Zu ihrem hundertjährigen Bestehen will die Münchner ARRI ein in Vergessenheit geratenes Filmgenre wiederbeleben: den Isarwestern

Als der Rio Grande noch durch Bayern floss

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Im Jahr 1917 gründeten August Arnold und Robert Richter die Firma ARRI. In den Anfangsjahren bauten sie nicht nur Kameras, sondern drehten auch Filme.

Vor 100 Jahren drehte man Westernfilme noch in Bayern. Im kommenden Jahr soll ein neuer Isarwestern entstehen.

Schnell wie der Wind reiten die tapferen Cowboys das Flussufer entlang. Ein Mann treibt in den Fluten, gefesselt an ein Floß. Vor ihm: ein Mühlrad, der sichere Tod. Am Ufer Indianer. In letzter Sekunde stürzt sich ein Wagemutiger ins Wasser und rettet den Unglücklichen. Noch einmal gutgegangen! - Man kann sich gut vorstellen, wie die Zuschauer mitfieberten in den Lichtspielhäusern und auf den Jahrmärkten des Jahres 1918, als "Der schwarze Jack" gezeigt wurde. Und manch einer, der damals gebannt vor der Leinwand saß, dürfte vielleicht den Fluss erkannt haben, an dessen Ufern sich das Drama abspielte. Denn der rund achtminütige Stummfilm wurde nicht etwa am Rio Grande gedreht, sondern an der Mangfall, im bayerischen Voralpenland.

In den 1910er-Jahren entstanden in Bayern hunderte solcher Filme und prägten ein eigenes Genre, den Isarwestern. Jetzt soll es wiederbelebt werden, natürlich in München, wo Vertreter von ARRI und Filmschaffende zu einem Kickoff-Event geladen haben.

Die meisten Isarwestern waren nur wenige Minuten lang, gezeigt wurden in den Kinos, die nach dem Krieg wie Pilze aus dem Boden schossen, immer mehrere Filme am Stück. "Echte Kassenschlager" waren das, erzählt Jörg Pohlmann, Vorstand von ARRI. Die Arnold & Richter Cine Technik, kurz ARRI, steht heute vor allem für hochwertige Filmkameras, die in unzähligen großen Hollywood-Produktionen für das richtige Bild sorgen. Im Jahr 1917 aber, als die von den beiden Schülern August Arnold und Robert Richter gegründete Firma ihren heutigen Standort in der Münchner Maxvorstadt bezog, drehte man auch Filme.

"Flammenfahrt des Pazifik-Express", "Texas Fred's Brautpfad" oder "Der Todescowboy" waren die Isarwestern reißerisch betitelt. Dass sie in Bayern gedreht wurden, nicht im fernen Amerika, sieht man ihnen an. Im "Schwarzen Jack" etwa, dem ersten Werk aus dem Hause ARRI, ist nicht nur die Mangfall nicht ganz so imposant wie der Rio Grande oder der Colorado River; schon in einer der ersten Einstellungen mogelt sich ein alpenländischer Gartenzaun ins Bild, dahinter lugt ein Bauernhaus hervor. Aber was soll's, den Leuten gefiel's. An die 100 Filme, schätzt Filmprofessor Hubert von Spreti, wurden damals gedreht, und viele sogar ins Ausland exportiert. Da der Film seinerzeit noch nicht sprechen konnte, entfiel die teure Synchronisation. Bayern-Western als Exportschlager.

Irgendwann war dann Schluss mit dem Westernboom im Voralpenland. Warum, weiß niemand so genau. Vielleicht, weil sich die Geschmäcker änderten. Die 20-er, das war die Zeit der Monumentalschinken, made in Hollywood, vor allem aber: made in Berlin. Lang, Murnau oder Ophüls waren die Männer der Stunde, drehten Filme wie "Metropolis" oder "Nosferatu". Das Alpenvorland verschwand langsam von der Karte des Weltfilms. Wenn ARRI im kommenden Jahr aber 100. Geburtstag feiert, soll dem Genre des Isarwesterns neues Leben eingehaucht werden.

Dazu starteten die Kamerahersteller in Kooperation mit der Berliner Produktionsfirma Südstern einen Wettbewerb für das beste Isarwestern-Drehbuch. Noch bis Juli sind Studierende der renommieren Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) und der angegliederten Drehbuchwerkstatt aufgerufen, ihre Ideen einzureichen. Mit dem Wettbewerb wolle man nicht nur ein Genre wiederbeleben, das sie selbst "ehrlich gesagt nicht kannte", wie HFF-Chefin Bettina Reitz am Rande der Auftaktveranstaltung gestand; man wolle auch "die Rolle der Drehbuchautoren" im Prozess des Filmemachens stärken. Schließlich seien es die Schreiberlinge, die sich monatelang mit einem Filmprojekt beschäftigten, nur um dann im Scheinwerferlicht von Regisseuren und Schauspielern an den Rand gedrängt zu werden.

Spannender als das Drehbuch, das unter anderem der Münchner Krimi-Autor Friedrich Ani mit auswählt, dürfte aber wohl eine andere Frage sein: Wie macht sich ein Western am Flusslauf der Isar? Die 100-jährigen Vorbilder wirken heute freilich etwas albern. Und Anschauungsmaterial aus der jüngeren Vergangenheit gibt es praktisch nicht: Der deutsche Western ist längst tot. Bald schon aber könnte sich das ändern, wenn der ersten Isarwestern seit fast einem Jahrhundert wieder produziert wird. Dann als abendfüllender Kinofilm, mit Ton, versteht sich, und wohl auch in Farbe.

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