Anomalisa

Hinter den Masken

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Man sieht's ihnen nicht an: Michael und Lisa werden eine Nacht verbringen, die beide glücklich macht.

Charlie Kaufmans „Anomalisa“ ist ein hinreißend verquerer Puppentrick-Film für alle, die sich fremd fühlen im Leben.

Schon der Flug von Los Angeles nach Cincinnati ist für Michael Stone eine Tortur. Selbst über den Wolken, wo die Freiheit doch grenzenlos sein sollte, ist der Motivationstrainer gefangen - in einer ausgewachsenen Midlife-Crisis, der er doch zu entfliehen versucht. Im Puppentrickfilm „Anomalisa“ (2015, nun fürs Heimkino erhältlich) beschäftigt sich Regisseur Charlie Kaufman einmal mehr, wie in seinen genialen Drehbüchern „Being John Malkovich“ und „Adaptation“, mit menschlichen Neurosen und den Merkwürdigkeiten unseres Sozialverhaltens.

Michael empfindet sein Leben als Gefängnis des Immergleichen. „Alles ist langweilig“, klagt er mit jedem Blick, sagt er mit jedem Wort. Alles ist hohl, alles ist eine Floskel. Dabei ist Michael selbst ein Meister der Floskel: Der Motivationstrainer ist in der Stadt, um einen Vortrag über Kundenservice zu halten. Er verdient mit Floskeln seinen Lebensunterhalt. Das ist nur einer von vielen genialen Einfällen Kaufmans und macht „Anomalisa“ ganz natürlich zu einer großartigen Studie über die Kommunikation. Weil die Menschen immerfort reden müssen, aber nicht wissen, was sie zu sagen haben.

Aber es geht Kaufman in seinem kauzigen Film, der auf einem eigenen Theaterstück basiert und per Crowdfunding finanziert wurde, um mehr als die Sprachlosigkeit, es geht ihm um existenzielle Fragen. Alle Menschen sehen gleich aus, außer Michael reden alle Menschen mit der gleichen Stimme. „Wer bin ich?“ fragt sich Michael immerzu. Die einzige Antwort bekommt er am Telefon von seiner Frau: „Woher zum Teufel soll ich das wissen?“

Dass Charlie Kaufman „Anomalisa“ zusammen mit dem Stopmotion-Experten Duke Johnson als Puppentrickfilm inszenierte, ist eine logische Konsequenz. Die Puppen sind ein grandioses Symbol für die Maskenhaftigkeit unserer Existenz.

Dennoch ist „Anomalisa“ ein sehr lebendiger, ein sehr natürlicher Film, der mit vielen Spielereien, fantasievollen Einfällen und auch einem gewissen Humor zum Nachdenken anregt. Die Sets wurden äußerst realistisch gestaltet, die Puppen wirken vor allem in den Details natürlich. Selten hat man im Film etwa eine so hinreißend echt inszenierte Sexszene gesehen wie in der Liebesnacht, die Michael mit Lisa verbringt. Diese Frau ist seine Rettung, zumindest kurzzeitig. Er hat sie in der Hotelbar abgeschleppt, fasziniert von ihrer unverstellten Ehrlichkeit. Sie ist anders, sie ist anormal und hat sogar eine eigene Stimme.

Mit Lisa kann er reden, sie ist neben einer japanischen Sexpuppe, die Michael als Spielzeug für seinen Sohn kauft, die einzige, die in der großen Maskenparade als Individuum durchgeht. Lisa ist das Echte im Leben, das ansonsten sehr traurig ist in diesem Film für alle, die sich fremd fühlen. Wir alle brauchen eine Anomalisa. Das Schöne ist: So schwer sie zu finden sein mag, kann sie doch jederzeit und überall auftauchen.

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