Die ARD-Spielfilmtrilogie "Mitten in Deutschland: NSU" (Mi., 30.03., Mo., 04.04., Mi., 06.04., jeweils 20.15 Uhr)

Die Genese dreier Nazis

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"Die Opfer - Vergesst mich nicht" (Mo., 04.04., 20.15 Uhr, ARD) ist ein beeindruckend dicht erzähltes und gespieltes Porträt der Opfer der NSU-Morde. Tom Schilling spielt einen Ermittler, Almila Bagriacik verkörpert Semiya Simsek, die Tochter des ersten NSU-Opfers im Jahr 2000.

Drei herausragende Fernsehfilme versuchen den Deutschen ab 30. März ihre Fremdenfeindlichkeit zu erklären. Sie tun dies erfreulich differenziert und schmerzhaft widersprüchlich.

Drei Filme zur NSU-Mordserie gab die ARD in Auftrag. Innerhalb einer Woche beleuchten in ihrer Qualität weit überdurchschnittliche TV-Filme den rechtsradikalen Terror aus drei Perspektiven: In "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" (Mi., 30.03, 20.15 Uhr) erzählt Regisseur Christian Schwochow ("Der Turm") die jugendliche Radikalisierung der mutmaßlichen Täter Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe. "Die Opfer - Vergesst mich nicht" (Mo., 04.04., 20.15 Uhr) ist ein Film von Züli Aladag ("Wut"). Er füllt emotional sehr anrührend eine Leerstelle in der bisherigen Wahrnehmung des Themas, denn er begleitet die Familie Simsek, die Angehörigen des ersten NSU-Opfers im Jahr 2000, durch einen jahrelangen Prozess von Trauer und falschen Verdächtigungen. Schließlich zeigt der Polizei-Thriller "Die Ermittler - Nur für den Dienstgebrauch" (Mi., 06.04., 20.15 Uhr) von Florian Cossen die Welt der Fahnder und Verfassungsschützer, inklusive ihrer gegenseitigen Behinderung.

"Das Fiktionale bedeutet, wir gehen in eine Emotion", fasst Gabriela Sperl, Produzentin der Trilogie, ihre Arbeit an dem Großprojekt zusammen. "Die Problematik von dokumentarischem Material ist ja, dass man das immer schön aus der Vogelperspektive beobachten kann. Nach dem Motto: Was die da machen! Das ist nach diesen Filmen nicht mehr möglich."

Sperl, die übrigen Macher und Schauspieler der Filme stellten die drei Filme am Donnerstag im Berliner Deutschen Historischen Museum vor. Dass im Zeughauskino neben der Berliner Museumsinsel ausgerechnet der zweite Film, jener aus der Perspektive der Opfer, komplett gezeigt wurde, während die beiden anderen in Ausschnitten zu sehen waren, hatte verschiedene Gründe.

Christian Schwochows Film über die Jugend der späteren NSU-Terroristen war einfach noch nicht ganz fertig. Und der Ermittler-Film? Ist eine spannende, aber etwas ausschnitthafte Herangehensweise an ein TV-Thema von nationaler Bedeutung. Zudem "Die Opfer - Vergesst mich nicht" (Drehbuch: Laila Stieler, "Die Polizistin") ein zutiefst bewegendes Porträt einer türkischstämmigen Familie in Deutschland geworden ist. Was in erster Linie am exorbitant guten Spiel der Hauptdarstellerin Almila Bagriacik liegt. Die 25-Jährige verkörpert Semiya Simsek, die Tochter des Blumenhändlers Enver Simsek und erstes Mordopfer der NSU im Jahr 2000. Die echte Semiya Simsek hat ein Buch über die jahrelange Leidensgeschichte ihrer Familie aufgrund falscher Verdächtigungen der Ermittler geschrieben - diese ermittelten lange Jahre gegen die Familie selbst in Richtung Drogenhandel und Ehrenmord.

Semiya Simsek sitzt an diesem verregneten deutschen Donnerstag Anfang Februar 2016 höchstpersönlich im Museumskino im Zentrum Berlins. "Ich finde den Film sehr gelungen", sagt die junge Frau - mittlerweile eine Art Sprecherin der NSU-Opferfamilien. "Meine Familie ist gut dargestellt. Ich bin dankbar, dass man mir mit diesem Film die Möglichkeit gegeben hat, meine Geschichte zu erzählen." Während der Dreharbeiten zu Züli Aladags Film war Semiya Simsek ebenfalls oft vor Ort. Was umso berührender für die Deutschtürkin gewesen sein muss, weil die ARD ihre Trilogie bewusst an Originalschauplätzen der Ereignisse drehen ließ.

