Schauspieler im Interview

Ralph Herforth, warum ist deutsches Fernsehen so mies?

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„Andere Länder machen uns vor, wie Menschen in der Realität miteinander umgehen. Im deutschen Fernsehen arbeiten wir immer noch mit einer Menge Weichspüler.“ Ab der zweiten neuen „Tierärztin Dr. Mertens“- Folge am 30. August ist Ralph Herforth als neuer Zoodirektor zu sehen.

Der Schauspieler nennt Gründe, weshalb deutsches Fernsehen so mies ist und warum er trotzdem mitmacht. Unter anderem wegen eines tollen Zoos ...

Der Mann traut sich was. In „Tierärztin Dr. Mertens“ (neue Folgen ab Dienstag, 23. August, 20.15 Uhr, ARD) spielt der 56-jährige Schauspieler Ralph Herforth („Unter anderen Umständen“) den neuen Zoodirektor. Obwohl das ARD-Erfolgsprodukt genau für das steht, was Deutschland den Ruf eines Entwicklungslandes in Sachen Serienkultur einbrachte. Nun, warum tut er das? Weil auch ein am renommierten Wiener Max Reinhardt-Seminar ausgebildeter Mime Rechnungen bezahlen muss. Noch dazu hat der mit Schauspiel- und Drehbuchkollegin Zora Holt Verheiratete noch einmal zwei kleine Kinder aufzuziehen. Was den kernigen Herforth jedoch von seinen Kollegen unterscheidet: Er traut sich, ein System zu kritisieren, das ihn ernährt.

nordbuzz: „Tierärztin Dr. Mertens“ ist eine sehr klassische, eher konservative Serie. Die Quoten jedoch sind überragend gut ...

Ralph Herforth: Ja, das wurde mir erzählt. Aber ich kümmere mich um solche Dinge nicht so sehr.

nordbuzz: Fünf bis sechs Millionen Zuschauer gucken das. Wissen Sie, warum?

Herforth: Ich habe keine Ahnung. Wahrscheinlich wegen des Zoos. Wobei ich finde, man könnte Tiergeschichten im Fernsehen auch anders erzählen. Meistens beschränkt man sich ja doch auf Kleintiere. In einem dänischen Zoo wurde eine Giraffe eingeschläfert und vor den Augen der Leute verfüttert. Das erzeugte gewaltige Proteste, die Geschichte ging überall durch die Medien. Solche Themen, würde ich vorschlagen, sollte man in einer Zooserie mal aufgreifen.

nordbuzz: Warum?

Herforth: Weil ich es wichtig finde, dass die Zuschauer nicht nur süße, menschelnde Geschichten über Tiere sehen, sondern auch die Realität eines Zoos aufgezeigt bekommen. Dass kranke oder überzählige Tiere dort an andere Tiere verfüttert werden, gehört dazu. Zoos sollen und wollen ja auch ein bisschen die Natur abbilden.

nordbuzz: Erfolg hat die Serie natürlich auch, weil es um Familie geht ...

Herforth: Auch da würde ich mir an manchen Stellen mehr Wirklichkeit wünschen, etwas weniger Betulichkeit. Andere Länder machen uns vor, wie Menschen in der Realität miteinander umgehen. Im deutschen Fernsehen arbeiten wir immer noch mit einer Menge Weichspüler.

nordbuzz: Wo spüren Sie den Weichspüler - in den Dialogen?

Herforth: Ja, zum Beispiel.

nordbuzz: Wie könnte man mehr Relevanz erreichen?

Herforth: Indem man die Figuren ernst nimmt und dem wirklichen Leben ins Gesicht schaut. Dafür müsste man sich nur ins Café oder die Fußgängerzone setzen und Menschen beobachten. Niemand dort verhält sich so, wie es das Personal einer deutschen TV-Serie tut.

nordbuzz: Weil sich Drehbücher eine Kunstsprache angewöhnt haben, auf die sich Kreative und Auftraggeber geeinigt haben?

Herforth: Es ist eher ein Pampers-Sprache als eine Kunstsprache. Irgendwie tropft aus jedem dieser Dialogkonstrukte das Signal heraus: Ist doch alles nicht so schlimm! Selbst in den meisten Krimis, in denen es ja meist um Mord geht, findet sich das. Mord ist Mord, Vergewaltigung ist Vergewaltigung. Es gibt nicht so etwas wie „ein bisschen Mord“. Dennoch hat man beim Krimi-Konsum im deutschen TV das Gefühl, dass man genau dem beiwohnt - einem „netten Mord“ oder ein „bisschen Vergewaltigung“. Die Verniedlichung der Gewalt zwecks Massenunterhaltung ist das eigentlich Bedrückende.

nordbuzz: Kommen wir zurück zur Frage, wie diese verniedlichende, aber falsche TV-Realität entstehen konnte ...

