Tocotronic-Sänger im Interview

„Über die Jugend urteilen, das machen nur blöde alte Säcke“

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Dirk von Lowtzow (rechts) und Beatsteaks-Sänger Arnim Teutoburg-Weiß nahmen gemeinsam das Stereolab-Cover „French Disco“ auf.

Tocotronic-Kopf Dirk von Lowtzow über jugendliche Akte der Rebellion, den Wert pädagogischer Wertlosigkeit und seine eigene Jugend in der Provinz.

Wolfgang Herrndorf wäre wohl zufrieden gewesen. Mit diesem Film, mit diesem Song. Der Autor des Bestsellers „Tschick“, dieses bemerkenswert anderen Jugendabenteuers, das inzwischen zur Schullektüre zählt und nun von Fatih Akin verfilmt wurde, war ein moralinfreier Kritiker der gesellschaftlichen Verhältnisse. Darin ähnelte der viel zu früh Verstorbene dem Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der gemeinsam mit den Beatsteaks den Titelsong (ab 9.9.) zur Adaption beisteuerte. „Es ist sicherlich absurd in dieser Welt zu leben, sie erscheint dir sinnentleert, doch zieh dich nicht zurück“, singt der 45-Jährige im Stereolab-Cover „French Disco“, „Spontane Rebellion und Solidarität sind Akte die jetzt wertvoll sind“. Warum Akte des Widerstandes nötiger denn je sind, weshalb Literatur besser pädagogisch wertlos sein sollte und wie seine eigene Adoleszenz in der Provinz die Beschäftigung mit jugendlicher Rebellion prägte, erklärt Dirk von Lowtzow im Gespräch.

nordbuzz: Wie kamen Sie mit den Beatsteaks für den Titelsong zu Fatih Akins „Tschick“ zusammen?

Dirk von Lowtzow: Fatih Akin ist großer Beatsteaks-Fan und fragte die Band nach einem exklusiven Stück für den Abspann. Die Beatsteaks wiederum sind große Fans des Liedes „French Disco“ von Stereolab. Sänger Arnim Teutoburg-Weiß stellte fest, dass der englische Text so etwas Pamphletartiges an sich hatte - fast wie ein Song von Tocotronic. Er bat mich um eine Übersetzung und ich merkte: Das stimmt! Dann sind wir ins Studio und haben den Song aufgenommen.

nordbuzz: Darin geht es um Solidarität und Rebellion - wie auch auf dem letzten Tocotronic-Album. Jugendliche als Träger des Rebellischen thematisiert „Tschick“ ja ebenso wie Sie das mit Tocotronic immer taten ...

Lowtzow: Literarisch fasziniert mich das, und es entspricht dem, was Wolfgang Herrndorfs Roman ausmacht. Ich denke dabei an Filme, die meine Jugend prägten, etwa Hark Bohms „Nordsee ist Mordsee“. Darin kam erstmals soziale Realität, auch Armut und Missstände, ungeschönt im Jugendfilm vor. Das war nicht mehr dieses verkitschte Bild von Jugend aus den 60-ern. Kurz: Es ist kein „Winnetou“. Wie anders die Jugendlichen plötzlich dargestellt wurden, hat mich und das Denkmodell der frühen Tocotronic sehr geprägt. In „Nordsee ist Mordsee“ tragen sie ja auch diese komischen Adidas-Trainingsjacken - das hat schon was mit uns zu tun! Eines der ersten Tocotronic-Konzerte fand in einem Kino in Hamburg-Lurup statt, das Filmreihen mit passenden Bands zeigte. Wir spielten zu einem Hark-Bohm-Film, weil wir so ein ähnliches Outfit wie die Protagonisten trugen. Diese Faszination für jugendliche Rebellen existiert schon immer.

„Ich werde den Teufel tun und über die Jugend urteilen. Das machen nur blöde alte Säcke“

nordbuzz: Denken Sie auch über real existierende jugendliche Rebellion nach?

