Olympia: Die Sportarten im TV-Check

Gesucht: die Helden von morgen

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Beach-Volleyball: Laura Ludwig und Kira Walkenhorst waren die TV-Gewinnerinnen dieser Spiele.

Olympia erlaubt den seltenen Blick auf Randsportarten. Welche das Zeug zum künftigen TV-Hit hat? Hier der TV-Check ...

Es soll sie ja geben. Jene Menschen, die nach den Wochen von Rio mehr als nur fünf Ringe unter den Augen haben. Millionen saßen allabendlich vor dem Fernseher oder dem PC und verfolgten die Olympischen Spiele. Wieder einmal zeigte sich: Es sind nicht nur die großen, populären Sportarten, die faszinieren. Ob Schießen, Turnen oder Bahnradfahren - alle vier Jahre treten Wettbewerbe aus dem Schatten, die in der übrigen Zeit das Fernsehen mehrheitlich ignoriert. Klar, die kommenden vier Jahre läuft wieder nur Fußball. Aber man darf sich ja mal was wünschen. Hier also die Sportarten im TV-Check. Was macht Spaß im TV? Und was taugt einfach nicht zum TV-Bestseller?

Beach-Volleyball:

Natürlich wie schon 2012 ein Highlight, nicht nur optisch. Spannend, kurzweilig, athletisch und vor allem: für jeden verständlich. Eine perfekte Fernsehsportart, die mit den Olympiasiegerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst nun auch über zwei echte Heldinnen verfügt. Mehr davon! Nur nicht früh um 5 bitte ...

Ringen:

Merkwürdiger Sport! Immer wieder wurde diskutiert, den renommierten Kampfsport aus dem Programm zu werfen. Wer Rio gesehen hat, kann es verstehen. Trotz überarbeiteter Regeln ist die Punktevergabe für den Laien kaum nachvollziehbar. Die ARD- und ZDF-Kommentatoren in Rio gaben sich alle Mühe. Aber auch verzweifelt herbeigesehnte „Eichhörnchen-Sprünge“ nutzten nichts. Der Pasquale-Passarelli-Moment („Die Brücke“, 1984) war eben doch einzigartig.

Badminton:

Eine der schnellsten Sportarten in Rio, aber in Ermangelung deutscher Medaillenchancen live sehr kurz gekommen. Es fehlt der Sexappeal des Beach-Volleyballs. Tempo und Action bleiben bei den starren Kameras auf der Strecke. Irgendwie alles ... nicht schick genug.

Tischtennis:

Eine der populärsten Vereins-Sportarten in Deutschland. TV-Übertragungen gab und gibt es jedoch kaum. Dank der Medaillenerfolge der deutschen Teams sprangen ARD und ZDF auf den Zug auf und übertrugen reichlich. Jetzt geht's aber zurück in die Versenkung. Gleiches Problem wie beim Badminton: Die Kameras nehmen der rasanten Sportart jede Dynamik.

Fußball:

Qualitativ ist das Gezeigte in Rio natürlich ein Witz. B-, wenn nicht C-Mannschaften beharken sich bei den Herren. Bei den Damen sind es die Besten der Besten. Aber: Spitzen-Fußball findet eben außerhalb Olympias statt. Zumal sich bei der hohen Sportart-Wechselfrequenz im TV der Fußball mit seinen langen zwei Dreiviertelrunden meist als Bremsklotz in Sachen Unterhaltung erwies.

Golf:

Entschleunigung liegt ja im Trend. Golf war so etwas wie das „Zuschauen. Entspannen. Nachdenken“ im Olympiaprogramm. Spannung entfaltet sich hier allerdings niemals in Zusammenfassungen, sondern nur in zugegeben quälend langen Liveübertragungen, wie sie üblicherweise sonst Sky zeigt. Die sind dann wie ein kleiner Fernsehurlaub. In Rio war's eher zäh. Zumal: ARD und ZDF zeigten statt der Athleten sowieso lieber die heimische Tierwelt mit Wasserkobra und Kaiman.

Rudern:

Problemsportart: Eigentlich so spannend wie kaum eine andere und am TV bestens in Szene zu setzen. Aber am Ende eben immer nur der ewig gleiche Bewegungsablauf. Rudern gehört zu jenen Sportarten, die tatsächlich nur funktionieren, wenn deutsche Boote im Wettbewerb sind. Sonst eher dröge.

