In Extremo

Die glorreichen Sieben

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Mit „Quid Pro Quo“ steht ab 24. Juni die zwölfte Platte von In Extremo bereit.

O tempora, o mores: Die Mittelalter-Rocker von In Extremo gehen auf „Quid Pro Quo“ thematisch in die Breite, ohne dabei auf bewährte musikalische Rezepturen zu verzichten.

In Extremo haben den Mittelalter-Rock entscheidend mitgeprägt. Seit über 20 Jahren sind sie im Geschäft. Und das mit Erfolg. Ihre letzten Alben erreichten die Top 3 der Charts, ihre spektakulären Shows sind über die Landesgrenzen hinaus bekannt. „Quid Pro Quo“ (ab 24. Juni) nennt sich ihr zwölftes Studiowerk, das durchaus als „typisch“ bezeichnet werden kann. Viel Neues gibt es trotzdem. Sänger Michael „Das letzte Einhorn“ Rhein, Gitarrist Sebastian „Van Lange“ und Schlagzeuger Florian „Specki T.D.“ Speckardt über gesellschaftskritische Texte, die Beziehung zu Russland und das Feuerwerk von Helene Fischer.

„Diesmal haben wir viele Sachen, die In Extremo auszeichnen, noch verdeutlicht und unterstrichen“, freut sich zu Beginn des Gesprächs Specki T.D., der 2010 zu den Spielmännern stieß und damit das jüngste Mitglied in der Runde ist. Was aber sind diese Sachen? Das mittelalterliche Instrumentarium natürlich, welches diesmal wieder stärker an den Start gebracht worden sei. Die gewohnt harte Rhythmusgruppe. Und die In-Extremo-Texte, insbesondere die fremdsprachigen.

Dass diese auf dem Vorgänger „Kunstraub“ (2013) gänzlich fehlten, lag schlicht und ergreifend daran, dass es sich nicht ergeben hat. Dafür sind sie diesmal umso präsenter. Neben Latein, Walisisch und Estnisch wird mit der Sage vom Schwarzen Raben auch ein Lied auf Russisch interpretiert. Dahinter steckt ein traditionelles Stück, das in seiner Heimat „so bekannt wie ein bunter Hund“ sei, wie Frontmann Rhein erklärt. Die Idee kommt dabei aus der Ecke ihrer russischen Fanclubs, zu denen die Band engen Kontakt pflegt: „In Russland gibt es davon eine Rockvariante, eine Popvariante, eine Liedermachervariante, eine Schlagervariante. Und seit neuestem auch eine In-Extremo-Variante“, zeigt sich Gitarrist Van Lange stolz.

Befasst man sich mit der Geschichte der Band, fällt einem schnell der enge Bezug zu Russland auf. „Wir touren dort schon seit Jahren“, erklärt Rhein. „Der Großteil von uns ist ja in der DDR groß geworden. Als ich das erste Mal in Moskau aus dem Flugzeug ausgestiegen bin, wusste ich sofort, wie die Straßengesetze dort laufen. Das steckt irgendwie in dir drin. Du weißt einfach, wie du dich zu verhalten hast.“ Das heißt, sie können auch russisch? „Sagen wir so: Wir haben es in der Schule gelernt und alles vergessen“, kommt es lachend aus der Runde. Aber man könne mittlerweile natürlich auch davon profitieren. Hinzu kommt, dass die Menschen ihnen über die Jahre ans Herz gewachsen seien. Und Rhein fügt hinzu: „Alles singt über Amerika, wir singen über Russland.“

2015 feierten In Extremo ihr 20-jähriges Bestehen. Im selben Jahr fanden die Festlichkeiten zu 25 Jahre Wiedervereinigung statt. Hat das Aufwachsen im Osten den Geist der Band beeinflusst? „Ich würde es mal fast bejahen. Das Musikerdasein war meiner Meinung nach anders geprägt“, meint Rhein, der seit Anfang an mit von der Partie ist. Der 52-Jährige unterstreicht seine Aussage mit einer kleinen Geschichte: „Als wir damals die ersten sogenannten 'West-Bands' kennenlernten, wurden wir wegen unserer Verstärker ausgelacht. Dort hat jeder zwölfjährige Junge zu Weihnachten einen Marshall bekommen. Das war für uns unerreichbar. Wir hatten selbst zusammengelöteten Kram, auf den mit Edding irgendein Markenname draufgeschrieben war.“

Mit der Wende schwappte dann die Mittelalter-Szene über: „Das ist ein sehr gutes Beispiel“, nimmt Rhein, der ein Häuschen in Kroatien besitzt und dort jede freie Minute verbringt, den Faden auf. „Ich bin ja ein Urgestein, stand 1990 schon auf den Märkten. Als Pullarius Furcillo waren wir die ersten, die auf Westmärkten spielten.“ Und während die anderen Musiker mit Feder im Hut und ihrem Instrument dastanden, habe man damals schon richtig Rabatz gemacht: „Und wir kamen mit lauten Trommeln an, mit einem lauten Dudelsack, zerfetzten Klamotten. Das war etwas anderes“, erinnert er sich schmunzelnd.

