Michael Kiwanuka

Mit Herz und Seele

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„Meine Musik ist nicht wirklich kommerziell“: Der Soulmusiker Michael Kiwanuka sieht sich nicht als kommenden Superstar.

Zweites Album, zweiter Volltreffer: „Love & Hate“ bestätigt die Stellung von Michael Kiwanuka als Ausnahmekünstler.

Starallüren? Fehlanzeige. Michael Kiwanuka wirkt durch und durch natürlich. Höflich und ruhig ist sein Auftreten. Trotz Hype. 2012 kürte die BBC den Londoner mit ugandischen Wurzeln zum Newcomer des Jahres. Er ging mit Adele - welche diesen Titel einige Jahre zuvor ebenfalls trug - auf Tour, die Kritiken überschlugen sich. Als neuer Bill Withers wurde er bezeichnet, sein Debüt als eine der wichtigsten Veröffentlichungen in der Soul-Geschichte gefeiert. Alles keine Gründe abzuheben. Neben seiner Gitarre sitzt der 29-Jährige auf dem Sofa in den Räumlichkeiten der Berliner Zweigstelle seiner Plattenfirma. Um über sein zweites Album „Love & Hate“ (VÖ 15.07.), seinen Bekanntheitsgrad und den „Black Man In A White World“ zu reden.

nordbuzz: Ihr neues Album erscheint endlich. Sind Sie nervös?

Michael Kiwanuka: Ich bin aufgeregt. Es hat so lange gedauert. Für mich wird das ein großer Tag in meinem Leben sein. Aber nervös? Nicht sehr. Das Album ist fertig, und ich bin damit zufrieden.

nordbuzz: Der Druck ist aber sicherlich groß.

Kiwanuka: Natürlich wäre es schön, hoch oben in den Charts zu landen. Aber für mich ist die Hauptsache, dass dieses Album erscheint. Und die ersten Feedbacks waren sehr gut. Das macht mich glücklich.

nordbuzz: Sie sind vor einigen Jahren recht schnell bekannt geworden. Hat Sie der Erfolg überrascht?

Kiwanuka: Ja. Besonders der Gewinn der „Sound of 2012“-Abstimmung der BBC. Ab da begann es geschäftig zu werden, mit all dem Reisen und so. Das war aufregend, und für mich absolut neu.

nordbuzz: Werden Sie mittlerweile auch auf der Straße erkannt und angesprochen?

Kiwanuka: Nicht wirklich. Vor oder nach dem ersten Album - die Situation blieb weitgehend dieselbe. Erst seit Kurzem gibt es vielleicht hier und da jemanden, der mich in London im Pub erkennt. Aber es ist definitiv nicht so, dass ich mich nicht mehr frei bewegen könnte.

nordbuzz: Sie waren mit Adele auf Tournee. Einer Person, die trotz ihrer Natürlichkeit diesen Superstar-Status innehat.

Kiwanuka: Ja, das ist echt enorm. Und ich frage mich manchmal: „Würde ich es mögen, so bekannt zu sein?“ Aber ich muss Ihnen ehrlich sagen: Ich glaube nicht, dass es mit der Musik, die ich mache, soweit kommt. Sie ist nicht wirklich kommerziell. Und erst wenn du all die Leute erreichst, die nur Mainstream-Radio hören, wird es mit Bodyguards, Paparazzi und all den Sachen losgehen. Aber klar, ich sah neulich eine Dokumentation über Amy Winehouse. Sie dachte auch nicht, dass sie bekannt werden würde. Doch sie wurde für eine Zeit die bekannteste musikalische Persönlichkeit auf der ganzen Welt.

nordbuzz: Gibt es einen Titel auf Ihrem neuen Album „Love & Hate“, der für Sie besonders wichtig ist?

Kiwanuka: Auf jeden Fall der Titelsong. Ich liebe alles an ihm. Den Klang, den Text. Ich liebe es, ihn zu singen, ihn zu performen. Aber auch „Black Man In A White World“. Und die Gitarre in „The Final Frame“ ist der Hammer. Überhaupt, ich liebe die Gitarren auf dem Album. Sie werden mehr herausgestellt, sind rockiger.

nordbuzz: Apropos Gitarre: Selbst Dinge wie Kratzer oder „Unsauberkeiten“ wurden nicht eliminiert. Man darf davon ausgehen, dass das beabsichtigt war?

Kiwanuka: Oh ja. Der Sound ist rau. Wenn du kleine Fehler, Geknister oder solche Dinge hörst, ist das authentisch. Ich liebe diese natürlichen Dinge. Ich liebe das auch, wenn ich zum Beispiel einen alten Tisch kaufe. Oder echte Lederschuhe, welche sich mit der Zeit farblich verändern. Sie werden schöner.

nordbuzz: Die Nummer „Rule The World“ ist der Titelsong einer neuen Netflix-Serie namens „The Get Down“.

Kiwanuka: Und zwar in einer neuen Version mit dem Rapper Nas. Der Regisseur Baz Luhrmann fragte mich an, ob er die Musik benutzen könnte und ob ich glücklich damit wäre, den Song an Nas zu schicken. Na klar! Ich liebe Nas, ich hörte ihn, als ich aufwuchs. Und das Ergebnis ist toll. Allerdings trafen wir uns nicht persönlich, wir haben nur Dateien hin und her geschickt.

nordbuzz: Im Videoclip zu „Black Man In A White World“ gibt es eine Szene, in der ein Polizeiwagen ein anderes Auto rammt, während ein dunkelhäutiger Junge davor tanzt. Das weckt sofort Assoziationen.

Kiwanuka: Das Video wurde in Amerika gedreht. Dort gibt es im Moment ja viele Unruhen im Bezug auf die Behandlung von Schwarzen durch Polizisten. Die Szene ist ein kleiner, zarter Hinweis darauf, auch wenn der Clip natürlich schon länger fertig ist. Aber der Song dreht sich nicht spezifisch um das Thema Rassismus. Der Zusammenstoß und die Szene symbolisieren für mich Folgendes: Selbst wenn es Feindseligkeit, Unruhe und Spannungen im Leben gibt, kannst du darüber erhaben sein. Solche Dinge sollten nicht darüber bestimmen, wer du bist.

nordbuzz: Der junge Mann im Video scheint von dem Unfall unbeeindruckt und tanzt weiter.

Kiwanuka: Genau. Und kurz darauf erhebt er sich über die Szenerie. Er verbreitet mit der Musik ein gutes Gefühl, auch wenn da unten so ein Zeug abgeht. Es geht hier um Identität und Individualität. Und darum, sich selbst zu akzeptieren.

nordbuzz: Der Song ist einer derjenigen, bei dem das repetitive Element eine tragende Rolle spielt. Etwas, das zurückzeigt, in Richtung Gospel und Blues.

Kiwanuka: Ich liebe jede Art von Musik, welche dieses spirituelle Element besitzt; die dich sozusagen an einen anderen Ort bringt, die dich diese intensiven Emotionen spüren lässt.

nordbuzz: Ist Musik für Sie etwas Gottgegebenes?

Kiwanuka: Ich würde sagen: Ja. Es sind nur zwölf Noten. Und mit diesen kann so viel gemacht werden. All diese Musik, die es schon gibt. Und immer noch entdecken wir neue Musik, die so viele verschiedene Gefühle auslösen und unsere Perspektive ändern kann. Das ist doch erstaunlich. Fast schon ein Wunder.

tsch

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