Kanu:

Siehe Rudern, nur noch erfolgreicher und gleichsam bezaubernd authentisch: „Ihr Arschlöcher, was macht Ihr zum Schluss“ - der Satz eines Trainers zu seinen Gold-Athleten zeigt die Faszination des Sports in seiner ursprünglichsten Form. Bei ARD und ZDF von Kommentatoren übertragen, die es mit der Emotionalität bisweilen übertrieben. Hier wie auch beim Bahnradfahren war mehrfach die übertriebene Hoffnung zu spüren, mit Worten in die virale Geschichte einzugehen („Hier ist 1 und 1 nicht 2, nicht 3. Hier ist 1 und 1 Gold.“). Aber ein „Flieg, Albatros, flieg!“ bleibt unerreicht, weil's eben bei Wontorra aus dem Bauch kam und nicht aus dem Kopf.

Handball:

Natürlich einer der Höhepunkte aus deutscher Sicht bei jeden Olympischen Spielen. Zumal es in Deutschland als zweitbeliebteste Mannschaftssportart gilt. Und doch interessiert hierzulande eben nur die Nationalmannschaft. Übertragungen von Ligaspielen wird es weiterhin auch nur in Nischenprogrammen geben. Schade.

Bogenschießen:

Die Überraschung der Spiele, nicht nur dank deutscher Erfolge: Von den TV-Sendern perfekt in Szene gesetzt. Spannend, ja dramatisch und verständlich zugleich. Mehr als sechs Millionen Zuschauer schalteten zeitweise ein. Gerne sähe man mehr. Wird aber ein frommer Wunsch bleiben.

Schießen:

Noch bei Barbara Engleders Gold war die Übertragung verheerend. Man sah Frauen auf die Kamera zielen, aber keine Ziele. Später dann gewannen die gefühlt 30 unterschiedlichen Disziplinen an Schauwert - und damit an Faszination. Und als Henri Junghänel Gold holte, war das einer der dramatischsten Momente dieser Spiele. Bestnoten auch für die beiden Kommentatoren Eik Galley und Tibor Meingast. In kurzen, klaren Worten vermittelten sie die weithin unbekannten Regeln des Schießsports und sorgten dafür, dass das Publikum mitfiebern konnte.

Boxen:

Deutlich attraktiver, nachdem der Kopfschutz bei den Amateuren hier der Vergangenheit angehört. Die bisweilen wilden Prügeleien wurden von Altmeister Günter-Peter Ploog und Andreas Witte klug kommentiert.

Schwimmen:

Litt natürlich unter den üblen Sendezeiten. Alle Finals fanden spät in der Nacht statt. Und wer hierzulande aufstand, wurde aus deutscher Sicht gnadenlos enttäuscht. Der Verlierer dieser Spiele. Trotz ARD-Kommentator Tom Bartels, der wieder mal zu den Besten seiner Zunft gehörte. Auch weil er als einer der wenigen schwächere Leistungen der Deutschen offen ansprach statt wie viele andere in eine große olympische Kommentatoren-Toleranz zu verfallen.

Taekwondo:

Mehr Nische geht nicht.

Volleyball:

Keine deutschen Mannschaften dabei, also gab's auch so gut wie keine Übertragungen. Aber gefehlt hat es uns auch nicht.

Basketball:

Keine deutschen Mannschaften dabei, aber trotzdem gab's Übertragungen. Weil ARD und ZDF nicht müde wurden, die US-Amerikaner trotz mitunter überschaubarer Leistungen als eine Art Götter des Sports zu feiern. Seit Jahren schon versuchen deutsche Sender, den Sport auch hierzulande im TV populär zu machen. Und scheitern dabei gnadenlos. War Nische, ist Nische, bleibt Nische.

Triathlon:

Wesentliche Erkenntnis bei den Herren: 56 Teilnehmer, obwohl nur 55 teilnehmen. Die Startnummer 13 will niemand. Ansonsten gewohnt bewundernswert, aber mangels deutscher Beteiligung eher von minderer Bedeutung und selten im Bild.

Hockey:

Dank deutscher Erfolge stets auch ausführlich im Olympiaprogramm. Danach jedoch ohne TV-Zukunft. Der Ball zu klein, die Regeln zu kompliziert, die lokalen Vereine zu unbekannt. Aber: Kapitän Moritz Fürste hat nach seiner Karriere das Zeug zum TV-Star oder Sportfunktionär. Einer der eloquentesten und sympathischsten Sportler der Spiele und damit Fahnenträger der Herzen.

Gewichtheben:

Was war das noch für ein Moment, als Matthias Steiner nach Gold 2008 auf die Knie fiel und in Tränen ausbrach. Diesmal waren die starken Männer und Frauen hierzulande die Verlierer der Spiele. Auch aufgrund der nicht abebbenden Doping-Diskussionen.