Lowtzow: Wie das heute real aussieht, weiß ich nicht. Schließlich bin ich 45 und werde den Teufel tun und über die Jugend urteilen. Das machen nur blöde alte Säcke.

nordbuzz: Sie wollen kein Urteil von oben herab fällen?

Lowtzow: Das mündet schnell in so eine Generationen-Debatte, das ist mir zu feuilletonistisch, zu unfundiert. Als wir mit Tocotronic anfingen, gab es die Generation X, das fand ich damals schon blöd. Nun ist es eben die Generation Y - mir ist das zu pauschalisierend. Doch gibt es natürlich in jeder Generation Akte der Rebellion und, heute noch wichtiger, Akte der Solidarität. Wenn wir an die Flüchtlingsbewegung denken, ist das ja das Wort der Stunde.

nordbuzz: Weshalb Sie auf dem letzten Album ja auch das Lied „Solidarität“ verfassten. Bis vor einigen Jahren wirkte dieser Begriff noch anachronistisch ...

Lowtzow: Das Wort stammt natürlich aus der Linken beziehungsweise aus der Arbeiterbewegung, also lange vor der linken WG-Küche. In letzter Zeit wurde es sehr staatstragend benutzt. Damit habe ich ein Problem - und fand es deshalb interessant, den Begriff in seine ursprüngliche Bedeutung zurückzuführen.

nordbuzz: Und das gegen den Zeitgeist ...

Lowtzow: Als wir den Song schrieben, war das erst der Anfang der inzwischen sehr tief in bürgerliche Kreise eingesickerten rassistischen Ressentiments gegenüber Geflüchteten. So muffig das Wort auch erscheint, umso wichtiger ist es, „Solidarität“ wieder zu verwenden. Gerade wenn es sich, wie der Song, im Spannungsfeld zwischen Politischem und Persönlichem abspielt.

nordbuzz: Sehen Sie sich dabei als die Galionsfigur der Pop-Linken, zu der Sie gern gemacht werden?

Lowtzow: Das ist unserer Erziehung als Band geschuldet; wir sind alle mit linken Ideen durch Pop-Musik in Berührung gekommen - ungefähr in dem Alter der beiden „Tschick“-Protagonisten. Von Punk bis Hardcore stopften wir alles in Form von Platten und Fanzines in uns rein, die darin verhandelten Themen prägten uns sehr. Bis heute: Wenn man sich als Linker begreift, dann ist aktuell der Antirassismus das vorherrschende Thema.

nordbuzz: Eines, das angesichts wachsender Ablehnung von Geflüchteten auch in der Popkultur an Bedeutung gewinnt ...

Lowtzow: Sicher. Wenn etwa die AfD in Mecklenburg-Vorpommern derart erschreckende Erfolge einfährt, muss man dagegen selbstverständlich ankämpfen.

nordbuzz: Inwiefern können Sie oder Tocotronic dazu etwas beitragen?

Lowtzow: Als Künstler kann man seine Stimme nur Aktionen leihen, etwa indem man ProAsyl fördert oder Benefiz-Konzerte gibt. Politische Bewegungen, sofern sie uns in den Kram gepasst haben, haben wir seit unserer Gründung unterstützt.

nordbuzz: Auch gegen die nationalistische Vereinnahmung der Pop-Musik haben Sie sich bereits vor 20 Jahren gewehrt ...

Lowtzow: Damals sprachen wir uns gegen eine positive Pop-Konnotation mit dem Begriff „deutsch“ als nationaler Identität aus. Das Versprechen, das der Popmusik innewohnt, ist schließlich gerade ihre Internationalität, ihre universelle Sprache. Wir waren schon immer gegen jegliche Form von Nationalismus und Deutschtümelei.

nordbuzz: Hat sich das Bedürfnis, sich dazu zu äußern, seit den 90er-Jahren verstärkt?