Als In Extremo sind sie zu siebt, und auch im Jahre 2016 kein bisschen leise. Denn sie sind natürlich auch harter Rock. Wobei Lange feststellt, dass nach den metal-lastigen Anfangstagen heute alles bunter sei. Die Altersspanne der Zuschauer reiche von acht bis achtzig. Sein Kollege Michael Rhein bringt es auf den Punkt: „Wir haben den Ritter-Rock salonfähig gemacht.“ Dazu beigetragen hat möglicherweise auch, dass In Extremo immer wieder mit ungewöhnlichen Besuchern aufwarten, was der Sänger umgehend bestätigt: „Wir haben uns nie gescheut, Gäste einzuladen, mit denen man nicht rechnet. Ob das Thomas D. war, Rea Garvey oder Götz Alsmann.“ Wobei In Extremo Wert auf die persönliche Bekanntschaft legen und nicht einfach jemand fragen würden, den sie nicht kennen.

Auf „Quid Pro Quo“ sind mit Hansi Kürsch (Blind Guardian) sowie den Heaven-Shall-Burn-Musikern Marcus „Molle“ Bischoff und Alexander „Ali“ Dietz Gäste aus dem härteren Bereich zu Gange. Das Besondere daran: Sie sangen zum allerersten Mal in ihrem Musikerleben deutsch, was in der Vergangenheit auch schon für das Gastspiel von Mille (Kreator) galt. Specki lacht: „Es ist schön, dass es auffällt, dass es erst In Extremo braucht, um diese Jungs auf Deutsch zu hören. Zu irgendwas sind wir also doch gut.“

Die auffälligste Neuerung des Albums indes besteht in der Aufnahme von gesellschaftskritischen Texten: „Wir sind eine total unpolitische Band“, holt Rhein aus. „Wir sind Entertainer und haben gute Laune. Aber diese riesigen Themen wie zum Beispiel die Flüchtlingsproblematik, dass sich Menschen hinstellen und 'Weg mit dem Dreck' grölen, an denen kommt man nicht mehr vorbei.“ Und sie finden deutliche Worte. Sowohl in „Lieb Vaterland, magst ruhig sein“ (Lange: „Leute werden Opfer von irgendwelchen Profitangelegenheiten und als Kanonenfutter verwendet. Das kann einfach nicht sein“) als auch im Titelstück, welches laut Rhein der Gesellschaft einen Spiegel vorhält.

Und so ziehen die sieben Musiker weiter munter durch die Lande. Auch mit „Quid Pro Quo“, dessen Zeitplan aufgrund eines Proberaumbrandes um ein Haar gesprengt worden wäre, wird es wieder auf große Tournee gehen. Schließlich fühlen sie sich auf der Bühne zu Hause. Auf die abschließende Frage, wie sich das Publikum in den letzten Jahren verändert hat, fällt Specki T.D. denn auch zuallererst eine Beobachtung ein, die treue Konzertbesucher sicher bestätigen können: „Mir fällt seit einigen Jahren auf, dass viele Leute nicht mehr klatschen können, weil sie ständig die Show mitfilmen. Ich finde das ein bisschen schade: Ich zahle doch keine 40 oder 50 Euro Eintritt, um mir das Konzert dann zu Hause auf dem Smartphone reinzuziehen.“

Abgewöhnen könne man das nicht. Was dagegen bleibt, ist das Ziel der Band, seinem Publikum jederzeit die Vollbedienung zu bieten. Schließlich sei der Anspruch der Fans hoch, was durchaus positiv gesehen wird. Und so wird ständig an neuen Konzepten gefeilt: „Zum Beispiel mit welcher Pyrotechnik man die Leute weiterhin kriegt. Schließlich macht Helene Fischer inzwischen auch Pyrotechnik, und zwar vor 80.000 Menschen und mit dem entsprechenden Budget versehen.“

tsch

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