Fechten:

Und noch eine Tragödie der Spiele. Aus dem einstigen Olympia-Bestseller ist ein veritabler TV-Flop geworden. Weil eben Deutschland keine Rolle mehr im internationalen Fechtsport mehr spielt. Da bleibt nicht mehr als die Erinnerung an große Sportdramen von Anja Fichtel bis Britta Heidemann.

Segeln:

Höhepunkt: Die triumphierenden Salti unserer Bronze-Gewinner ins Meer. Ansonsten auch diesmal der Exot unter den olympischen Sportarten. Wenn nicht gerade „America's Cup“ ist, in den nächsten vier Jahren ohne jedes TV-Potenzial.

Reiten:

Gegen den übermächtigen Fußball gingen in den letzten beiden Jahrzehnten nahezu alle anderen Sommersportarten bei ARD und ZDF gnadenlos unter. Nicht so das Reiten. Die öffentlich-rechtlichen Sender übertragen fleißig und werden es dank medienerfahrener Sportler und starker PR-Strategie auch weiterhin tun. Ein Grund auch: Die beiden Kommentatoren Carsten Soostmeier (ARD) und Gert Herrmann (ZDF) bewiesen, wie vielfältig die deutsche Sprache sein kann. Leichtes Vergaloppieren inklusive.

Turnen:

Ein Phänomen. Obwohl die Zuschauer mehrheitlich traumatische Erinnerungen an ihre eigene Schulturn-Vergangenheit haben, verfolgten sie die Wettbewerbe in Rio mit großem Interesse. Ein Sport, der quasi niemandem Spaß macht, aber bei den Übertragungen Bewunderung hervorruft. Und: Mit Fabian Hambüchens Goldmedaille produzierte diese Disziplin einen jener ganz wenigen großen Sport-Momente, an die sich Deutschland noch in Jahren erinnern wird. Trotz inzwischen völlig unverständlichen Bewertungssystems.

Kunst- und Turmspringen:

Ist ja tatsächlich auch außerhalb von Olympischen Spielen bisweilen bei Eurosport zu sehen. Und ist wirklich eine grandiose TV-Sportart. Der Laie wertet dank sichtbarer Wasserspritzhöhe ständig mit, begeistert sich an athletischen Körpern und hat genug Gelegenheit, auch deutschen Sportlern die Daumen zu drücken. Hat künftig noch mehr Präsenz verdient.

Judo:

Kam erstaunlich oft, doch selbst nach stundenlangen Übertragungen sind Ippon, Waza-ari und Yuko für den Laien große Rätsel. Was man sieht: Zwei Kontrahenten zerren so lange an den Klamotten, bis einer hinfällt. TV-technisch ohne Zukunft.

Radsport (Straße):

Bei Olympia wie auch sonst verheerend. Ein großer Radel-Ausflug, nur eben schneller. Warum ARD und Eurosport dieser Sportart stets so viel Raum geben, ist eigentlich ein Rätsel. Zumal es bei Weitem kurzweiliger, temporeicher und dramatischer geht ...

Radsport (Bahn):

Nämlich beim Radrennen auf der Bahn. Ob Keirin oder Verfolgung: Dramatik, Tempo, Millimeterentscheidungen. Und spektakuläre Stürze dazu. Und das alles zuhauf. TV-Sender verweigern die einst durchaus populäre Sportart jenseits von Olympia inzwischen fast völlig und hypen jetzt Olympiasiegerin Kristina Vogel zum Star, der sie längst war. Schade - konsequent begleitet hätte der Radsport auf der Bahn das Zeug zum Biathlon des Sommers.

Rugby:

Gold für Fidschi wurde als Märchen gefeiert, war aber keine Überraschung. Dennoch ein großer TV-Moment zu später Stunde. Mangels deutscher Wettbewerbsfähigkeit jedoch leider eine Sportart ohne Fernsehzukunft.

Leichtathletik:

Das Problemkind dieser Spiele: Die wichtigsten und jeweils dann nur wenige Entscheidungen nachts, die meisten deutschen Athleten blieben hinter den Erwartungen zurück. Und Christoph Harting feierte sein Diskus-Gold nicht so wie erwünscht. Für Usain Bolt standen viele Deutsche auf, der Rest war dann doch eher zu vernachlässigen. Was aber bleibt: Rio war der Abschied für den Kommentator Wolf-Dieter Poschmann, der in Rente geht. Als Moderator war er bisweilen umstritten. Als Leichtathletik-Kommentator gehörte er in seinen Disziplinen zu den Besten der vergangenen Jahre.

tsch

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