Till Brönner

Vom goldenen Pop-Zeitalter

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Sein eigenes Spiel langweilt Till Brönner ein bisschen, „weil man ja weiß, was gleich kommt.“ Die Jazz-Welt sieht das anders. Brönner wird als Meister des leichten, luftigen Tons gefeiert.

Schwebezustände und Seelentherapie: Deutschlands bekanntester Jazzmusiker ergründet die Standards der 30er-Jahre.

Er ist Deutschlands bekanntester Jazzmusiker und aufgrund von TV-Shows wie „The X Factor“ und Crossover-Alben auch Leuten ein Begriff, die sich ansonsten vor dem Wort Jazz fürchten. Wobei Till Brönner eher die Mission verfolgt, den Menschen mit seiner luftigen, stets zugänglichen Musik jene Angst zu nehmen. Der 1971 in Viersen geborene, teilweise in Italien aufgewachsene und mittlerweile zwischen Berlin und Santa Monica pendelnde Musiker zählt sogar Barack Obama zu seinen Fans. Der noch amtierende US-Präsident jedenfalls lud den 45-jährigen Star-Trompeter im Frühjahr zum Gigantentreffen des Jazz ins Weiße Haus ein. Wie man sich dort als einziger Deutscher fühlt, warum Schwebezustände die besten im Leben sind und warum der smarte Jazzdenker nun „The Good Life“, ein Album mit alten Standards aus den 30er-Jahren, aufgenommen hat, verrät er im Interview.

nordbuzz: Im Titelsong ihres neuen Albums „The Good Life“ warnt jemand den Geliebten, das oberflächlich gute Leben der wahren Liebe zu opfern ...

Till Brönner: Ja, es ist ein sehr melancholisches Lied. Jemand bringt seine Geduld zum Ausdruck, auf den anderen warten zu wollen. Gleichzeitig wird vorsichtig aufgezeigt, dass es auch noch andere Dinge gibt als das bequeme Leben. Der Song erzählt davon, dass man für wichtige Dinge im Leben oft ein bisschen Bequemlichkeit aufgeben muss.

nordbuzz: Hat diese Erkenntnis auch mit Ihrem „Good Life“ zu tun?

Brönner: Jedes Lied auf diesem Album hat mit mir zu tun. Ich erkenne mich in vielen dieser Situationen wieder, obwohl die meisten Stücke alte Standards aus dem „Great American Songbook“ sind. Ich erkenne mich in der Vergangenheit, aber auch in der Gegenwart. Viele dieser Lieder handeln von Schwebezuständen.

nordbuzz: Was verstehen Sie unter Schwebezuständen?

Brönner: Eigentlich etwas sehr Schönes. Es geht um jene Momente, in denen man vielleicht kurz davor ist, sich für eine Seite zu entscheiden. Es ist kein schmerzhafter, aber auch kein euphorischer Zustand. Eigentlich ist es ein Moment, in dem man sehr klar denken kann. Vielleicht der gesündeste Zustand, in dem der Mensch sein kann - denn da hat man noch Optionen. Es ist ja so, dass man sich Glück immer wieder neu erkämpfen und vielleicht auch für sich neu definieren muss. Dafür sind Schwebezustände grundsätzlich eine gute Sache.

nordbuzz: Sie suchen also nicht mehr nach Euphorie. Ist das eine Frage des Alters?

Brönner: Man lernt mit der Zeit, dass euphorische Zustände nicht allzu lange andauern. Auf lange Sicht ist es besser, sich irgendwo in der Mitte anzusiedeln. Aus dieser Position sind mitunter die schönsten Lieder geschrieben worden - zumindest eher aus der melancholischen als der euphorischen Perspektive.

nordbuzz: Warum machen Sie an diesem Punkt Ihrer Karriere ein Album mit Standard-Songs alter Meister der Prä-Rock'n'Roll-Ära?

Brönner: Es ist für mich schwer zu sagen, warum ich als 16. Platte dieses und als 18. Album jenes gemacht habe. Was nicht heißen soll, dass die Werke beliebig sind. Jedes Album ist eine Standortbeschreibung. Ich befinde mich auf einer großen Jazz-Reise. Ab und zu halte ich an und schaue herum, was gerade am Wegesrand steht. Damit meine ich die Phasen, in denen ich konkret an einem Album arbeite. Trotzdem glaube ich, dass für uns Künstler der Weg das Ziel ist. Die Funktion und Dringlichkeit meiner Alben erschließt sich für mich zum Teil erst Jahre später. Eigentlich kann ich mich selbst erst beurteilen, wenn eine Aufnahme vielleicht sechs oder acht Jahre alt ist. Soviel Abstand scheine ich zu brauchen.

nordbuzz: Hören Sie sich selbst gerne spielen?

