Die Sportfalle: Film über Olympia-Missstände

Das große Komplott

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Rio bereitet sich auf die Olympischen Spiele vor. Die Akzeptanz des Sportevents in der Bevölkerung ist allerdings gering. Ein Trend, den man gut verstehen kann.

Wie IOC und FIFA ihre Ausrichterländer knebeln: Ist gegen das Parallel-Universum der großen Sportverbände tatsächlich kein Kraut gewachsen? In ihrem Film „Die Sportfalle“ (Montag, 1. August, 22.45 Uhr, ARD) legen Ute Brucker, Michael Stocks, Matthias Ebert und Ulli Neuhoff dubiose Methoden von IOC und FIFA offen.

Sie zeigen, wie die großen Sportverbände Ausrichter von Olympia und Fußball-WM knebeln beziehungsweise Allianzen mit zweifelhaften Regimes schmieden. Effekte davon sind längst zu spüren. Die Akzeptanz - vor allem von Olympia - in der Bevölkerung lässt spürbar nach. Wenige Tage vor Eröffnung der Spiele von Rio (5. bis 21. August) berichtet SWR-Auslandschefin Ute Brucker aus Brasilien, wie sich die Lage vor Ort darstellt. Immerhin macht die „Weltspiegel“-Moderatorin Hoffnung, dass die Tage des großen Sportkomplotts gezählt sein könnten.

nordbuzz: Wie ist die aktuelle Stimmung in Rio kurz vor Olympia?

Ute Brucker: Die Akzeptanz ist sehr gering. In einer Umfrage von letzter Woche sind gerade mal 13 Prozent der Bevölkerung für Olympia. Das Bundesland Rio war vor kurzem pleite und musste mit einer Finanzspritze gerettet werden. Wir arbeiten gerade an einem „Weltspiegel“, der am Sonntag von Rio aus sendet. Darin berichten wir vom Streik der Lehrer und Schüler hier: Gebäude werden besetzt, um gegen die miserable Ausstattung der Schulen und lachhafte Bezahlung der Lehrer zu protestieren. Im Bildungswesen ist in den letzten zehn, 15 Jahren alles sehr viel schlechter geworden. Es gibt nicht mal Geld, um defekte Ventilatoren an den Zimmerdecken zu reparieren. Das hat insofern mit Olympia zu tun, weil die öffentliche Hand für Sportstätten gleichzeitig horrende Gelder ausgab.

nordbuzz: Hat sich wenigstens die Infrastruktur der Stadt verbessert?

Ute Brucker: Nicht so, dass die arme Bevölkerung davon profitieren würden. Klar, die Metro wurde zwar bis hinaus nach Barra verlängert. Es ist eine Gegend im Westen der Stadt, wo jetzt ein Großteil der Sport-Anlagen und das Olympische Dorf stehen. Es leben dort jedoch vor allem Mittel- und Oberschicht. Die Armen - viele Frauen arbeiten als Reinigungskräfte oder Hausangestellte - müssen nach wie vor jeden Morgen stundenlang mit Bussen über verstopfte Straßen zu ihrer Arbeit und wieder zurück fahren. Da kommen pro Tag locker mal sechs Stunden zusammen.

nordbuzz: Ein klassisches Argument für den Sport-Gigantismus lautet, dass Olympia und Fußball-WM einer Region in Sachen Tourismus und Image enorme Einnahmen verschaffen sollen. Sie haben einen Experten im Film, der genau das bestreitet.

Ute Brucker: Ja, Wolfgang Maennig. Er ist Wirtschaftsprofessor an der Uni Hamburg und sicher ein sehr Sport-affiner Mensch, denn er war 1988 Olympia-Sieger im Rudern. Maennig ist einer der bestinformierten Experten in Sachen sportliche Großereignisse, und er zitiert im Film gleich mehrere Studien. Er sagt, dass sich die Wissenschaft selten so einig war wie im Ergebnis, dass sportliche Großereignisse keinen volkswirtschaftlichen Nutzen bringen.

nordbuzz: Das wird den Laien überraschen! Es kommen also noch nicht mal mehr Touristen in die Stadt?

Ute Brucker: Nein, es ist ein Nullsummen-Spiel. Für die Fußball-WM in Südafrika gibt es eine Studie, die anhand der Passagierzahlen der Flugzeuge auf diese Zahlen draufschaute. Herauskam, dass im Zuge der WM kaum mehr Passagiere als normal nach Südafrika kamen. Es ist so: Natürlich kommen viele Menschen zum sportlichen Großereignis angereist. Etwa genauso viele klassische Touristen und andere Leute bleiben jedoch extra weg, um dem Ganzen zu entgehen.

nordbuzz: Und was ist mit dem Image-Gewinn, kann man den berechnen?

Ute Brucker: Er ist erst mal vorhanden, das war auch so bei der Fußball-WM in Südafrika 2010. Als SWR-Mitarbeiterin weiß ich es ein bisschen detaillierter, weil wir das Korrespondenten-Büro dort besetzen. Der Kollege dort hatte vor, während und kurz nach der WM gut zu tun. Das Interesse der Deutschen war da. Es ist dann aber sehr schnell wie weggeblasen. Jener Kollege, der seinen Job dort nach der WM antrat, kann ein Lied davon singen. Wer bei uns fragt denn heute noch nach Südafrika?

nordbuzz: Gibt es unterschiedliche Effekte, wenn man demokratische Industriestaaten und Entwicklungs- beziehungsweise Schwellenländer miteinander vergleicht?

