Die Ösi-Serie "Altes Geld" (ab 10. Februar auf RTL Crime) ist ein Fest des schwarzen Humors

"Hedy Lamarr ist eine geile Sau!"

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"Dallas für Geistesgestörte" (von links): Jakob (Manuel Rubey), Liane (Sunnyi Melles), Zeno (Nicholas Ofczarek), Rauchensteiner (Udo Kier), Jana (Nora von Waldstätten).

Hört man ja immer wieder: Die Deutschen können das einfach nicht mit dem seriellen Erzählen. Die Deutschen vielleicht nicht - aber die Österreicher schon! Nach "Braunschlag" kommt jetzt "Altes Geld" ins Fernsehen - und es ist wieder ein Fest des schwarzen Humors.

Ein "Oaaaschloch" kommt selten allein: In der Ösi-Serie "Altes Geld" wimmelt es geradezu von Arschlöchern, folgerichtig hat auch das deftige Vokabular enorme Konjunktur in der neuen Saga des "Braunschlag"-Machers David Schalko. Was aber gar nicht stört, denn in Wien klingt sogar die Fäkalsprache noch kultivierter als im Rest der Welt, und jene Arschlöcher, die Schalko da auf die Menschheit loslässt, sind sowieso eine besondere Spezies und von einem derart widerlichen Kaliber, dass es eine Freude ist, ihnen beim Arschloch-Sein zuzuschauen. Außerdem, das muss man sagen, wissen sie sich ansonsten allesamt sehr distinguiert auszudrücken. Denn im krassen Gegensatz zu den verzweifelt ärmlichen Dorftrotteln aus der Provinzsatire "Braunschlag" haben wir es diesmal mit den hochgebildeten Superreichen der Donaumetropole zu tun: einem Familienclan, in dem einer durchtriebener und intriganter ist als der andere.

Ein "Dallas für Geistesgestörte" nannte Schalko selbst sein neues Machwerk, das ab 10. Februar immer mittwochs, 20.15 Uhr, auf RTL Crime HD sowie über die Sky-Abrufangebote zu sehen ist. Und um es vorwegzunehmen: Es ist jammerschade, dass der "Deutschland 83"-Sender RTL für diese schwarz glänzende Klasseserie (noch) keinen Free-TV-Sendeplatz gefunden hat. Was die Boshaftigkeit und die Überzeichnung der Realität angeht, knüpft "Altes Geld" direkt an die grandiose Vorgängerserie an, die in Deutschland bei Eins Festival sowie ebenfalls im Pay-TV zu sehen war.

Einen großen Teil des "Braunschlag"-Ensembles hat der Produzent praktischerweise gleich wieder verpflichtet: Simon Schwarz, Nicholas Ofczarek, Robert Palfrader, Manuel Rubey, Johannes Krisch, Thomas Stipsits, Christopher Schärf, Maria Hofstätter ... - Wer sich in der österreichischen Schauspielszene ein wenig auskennt, wird zu Recht mit der Zunge schnalzen. Angeführt wird der Cast von Udo Kier und Sunnyi Melles. Zwei prominente Namen, die ahnen lassen, welches Standing sich David Schalko nach dem "Braunschlag"-Hype als Serienmacher erworben hat. Natürlich ist auch "Altes Geld" wieder ein Fest für die Darsteller, die hier nach Herzenslust aufdrehen.

Wo im TV kriegt man solche Figuren vor die Flinte, darf sie spielen, entwickeln, mit Leben erfüllen, wie etwa jenen Rolf Rauchensteiner, den Patriarchen, den der 71-jährige Hollywoodstar Udo Kier hier verkörpert. Mit unbeteiligt wirkendem Ausdruck, aber stechendem Blick kann er ungestraft Bonmots über die besondere Energie Hitlers und "das Wesen des Alphatiers" vom Stapel lassen, ist milliardenschwer und doch zugleich die ärmste Sau in dem ganzen Szenario: Der Großindustrielle steht aufgrund einer schweren Lebererkrankung vor dem Tod - es sei denn, er findet doch noch einen geeigneten und bereitwilligen Organspender. Nachdem alle Bestechungs- und Drohversuche beim Leiter Transplantationsverteilungsliste (Simon Schwarz) scheiterten, trommelt der alte Rauchensteiner seine saubere Familie zusammen: Wer ihm ein passendes Organ besorgt, wird Alleinerbe seines Vermögens. Eine pikante und ziemlich perfekte Ausgangslage für eine schwarze Komödie aus der feinen Gesellschaft.

Es entwickelt sich ein Hauen und Stechen auf allerhöchstem Niveau. Auch sprachlich spielt "Altes Geld" in einer eigenen Liga. Hier wird nicht geplaudert, sondern parliert - ohne Hast und mit Bedacht werden die geschliffenen Drehbuchsätze herausgefeuert. Jedes Wort sitzt, auch wenn kaum ein Dialog nach echtem Leben klingt. Das ist nicht der Anspruch dieser hoffnungslos überzeichneten Story, in der die zweite Ehefrau des Clanoberhauptes (Sunnyi Melles) es heimlich mit dessen Sohn aus erster Ehe (Nicholas Ofczarek) treibt und zwei andere Kinder (Nora von Waldstätten und Manuel Rubey) jahrelang ein inzestuöses Verhältnis hatten, wenngleich sie, keine Sorge, diese Geschwisterliebe "nur anal" auslebten. "Man kann nicht sein Leben lang Analverkehr haben", tadelt die Schwester nach Jahren der Trennung, der Bruder antwortet: "Ich schon." Na dann.

So könnte man immer weiter schwadronieren über diese selbsternannte Elite, die koksend und Champagner saufend in Gebrauchsphilosophien schwelgt, Analfixierungen und manch andere schräge Neigung auslebt und doch auch nur in der Banalität des Daseins verfangen ist wie alle anderen Menschen auch. Das hat etwas Erbärmliches und ist natürlich gerade deshalb sehenswert. Worum geht es noch, wenn man sehr viel Geld hat? Na? Richtig: Es geht um noch mehr Geld. Und um Macht, nur um der Macht willen. Und sowieso und immer um Sex. Einen tieferen Sinn gibt es in diesen millionenschweren Kreisen nicht mehr, auch keine Lebensfreude - und doch stehen auch in dieser Serie wieder all die anderen Schlange, die nichts mehr wollen, als in diese Welt des alten Geldes aufzusteigen und dafür fast alles tun würden ...

Ein Codewort hätten wir zum Schluss noch: "Hedy Lamarr ist eine geile Sau!" - Nur wer diesen Satz aufsagt, kommt durch die Tür des "Dark Duck", eines streng exklusiven Spielclubs, in dem Nacht für Nacht mehrere Vermögen verzockt werden. Auch der vor seiner schönen, aber geldgierigen Ehefrau (Edita Malovcic) flüchtende Rauchensteiner-Spross Zeno (Ofczarek, genauso versoffen wie in "Braunschlag") verliert beim Backgammon mit dem "Kommander" (Johannes Krisch) schon mal die ein oder andere Luxuskarosse... Aber macht nichts, man hat's ja. Von solchen Kreisen reden wir hier also. Von Liebenden die sich im Bett zuflüstern: "Bitte sag' nicht Ficken!" - "Dann sag' ich halt Pudern." Oaaaschlöcher unter sich eben. Alles so was von drüber, aber halt auch total cool. Wäre Tarantino ein Wiener, wäre er bestimmt ein Spezl von David Schalko, und "Altes Geld" wäre genau sein Ding.

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