Lowtzow: Klar, immerhin findet in den letzten Jahren nicht nur in Deutschland ein erheblicher Rechtsruck statt - gerade mit dem Erstarken der AfD, die als offen xenophobe, homophobe und rückwärtsgewandte Partei mehr als nur eine marginale Randerscheinung zu sein scheint. Rechtspopulismus ist dafür fast ein verharmlosender Begriff - diese Leute sind schließlich offene Rassisten, ob LePen oder Wilders, ob in Ungarn oder Österreich, oder Donald Trump in den USA. Hinzu kommen rechte Kämpfe etwa gegen die Genderwissenschaften. Je dominanter dies wird, desto mehr muss und will man dazu Stellung beziehen.

nordbuzz: Rassistische und homophobe Ausdrücke verwenden allerdings auch die Protagonisten in „Tschick“ ...

Lowtzow: Sprachlich bin ich zwar recht empfindlich. Aber „Tschick“ ist doch im positivsten Sinne nicht pädagogisch. Bei Jugendliteratur halte ich das für wichtig. Zumal man derlei „pädagogisch wertvolle“ Ansätze als Jugendlicher schnell durchschaut. Denkt man etwa an die Werke von Michael Ende - da spürte ich früher schon: Mein Gott, was uns da eingetrichtert werden soll, ist ja fürchterlich. Dieses Lob der Fantasie, die Verteufelung der bösen Konsumgesellschaft und so weiter. Das ist einfach schlechte Literatur. Herrndorf hingegen ist auf sehr angenehme Art pädagogisch wertlos.

nordbuzz: Können Sie sich selbst vorstellen, pädagogisch wertlose Literatur zu verfassen?

Lowtzow: Man soll niemals nie sagen, doch ich bin dafür zu gerne Musiker. Ich mag den Prozess dahinter, das Schriftstellerdasein stelle ich mir recht einsam vor. Vielleicht stoße ich aber irgendwann auf ein Thema, bei dem sich längere Prosa besser eignet als Lyrik oder Songtexte.

nordbuzz: Gab es Situationen, in denen Sie dachten: Auf das Thema kann ich musikalisch nicht angemessen reagieren?

Lowtzow: Sicher, bei größeren Themen, die schwer zu fassen sind. Andererseits liegt darin ja der Reiz: Als Songwriter interessierte mich immer die Bearbeitung von Themen, die untypisch sind für Rocksongtexte. „Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“ oder „Michael Ende, du hast mein Leben zerstört“ waren ja immer viel zu sperrig, um gesungen zu werden. Das gilt auch für die Stereolab-Coverversion für „Tschick“, bei der man sich fragt: Wie haben die das eigentlich gesungen bekommen? Das Stück wirkt ungelenk, vielmehr wie ein Manifest.

nordbuzz: Auch in Ihrer Übersetzung scheint es ein politisches Manifest, das im Angesicht der Verhältnisse auch Hoffnung verbreitet - ähnlich wie Tocotronic-Texte ...

Lowtzow: Die Stereolab-Sängerin hat französische Wurzeln und war entsprechend stark geprägt vom Marxismus französischer Provenienz à la Louis Althusser. Daneben hat das Hoffnungschöpfen angesichts einer rassistischen, sexistischen Welt zumindest bei Tocotronic auch viel mit Rockmusik zu tun.

nordbuzz: Inwiefern?

Lowtzow: Bei aller Negativität und allem Willen zur Polemik zieht man daraus auch Kraft - mir geht das etwa bei Neil Young so. Das geht über das Destruktive hinaus und mir zu Herzen. Zwar bewundere ich Bands wie Slayer, deren Musik ich toll finde - nur die Texte sind mir zu destruktiv. Wie apokalyptisch die Welt untergeht, finde ich recht unterhaltsam - es berührt mich aber nicht. Bei Young oder den Smiths etwa steckt bei aller Kritik und Boshaftigkeit immer etwas Hoffnungsvolles, das tröstet. Kann man kitschig finden, ich halte es für wichtig.

nordbuzz: Wichtig vor allem, wenn wie in „Tschick“, also in einer Außenseiter-Jugend, um einen herum alles widersprüchlich und feindlich erscheint ...