Ute Brucker: Ja, es gibt Effekte - aber leider kaum positive. Die ursprüngliche Idee des IOC, Städte über das Ereignis Olympia zu entwickeln, war eigentlich nicht schlecht. Nur ist es heute leider so, dass man in demokratisch geprägten Industrieregionen Olympia entweder gar nicht mehr durchbekommt - wie in München oder Hamburg beispielsweise - oder es soviel Protest gegen große Bauprojekte gibt, dass das meiste davon scheitert. Stadtentwicklung im Westen ist heute sehr schwierig durchzusetzen. In anderen Regionen, die autokratisch und korrupt regiert werden, geht das besser. Dort sind die Probleme dann wieder andere: Korruption, Geldverschwendung, Menschenrechtsverstöße, Umweltsünden und so weiter.

nordbuzz: Wäre es unterm Strich trotzdem besser, sportliche Großereignisse nur noch in demokratischen, gut entwickelten Staaten abzuhalten?

Ute Brucker: Der Gedanke liegt nahe, aber er ist sehr europäisch oder westlich gedacht. Würde man es so machen, wäre es sicher nicht fair. Ich finde, der Ansatz muss ein anderer sein. FIFA und IOC müssten Instrumente entwickeln, um mehr Druck auf die Gastgeberländer auszuüben. Zum Beispiel, bessere Verträge machen und das bereits während der Ausschreibungen, in denen die Einhaltung von Menschenrechten, Arbeitsrechten oder Umweltschutz konkret formuliert werden müssen.

nordbuzz: Solche Verträge gibt es bisher nicht?

Ute Brucker: In Ansätzen werden diese Punkte angesprochen, aber meist sehr allgemein und unverbindlich. Da gibt es viel Luft nach oben. Man muss auch sagen: Diese Dinge haben IOC und FIFA lange Zeit nicht interessiert. Die FIFA beschäftigt sich erst jetzt damit, wo sie zumindest in der westlichen Welt ein riesiges Imageproblem hat. Wir hatten ein FIFA-Interview für unseren Film angefragt. Doch die Anfrage dümpelte dort so lange vor sich hin, bis es dann zu spät war. Dabei hatte die FIFA sogar den weltbekannten Menschenrechts-Experten John Ruggie mit einer Studie beauftragt, den Weltverband auf Menschenrechtsverletzungen hin zu durchforsten. Es gab jedoch keine Pressekonferenz, auf der die Ergebnisse präsentiert wurden. Dabei wäre das eine super Gelegenheit für die FIFA gewesen, sich selbst fortschrittlich zu präsentierten.

nordbuzz: Gibt es einen Ausweg aus der ganzen Misere?

Ute Brucker: Ja, verschiedene. Eine Sache ist: Man müsste das Ganze herunterschrauben. Kleiner gedachte Wettbewerbe an Orten, die schon gute Voraussetzungen dafür mitbringen. Nicht einen Ort aussuchen, und dort wird dann gebaut, sondern Olympiastädte wählen, die das meiste schon mitbringen. Die Kosten für die Bauten bleiben am Ende immer am Steuerzahler hängen. Sie gälte es zu minimieren.

nordbuzz: Gibt es bereits Entscheidungen von IOC und FIFA, die diese Denke widerspiegeln?

Ute Brucker: Vom IOC wurde 2014 die Agenda 2020 vorgestellt. Darin geht es um Kostenreduktion und Transparenz. In Rio sollen beispielsweise einige Stadien rückgebaut werden. Eine Sportstätte, ich glaube, es ist die Handball-Arena, wird beispielsweise komplett recycelt und soll dann Schulen zugute kommen. In der Theorie ist das schön. Mal sehen, ob das auch wirklich klappt. Die Überlegungen sind da, und sie sind im Kommen. Aber die Spiele sind natürlich auch schon für viele Jahre vergeben. Die Effekte eines möglichen Umdenkens wird man erst sehr viel später beurteilen können.

nordbuzz: Sie haben eine Szene im Film, die von einem Zusammenschluss mehrerer NGOs und Gewerkschaftsverbände erzählt, die IOC und FIFA auf die Finger schauen wollen. Haben die überhaupt eine Chance?

Ute Brucker: Ja, das ist die Sports & Rights Alliance - auf jeden Fall eine sehr gute Idee. Sie haben sich erst in letzten Jahr gegründet und wir waren bei einer der ersten Sitzungen dabei. Da mussten die natürlich erst mal ihre gemeinsamen Forderungen formulieren, was bei so einem bunten, internationalen Haufen auch nicht ganz einfach ist. Dennoch werden sie gemeinsam gegenüber IOC und FIFA auftreten. Man kann noch nicht so viel darüber sagen, sollte dies aber unterstützen. 2022 werden Olympische Winterspiele in Peking stattfinden, und es besteht noch Gestaltungsspielraum insofern, dass man sich die Verträge zwischen IOC und Ausrichter genauer anschauen wird. Zum Beispiel ganz konkret die Ausformulierungen dieser Verträge in Sachen Menschenrechte.

nordbuzz: Wer übt sonst noch Druck aus, damit sich bei Olympia etwas ändert?

Ute Brucker: Die Theorie von Wolfgang Maennig ist, dass das IOC selbst stärker darauf achten wird, nicht nur noch Bewerbungen von Schwellen- und Entwicklungsländern sowie autokratischen Staaten zu erhalten. Die möglichen Ausrichter färben ja nicht besonders positiv auf das IOC ab. Allein deshalb sollte ein Umdenken stattfinden. Bei der FIFA ist es vielleicht noch mal komplizierter. Die scheinen so mit sich selbst beschäftigt zu sein, dass derlei Reformen noch in weiter Ferne liegen.

tsch

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