Die Pressekonferenz sorgt auch für eine Begegnung zwischen Simsek und drei jungen deutschen Schauspielern - Anna Maria Mühe, Albrecht Schuch und Sebastian Urzendowsky. Sie spielen in "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" die Jugendversion der Mörder ihres Vaters. "Wie fühlt man sich, wenn man Uwe Böhnhardt, Mundlos, Zschäpe darstellt?", will Simsek wissen. "Wenn man sich in deren Lage versetzt - wie man sich dann fühlt?", hakt sie nach, als niemand so recht antworten mag. Anna Maria Mühe findet ein paar Worte: "Ich habe es geahnt, dass Sie uns diese Frage stellen. Es ist schwer. Ich versuche mich, unter dem Deckmantel der Schauspielerin zu verstecken - spüre aber Ihnen gegenüber fast ein schlechtes Gewissen, dass ich das gespielt habe."

Tatsächlich gibt es zwischen den drei NSU-Filmen so etwas wie eine innere Reibung. Wer die Entwicklung Jenaer Plattenbau-Jugendlicher zu ideologischen Mördern aus der Perspektive deren Perspektive erzählt, unternimmt nicht nur den Versuch, die Genese eines Nazis zu erklären. Er muss zu diesem Zwecke auch Empathie und Sympathie für seine Figuren entwickeln, sonst kann bekanntlich kein guter Film entstehen. Wie "alte Klassenkameraden" habe sich Regisseur Christian Schwochow seine drei Protagonisten vorgenommen, sagt er. "Ich wollte mich diesem Fall ohne Ideologie nähern. Ich weiß nicht, ob Empathie in diesem Zusammenhang wirklich gefährlich ist", beantwortet der 37-jährige Regisseur ostdeutscher Herkunft eine entsprechende kritische Frage. "Ich sehe eher den Reflex in Deutschland, dass wir den Rechtsextremismus ganz weit von uns wegschieben. Dass wir ihn als ostdeutsches Randphänomen betrachten. Das ist mittlerweile nachweislich nicht der Fall."

Tatsächlich kommt das NSU-Trio keineswegs aus asozialen Familien. Beate Zschäpes Mutter ist studierte Zahnmedizinerin, der Vater von Uwe Mundlos, der intellektuelle Kopf der Trios, war Informatik-Professor. Auch Christian Schwochows Film (Drehbuch: Thomas Wendrich, "Freischwimmer") ist an Originalschauplätzen entstanden. Unter anderem in jenen Plattenbauten, in denen die fatale Beziehung der Uwes und Beate Zschäpes zueinander ihren Anfang nahm. Damals, kurz nach dem Mauerfall. 25 Jahre nach dem Post-Wende-Rechtsruck in den Gettos der Mundlos', Böhnhardts und Zschäpes wurden die Dreharbeiten von "Die Täter - Heute ist nicht alle Tage" vor Ort mit Deutschlandfahnen und Parolen begrüßt, erinnert sich Schauspielerin Anna Maria Mühe.

Und das, obwohl man den NSU-Film unter einem Decknamen drehte. Eine seltsame Erfahrung sei das gewesen, sagt Mühe. Viel scheint sich also nicht verändert zu haben. Eher im Gegenteil. Durch die Flüchtlingskrise muss Fremdenfeindlichkeit und rechte Gesinnung derzeit kaum noch verborgen oder gar im Untergrund praktiziert werden. Bleibt zu hoffen, dass für die differenzierten Erfahrungswelten der ARD-Filmtrilogie "Mitten in Deutschland: NSU" noch genug Hirn in Deutschland zu finden ist. Die dreimal 90 Minuten Spielfilm samt der am Mittwoch, 06. April, um 21.45 Uhr, im Anschluss an den letzten Film folgende Dokumentation "Der NSU-Komplex - Die Rekonstruktion einer beispiellosen Jagd" von Stefan Aust und Dirk Laabs gehört sicher zum Besten, was man in diesem Jahr im Fernsehen sehen wird.

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