Iris Berben

Mit Haltung, ohne Hollywood

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Politisch gegen Rassismus engagiert war Berben schon immer: "Die Notwendigkeit, eine Haltung zu haben, wird immer dringlicher. Wir müssen immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur ein rechter Rand ist, sondern derlei Einstellungen längst woanders angekommen sind."

Filmdiva Iris Berben im Gespräch über notwendige Haltung, politisches Engagement und den Unterschied zwischen Hollywood und dem deutschen Film.

Es sei ja nur eine kleine Rolle, sie habe ja nur einen winzigen Beitrag zu diesem wundervollen Film geleistet. Das zu betonen, wird Iris Berben nicht müde, als sie in gewohnt eleganter Erscheinung in einem Münchner Nobelhotel zum Interview empfängt. Gewiss, die einzige wahre Diva des zeitgenössischen deutschen Films spielt in der Wohlfühlkomödie "Eddie the Eagle" (Kinostart: 31. März) an der Seite von Hugh Jackman einen Nebenpart. Doch so bescheiden sich die 65-Jährige auch gibt, so gewichtig scheint die Stimme der politisch engagierten Schauspielerin gerade in Zeiten wie diesen. Weshalb Haltung notwendiger denn je ist, wie sie jetzt erst recht gegen Rassismus kämpft und warum sie Hollywood nie interessierte, erklärt Iris Berben im Gespräch.

teleschau: Sie besitzen jahrelange Erfahrung im Filmgeschäft und haben schon öfter auf Englisch und mit Hollywood-Größen gedreht. War die Nebenrolle in "Eddie the Eagle" dennoch etwas Besonderes?

Iris Berben: Natürlich! Zum einen aufgrund der Geschichte, die ich aus den 80er-Jahren kannte. Eddie gelang es damals tatsächlich, dass wir ihn alle in den Arm nehmen wollten und dachten: "Der muss es schaffen!" So auch ich, die ich überhaupt kein Interesse an irgendeinem winterlichen Sport hatte. Zum anderen ist es immer besonders, wenn man mit sehr guten Leuten zusammenarbeitet. Natürlich hat man auch Respekt, schließlich ist bei einer amerikanischen Produktion alles viel gigantischer. Doch die Arbeit selbst ist genau wie bei uns, man hat es mit Profis zu tun. Ich hätte gern länger mit allen gedreht, es ging am Set mit soviel Witz und Humor zu!

teleschau: So ein Hollywood-Dreh unterscheidet sich also nicht so sehr von deutschen TV- und Kinoproduktionen?

Berben: Der einzige Unterschied scheint mir, dass alles drei Nummern größer ist. Es ist einfach mehr Geld und mehr Zeit da. Der Aufwand, der betrieben werden kann, ist ein ganz anderer.

teleschau: Dennoch hat Sie der amerikanische Film, hat Sie Hollywood nie wirklich gereizt ...

Berben: Das stimmt. Dort gäbe es ja auch nur sehr limitierte Rollen. Selbst eine wunderbare und hochtalentierte Romy Schneider fand dort keinen Platz mehr. Du kannst dich als Deutsche in Hollywood ja nur in sehr enge, kleine Nischen begeben, da gibt es nur wenige Ausnahmen. Zudem besitzen die USA bereits ein riesiges Potenzial wunderbarer Schauspieler, da hat man es aufgrund der Sprachbarriere umso schwerer. Letztlich sprichst du doch immer mit ein wenig Akzent, so dass du auch nur recht spezifische Rollen spielen kannst. Insofern fand ich es schön, dass ich mir hier im deutschsprachigen Raum mein Terrain suchte und mir noch immer Möglichkeiten gegeben werden. Die beackere ich weiterhin (lacht).

teleschau: Auch inhaltlich gibt es ja zumindest kleinere Unterschiede. Schließlich vermitteln Filme wie "Eddie the Eagle" eine sehr amerikanische Einstellung: Du kannst alles schaffen!

Berben: "Eddie" zeigt vor allem, dass du Haltung beweisen musst. Eine Haltung zu dir, abseits von allem was gerade hip, cool oder Mode ist. Ich glaube, es geht viel Individualität verloren, wenn man nur Trends folgt, denen alle folgen. Anstatt zu sagen: Ich setz jetzt mal einen Trend. Man mag solche Menschen doch: die sich aushalten, die durchhalten, die ihre Träume leben. Zentral ist dabei dieser wunderbare Satz: Es ist nicht wichtig, ob man Sieger wird. Eddie hat sich sein eigenes hohes Limit gesetzt und musste dabei sicher nicht nur körperliche Verletzungen ertragen, sondern auch seelische. So eine Geschichte kann in einer Zeit wie heute eine ganz gute Diskussionsbasis sein. In einer Zeit, in der viele Menschen orientierungslos sind, viele in einer ungeheuer bequemen und abgesicherten Ecke sitzen, und aus dieser nicht herauswollen, weil alles schon geregelt ist.

teleschau: Sie spielen auch auf die aktuellen politischen Entwicklungen an?

Berben: Definitiv, das meine ich mit "Haltung zeigen". Wir sind gerade dabei, unsere europäischen Ideale zu verraten, zumindest einige, denen anscheinend daran gelegen ist. Wir müssen uns damit beschäftigen, weil wir als Gesellschaft einfach gefragt sind.

teleschau: Sie engagieren sich seit Jahren gegen Rassismus. Wie haben Sie die Veränderungen in der letzten Zeit wahrgenommen?