Brönner: Grundsätzlich kann ich mich spielen hören, aber ich tue es nicht wahnsinnig gerne. Ich halte es aus und freue mich ab und zu über etwas, das gut geklappt hat. In der Regel langweile ich mich aber ein wenig mit mir selbst. Weil man ja weiß, was gleich kommt (lacht).

nordbuzz: Es gibt auch Musiker, die sich von der eigenen Musik verzaubern lassen. Kennen Sie so etwas nicht?

Brönner: Ich kann nicht dazu raten, sich von der eigenen Musik betören zu lassen. Ich kenne so etwas wie Selbstrührung und finde, man sollte das tunlichst unter Ausschluss der Öffentlichkeit betreiben.

nordbuzz: Warum?

Brönner: Weil in der Regel nur einer gerührt ist: man selbst (lacht). Ich warne vor Selbstrührung auf der Bühne, weil das immer auch eine eitle Komponente hat. Zu Hause ist sie dagegen sehr willkommen. Weil ich in solchen Situationen merke, dass ich dem richtigen Thema auf der Spur bin.

nordbuzz: Kommen wir auf diese Auswahl alter Songs zurück, die dazu im klassischen Jazz-Quintett eingespielt wurde. Was sagt Ihnen diese Musik im hier und jetzt?

Brönner: Viele Lieder sind Standards. Es ist die Musik, die ich selbst gerne höre, wenn abends irgendwann die Lichter ausgehen. Darin finden sich auch die Themen, über die ich zu dieser Zeit nachdenke. Dann, wenn ich keine Pflichten mehr habe und die Gedanken Freilauf bekommen. Das Album lädt aber auch zu so etwas wie Entspannung ein. Das war immer ein wichtiger Punkt für mich. Meine Musik war stets auch ein Stück weit Selbsttherapie.

nordbuzz: In welcher Hinsicht?

Brönner: Bei meinem Lebenswandel, der extrem viele Reisen beinhaltet, ist es wichtig, dass man zwischendurch Ruhe findet. Ich muss mich an Orten entspannen können, die ich zum ersten Mal sehe und nicht besonders als vertraut empfinde. Dabei kann Musik gut helfen. Musik ist ohnehin ein guter Soundtrack für viele Dinge, die der Mensch tut. Es muss nur die richtige sein.

nordbuzz: Lenkt Musik nicht auch ein bisschen vom Leben ab?

Brönner: Kommt drauf an. Sie kann einen auch zum eigenen Leben hinführen. Mir hilft Alleinsein dabei, mich zu finden. Aber ich kann da nur für mich sprechen. Ich bin gerne allein. Vielleicht auch, weil ich es so selten bin - gerade auf Reisen. Vor Konzerten ist es absolut entscheidend für mich, eine halbe Stunde alleine zu sein. Damit ich mich konzentrieren und sammeln kann.

nordbuzz: Sind Sie so ein Kopfhörer-Typ, der sich mit dicken Dingern auf den Ohren gegen die Außenwelt abschottet - so wie ein Fußballprofi, der ein Stadion betritt?

Brönner: Das Abschotten ist schon ab und zu wichtig. Die Kopfhörer-Situation kenne ich. Man kann die Außenwelt ausblenden oder sie mit etwas, das einen entspannt, übertünchen. Es ist ein gutes Hilfsmittel. Ich kann nur raten, es mal auszuprobieren.

nordbuzz: Was hört Till Brönner dann, wenn er sich entspannen möchte?

Brönner: Mittlerweile ist das, was mich am besten runterbringt, oft die Pause (lacht). Also keine Musik. Allerdings verwandelt sich dieser Zustand mit wachsender Entspannung wieder in Neugierde. Danach greife ich oft zu etwas Purem und gehe zu den Anfängen dessen zurück: die frühen Aufnahmen von Kenny Dorham, Miles Davies oder auch klassische Musik. Lange Autofahrten eignen sich hervorragend dazu, endlich mal eine Oper durchzuhören. Am besten mit „Rheingold“ von Wagner anfangen (lacht).

nordbuzz: Sie sind Deutschlands bekanntester Jazzmusiker. Sicher auch deshalb, weil Sie Brücken zum Pop schlagen oder in Fernsehshows auftreten. Wollen Sie dem Mainstream zeigen, was es im Jazz zu entdecken gibt?

Brönner: Ich bin kein Gymnasiallehrer, der durch die Gegend zieht und sagt: „Jetzt hört euch mal Jazz an!“ Trotzdem sehe ich mich in Teilen schon ein bisschen als Missionar. Die momentane Musiklandschaft ist nicht besonders vom Jazz geprägt. Heute muss man den Leuten oft die Angst davor nehmen. Es gibt so viele Formen von hörbarem, guten Jazz, für den man keinerlei Vorwissen braucht. Ich glaube, das Wort ist derzeit negativer besetzt, als es die Musik selbst vorgibt.

nordbuzz: Wann war Jazz zuletzt richtig heiß?

