere Werte nicht für fremde Menschen? Wenn die politische Situation und gesellschaftliche Entwicklung nicht so gefährlich wären, würde ich sagen, wir leben gerade in einer sehr spannenden Zeit. Alles ist in Bewegung.

teleschau: Die Menschen fühlen sich inzwischen oft von Journalisten belogen ...

Hayali: Da frage ich mich immer: Wie soll das gehen in Zeiten des Internets und der neuen Medien? Freiheit bringt die Verantwortung mit sich, sie auch zu nutzen. Und wir Journalisten sollten uns immer wieder kritisch hinterfragen: Tue ich genug, lasse ich mich einlullen, bin ich träge, bin ich nachlässig? Naja, ich bin jedenfalls Journalistin geworden, weil es mir um die Wahrheit geht.

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