Berben: Die Notwendigkeit, eine Haltung zu haben, wird immer dringlicher. Wir müssen immer wieder darauf aufmerksam machen, dass es nicht nur ein rechter Rand ist, sondern derlei Einstellungen längst woanders angekommen sind. Da müssen wir ganz klare Aussagen treffen, und wir müssen auch die Politik fordern. Und ihr natürlich die Versäumnisse seit den 90er-Jahren anlasten, als die ersten Asylbewerberheime brannten, und damit abgesehen von Empörung und einem großen Aufschrei nicht wirklich umgegangen wurde.

teleschau: Glauben Sie, man hätte sich auf die "Flüchtlingskrise" und die Reaktionen darauf besser vorbereiten können?

Berben: Dass wir irgendwann einmal vor einer Situation wie jetzt stehen, in der Menschen hilfesuchend zu uns kommen, kann ja nicht ganz neu sein. Nach einer Kolonialisierung, die so viele Jahre betrieben wurde, bei den Kriegsherden und Hungersnöten in unserer globalisierten Welt kann so etwas ja nicht ausbleiben. Davon kann man nicht plötzlich überfordert sein. Es gab Versäumnisse, doch jetzt gilt es, in die Zukunft zu schauen. Man muss Wege finden. Mit Menschen, die sagen: Ich mach es, ich kann es, ich will es; die gegen alle Widrigkeiten durchhalten. So wie Eddie, und so, wie es der Film zeigt.

teleschau: Kann das Kino, können Filme einen Beitrag dazu leisten - gar Dinge ändern?

Berben: Der Wunsch ist da. Aber ich glaube es nicht. Ich denke nicht, dass Filme und Kunst etwas verändern. Was sie jedoch schaffen, ist zu Gesprächen anzuregen. Sie geben Anstoß, über etwas nachzudenken, Parallelen beim Gegenüber zu entdecken. Das wird Kunst immer leisten können und müssen. Aber ich traue mich nicht zu sagen: Durch einen Film wurde etwas bewirkt. Es existieren allerdings Ausnahmen wie der Contergan-Film, in dessen Folge man die Opfer juristisch anders behandelte.

teleschau: Abgesehen von den Themen, die in Filmen verhandelt werden: Inwieweit glauben Sie, mit ihrer prominenten Stimme auf breiteres Gehör für den dringlichen Kampf gegen Rassismus zu stoßen?

Berben: Ich versuche es. Beispielsweise durch neue Aufrufe mit der Initiative "Gesicht zeigen". Für eine Initiative, die wir mit der Deutschen Filmakademie gerade unterstützen, habe ich mein eigenes Geld gegeben. Das nutzen wir, um unbegleitete junge Flüchtlinge ab 15 bis 17, 18 mit einheimischen Gleichaltrigen für Filmprojekte zusammenbringen. Dort lernen sie dann von der Branche direkt, Regie etwa. Und werden angeleitet, Geschichten zu erzählen, auch von ihren Träumen und Traumata. Da stoßen unterschiedliche Jugendliche aufeinander, um einen Konsens zu finden. Das ist die Form von Integration, die wir versuchen. Hinzu kommen meine Lesungen und Auftritte, zudem schrieb ich das Vorwort für "Mein Kampf - gegen Rechts". Auch darin werden einzelne Geschichten von Ausgestoßenen erzählt. Ich bin überzeugt, dass man über die in Einzelerzählungen vermittelten Emotionen mehr Menschen erreicht.

teleschau: Was erwidern Sie jenen, die sagen, man sollte Schauspielerei und Politik strikt voneinander trennen?

Berben: Nunja, ich bin einerseits Schauspielerin, aber andererseits ja auch Teil dieses Lebens hier und Bürger dieser Gesellschaft. Das heißt: Ich habe auch ein Kind großgezogen, ich gehe auch Einkaufen, ich gehe auch Essen, und ich möchte auch wissen, wer mich regiert und wo es Defizite gibt. Das kümmert mich, dafür bin ich einfach viel zu politisch aufgewachsen. Das kann ich nicht trennen. Natürlich weiß ich, dass ich anders wahrgenommen werde, weil ich in der Öffentlichkeit stehe. Das nutze ich ganz pragmatisch. Mich interessierten diese Dinge aber nicht als Schauspielerin, sondern als Bürgerin dieses Landes.

teleschau: Halten Sie das auch für eine Frage der Generation? Sie sind mit einem ganz anderen politischen Bewusstsein großgeworden als die Jüngeren ...

Berben: Das mag schon sein. Sensibilisiert worden bin ich durch die 68er. Und dadurch, dass in meinem Geschichtsunterricht in den 60er-Jahren der Begriff "Drittes Reich" kein einziges Mal fiel. Das ist bei der jüngeren Generation anders, von der man bisweilen hört, das würde zu viel thematisiert. Bei uns war das nicht so. Da gab es nur Schweigen. Es sind andere Vorzeichen, unter denen ich großgeworden bin. Umso wichtiger scheint mir die Arbeit, die Jüngeren immer wieder darauf aufmerksam zu machen, dass das alles noch nicht so lang her ist, dass alles noch relativ wackelig ist. Und dass wir es immer wieder einfordern müssen. Das ist auch der Preis der Demokratie.

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