Brönner: Die kürzeste Zeit seiner Existenz war Jazz wirkliche Popmusik, die alle erreichte. Das war in den 20er- und 30er-Jahren. Danach war der Jazz immer noch da, er veränderte sich aber stetig und war immer auch ein Spiegel der Gegenwart. Oft war er gesellschaftskritisch und brach in der Regel ein musikalisches Gesetz nach dem anderen. Wer sich dies auf die Fahnen schreibt, muss sich natürlich auch ein bisschen von kommerziellem Erfolg freimachen. Trotzdem verbinde ich mit Künstlern wie Michael Bublé, Harry Cornick Jr., Melody Gardot oder auch dem viel zu früh verstorbenen Roger Cicero in erster Linie Jazz. Insofern ist der Jazz zumindest vertreten in unserer Gesellschaft.

nordbuzz: Sie haben Gregory Porter vergessen ...

Brönner: Richtig. An ihm sieht man: Die Jazz-Szene ist keine Selbsthilfegruppe schwer vermittelbarer Leute. Und trotzdem darf man diese Erfolge auch nicht überschätzen - in dem Sinne, dass sie jetzt Türen für den Jazz aufstoßen, die noch nie jemand vermutet hat. Am Ende sind wir alle Einzelkämpfer. Wer Gregory Porter mag, mag vor allem Gregory Porter. Dabei ist die Frage, ob er nun Jazz- oder Soulsänger ist, eigentlich sekundär. Wir haben das Glück, einen solchen Sänger zu haben. Der Mann ist großartig und dazu extrem sympathisch. Ich würde ihn für fast alles anrufen, was es so an Musik zu singen gibt. Einfach weil seine Stimme etwas Gutes mit mir macht. Das ist letztendlich viel wichtiger, als sich zu überlegen, ob Silbermond nun Pop, Rock oder Indie sind. Musik kriegt die Leute oder sie kriegt sie nicht.

nordbuzz: Welche emotionale Kraft steckt in diesen Songs des „Great American Songbooks“ - gerade auch in den Texten?

Brönner: Es ist letztendlich Poesie. Lieder wie „I'll Be Seeing You“ erzählen sehr fein beobachtend von tiefen Empfindungen, die wir heute immer noch kennen - auf eine so behutsame Weise, einfach großartig. Manchmal finde ich es unverständlich, dass sich Pop-Texte auf diesem Niveau wieder in eine so andere Richtung entwickeln konnten. Vielleicht war Popmusik damals eben doch noch ein wenig erwachsener und konventioneller.

nordbuzz: Es gab nie mehr eine Zeit, in der das Paket aus Text und Musik im Pop auf so hohem Niveau war. Ist das der Grund, warum wir diese Musik heute „Standards“ nennen?

Brönner: Ja, es ist ein Qualitätsstandard. Ich denke, dass der Erfolg von Musik immer auch etwas mit Angebot und Nachfrage zu tun hat. Damals gab es so etwas wie Einschaltquoten noch nicht. Es wurde einfach Musik gemacht, und die fand ihr Publikum. Dazu gab es weniger Radiosender, die weniger Konkurrenz hatten. Es war ein sehr exklusives Event, am Broadway eine Show zu eröffnen. Es war die Zeit, in der solche Musik geschrieben und komponiert wurde. Die Musik ist letztlich immer auch ein Spiegel, wohin unsere Menschheit geht. Wenn man sich aus der Zeit der 30er-Jahre Musik in die Gegenwart retten kann, dann sicherlich, weil sie immer noch genügend Kraft hat. Und von Kraft kann man ja bekanntlich nie genug haben.

nordbuzz: Sie waren im Frühjahr auf Einladung Barack Obamas als einziger Deutscher beim „International Jazz Day“ im Weißen Haus. Eine denkwürdige Erfahrung?

Brönner: Der „International Jazz Day“ wird jedes Jahr am 30. April auf Einladung der UNESCO in einer Metropole der Welt gefeiert. Und dieses Mal war er tatsächlich im Weißen Haus, was natürlich etwas Besonderes war. Vor allem hat mich beeindruckt, was es den amerikanischen Musikern bedeutete, ins Weiße Haus eingeladen zu werden und ihre Kultur dort wertgeschätzt zu erleben. Das war mindestens so interessant und rührend, wie als deutsches Alien dort dabei sein zu dürfen. Es ist unwahrscheinlich, dass ich dergleichen ein zweites Mal erleben werde.

nordbuzz: Haben Sie sich mit dem Präsidenten unterhalten können?

Brönner: Es gab ein kurzes Gespräch. Ich habe ihm schöne Grüße von Angela Merkel ausgerichtet. Was aber nicht nötig gewesen wäre, weil er sie zwei Tage vorher schon in Hannover getroffen hatte. Ich habe es trotzdem gemacht (lacht). Danach gab es „Shake Hands“ und ein Foto. Es war Obama anzumerken, dass es ihm ein persönliches Bedürfnis war, diese Künstler einzuladen. Da standen wir dann mit 45 Mann wie die Hühner auf der Stange in einer Reihe, neben mir Sting und drei Plätze weiter Al Jarreau und Herbie Hancock. Es war ein sehr beeindruckender Moment.

tsch

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