Herforth: Aufgrund der Vorgaben von Intendanz und Politik erschufen Drehbuchautoren in den 50er- und 60er-Jahren betuliche Filme und TV-Stücke. Sie sollten der Nachkriegsgeneration Zerstreuung und Unterhaltung liefern. Filme, wie sie Atze Brauner beispielsweise machte, waren dazu da, Menschen mit der Idee einer heilen Welt zu erbauen. Film und Fernsehen sollte beim Träumen helfen. Als die Zeiten andere wurden, kritischer und konflikthafter, hat das Fernsehen aber einfach mit dem Alten weitergemacht.

nordbuzz: Der Heimatfilm der Nachkriegszeit hat sich nahtlos in eine Fernsehästhetik verwandelt, der wir heute noch beiwohnen?

Herforth: Ja, wir haben uns davon überhaupt noch nicht gelöst. Trotz vieler Bekenntnisse der Verantwortlichen, es endlich anders machen zu wollen. Ich habe über die letzten Jahre eine Menge Treatments und Stoffe gelesen, wo ich dachte: Wow, ist das geil! Komischerweise werden solche Stoffe selten produziert.

nordbuzz: Finden Sie Ihren Job als Schauspieler entsprechend frustrierend?

Herforth: Es ist ja meine Entscheidung, dass ich mitmache. Ich hätte auch beim Theater bleiben können. Es gibt für mich dennoch immer Gründe, etwas zu machen - neben der Gage, die man zum Leben braucht. „Tierärztin Dr. Mertens“ habe ich auch und gerade wegen des Leipziger Zoos gemacht.

nordbuzz: Wie können wir uns das vorstellen?

Herforth: Nun, ich hatte ungefähr 30 Drehtage und bin, glaube ich, an jedem dieser Tage dort herumgelaufen. Ich genoss das wirklich sehr. Man musste mich immer suchen, wenn das Drehen weiterging (lacht). Immer war ich irgendwo im Zoo verschollen ...

nordbuzz: Was ist das Besondere am Leipziger Zoo?

Herforth: Es ist einfach ein Zoo, der den Kriterien artgerechter Tierhaltung voll und ganz entspricht. Und dann ist da seine einzigartige Architektur. Das fängt schon beim in Bambus eingepackten Parkhaus an. Viele der alten Bauten sind sehr liebevoll restauriert und mit moderner Architektur verbunden worden. Dazu kommt die schöne Anlage der Gehege rund um einen Fluss, der mitten durch den Zoo fließt. Es gibt das Gondwanaland, eine gigantische Tropenhalle, in der tropische Vögel frei herumfliegen, die Affen um einen rumturnen. Und so einiges mehr. Großartig!

nordbuzz: Es heißt, dass der Zoo besonderes Augenmerk darauf richtet, die klassische Grenze zwischen Tier und Besucher aufzuheben.

Herforth: Ja, und das ist spürbar. In den Gehegen kommt man den Tieren näher als in sonst einem Zoo, den ich kenne. Selten hat man das Gefühl, dass die Tiere vor einem weggesperrt werden. Die Menschenaffen beispielsweise leben in riesigen Freigehegen. Man geht über Holzstege zwischen ihnen durch, die nur durch Wasser und Sumpflandschaften mit versteckten Elektrodrähten vom Tier getrennt werden. Das hält die Tiere von den Besuchern fern. Es ist wirklich etwas ganz Besonders.

nordbuzz: In Leipzig leben auch Tierarten in einem Gehege zusammen, die man andernorts nicht so zusammen sieht.

Herforth: Stimmt. In einem relativ neuen Gehege, in der 25.000 Quadratmeter großen Kiwara-Savanne, leben unter anderem Husarenaffen gemeinsam mit Geparden und Nashörnern zusammen. Und das, obwohl diese Affen eigentlich zu den Beutetieren der Geparden gehören. Die Affen haben jedoch gelernt, auf welche Felsen sie klettern müssen, damit sie nicht von den Geparden gerissen werden. Meines Wissens ist das der einzige Zoo in dem Beute- und Raubtiere gemeinsam leben.

nordbuzz: Welche Tiere faszinierten Sie besonders?

Herforth: Erdmännchen, auch weil die als Gruppe so unterhaltsam funktionieren. Und Tapire.

nordbuzz: Also konnten Sie sich am Ende doch mit diesem Job versöhnen?

Herforth: Na klar, das sage ich ja. Es gibt immer Gründe, warum man etwas macht. In diesem Fall war es der wunderschöne Zoo - und auch Leipzig. Ich mag sowohl die Stadt wie auch ihre Menschen. Leipzig ist ein bisschen wie Berlin, nur alles etwas kleiner und freundlicher. Eine sehr multikulturelle Stadt.

nordbuzz: Haben Sie Ihre kleinen Kinder auch mal mit in den Zoo genommen?

Herforth: Das wollte ich immer, aber dann wurde es ständig von einer Woche auf die andere Woche verschoben. Und plötzlich war der Dreh dann vorbei. Aber wir fahren auf jeden Fall noch mal hin, das habe ich ganz fest vor.

nordbuzz: Und in der Serie wird man Sie ebenfalls noch mal sehen - nach dieser Staffel?

Herforth: Keine Ahnung. Das kann ich noch nicht sagen. Es hängt von den Drehbüchern ab.

tsch

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