„Rockmusik war ein Fenster zur Welt“

Lowtzow: Ich wuchs in der Provinz auf, Rockmusik war ein Fenster zur Welt. Damit konnte ich mich in größere Zusammenhänge hineinträumen; Gleichgesinnte finden, mit denen man eine Gegenkultur und Rebellion starten konnte. Das ging von sexuell unentdeckten Zonen bis ins Weltall wie bei David Bowie.

nordbuzz: Sehen Sie in Ihrer eigenen Jugend den Ursprung der Faszination für unangepasste Kids?

Lowtzow: Definitiv - auch wenn ich nicht besonders nostalgisch bin. Ich mag Sentimentalitäten nicht. Aber gerade wenn einem jegliche Nostalgie fremd ist, erscheint die Auseinandersetzung mit dem autobiografischen Element von Kindheit und Jugend umso spannender. Das sind überaus prägende Jahre.

nordbuzz: Wie erinnern Sie sich an jene Jahre?

Lowtzow: Nach objektiven Kriterien hatte ich eine sehr schöne Jugend. Meine Eltern waren nicht besonders streng, sehr verständnisvoll, haben meine Neigungen gefördert. Wir galten als typischer westdeutscher Mittelstand, nicht zu reich, nicht zu arm. Gleichzeitig gab es auch furchtbare Momente, wie eben das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Ich merkte früh, dass ich ganz andere Interessen als die meisten meiner männlichen Mitschüler hatte, die sich schon früh sportlich engagierten und sich typisch testosterongesteuert gegenseitig übertreffen wollten.

nordbuzz: Da wollten Sie nicht mitmachen?

Lowtzow: So ein Ehrgeiz war mir immer fremd. Vielmehr interessierte ich mich für Popmusik - aber da wiederum nicht für Mainstream-Sachen. Mit 14, 15 fand ich mich total in Morrissey, in Punk oder später in Hardcore und Sonic Youth wieder. Da tun sich ganz andere Welten auf. Auch jemand wie Bowie liefert völlig andere Angebote, um sich als Mensch zu definieren - besser als der vorherrschende Mainstream in der westdeutschen Provinz. Letztere empfindet man dann schnell als Mangel. Zwar kann es auch etwas Emanzipatives haben, am Baggersee rumzuhängen, doch in Sachen Underground herrschte ziemliche Dürre.

nordbuzz: Stießen Sie in dieser Provinz auch auf Feindseligkeiten?

Lowtzow: Es gab durchaus Beleidigungen und narzisstische Kränkungen. Wenn man etwa durch die Fußgängerzone in Offenburg lief und als „Schwuler“ beschimpft wurde. Jugendliche können Andersartigen gegenüber grausam sein. Das setzt sich fest und verstärkt das Gefühl, dass man nach eigenen Regeln spielen muss. Diese Art „Fuck You“-Gefühl. Das ist eigentlich bis heute geblieben. Man kann das noch ausweiten: Woher kommt eigentlich eine narzisstische Persönlichkeit, die wiederum notwendig ist, um künstlerisch tätig zu sein? Rockmusik hilft in jedem Fall, über derlei Kränkungen hinwegzukommen.

nordbuzz: Hilft sie Ihnen auch heute noch?

Lowtzow: Ich entspanne eher von meiner Arbeit am Rock - ich bin großer Jazz-Fan, höre viel Dub und auch gern Black Metal. Man darf ja nicht vergessen: Von 15 bis Mitte 20 habe ich Rock bis zum Abwinken gehört und studiert: alle Platten von Hüsker Dü, von Sonic Youth, von Dinosaur Jr, von The Cure und so weiter. Damals lag man als Jugendlicher auf dem Bett, hat sich stundenlang Platten angehört, Cover angeschaut und alle Liner-Notes und Credits auswendig gelernt. Das war ein völlig meditatives Sich-Versenken und totale Identifikation. Wenn ich heute, wie neulich, aus Recherche-Zwecken alte Songs von Hüsker Dü anmache, dann bricht mir das Herz. Privat höre ich inzwischen lieber Sachen, die sich von meinem eigenen musikalischen Schaffen unterscheiden.

tsch

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