Jutta Speidel

Der Ganzkörpermensch

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Volksschauspielern Jutta Speidel hat eine neue Paraderolle gefunden: Als Fanny Steininger protestiert sie gegen das Frauenbild des 60-jährigen "Funktionswesens".

Jutta Speidel will mit ihrer ungewöhnlichen Frauenfigur Fanny Steininger unterhalten - und provozieren.

Für eine Frau Anfang 60 trägt sie viel zu figurbetonte Klamotten. Sie ist Single, meist pleite, und vor dem Gerichtsvollzieher rettet sie sich per Sprung aus dem Fenster in die Mülltonne vor der Münchner Mietwohnung: Jutta Speidels neue ARD-Figur Fanny Steininger, aus deren beiden Auftaktfilmen bei Erfolg eine Reihe werden soll, ist eine durchaus ungewöhnliche Frau im Unterhaltungsfernsehen für die reifere Zielgruppe. So ungewöhnlich eben wie die Schauspielerin und Sozial-Aktivistin Jutta Speidel selbst. Im Interview spricht die 62-Jährige darüber, warum sich gerade Männer mit Frauen wie Fanny so schwer tun und was unsere auseinanderfallende Gesellschaft noch retten kann.

teleschau: Ihre neue Figur Fanny Steininger ist nicht ganz das, was man im deutschen Unterhaltungsfernsehen von einer 60-jährigen Frau erwartet.

Jutta Speidel: Weil sie politisch nicht ganz korrekt ist?

teleschau: Nicht nur das. Sie hat mit 60 Jahren immer noch nicht ihren Weg im Leben gefunden. Ist das okay?

Speidel (lacht): Ja klar, Fanny hat keinen Mann, wechselt häufig ihre Jobs und lebt von der Hand in den Mund. Wäre sie ein Mann, würde sich keiner beschweren. Das wäre dann ein Hallodri. Ein lustiger, schräger Vogel. Wenn jedoch eine Frau mit 60 nicht so genau weiß, wo es langgeht, haben bestimmte Leute Probleme damit. Meistens sind das übrigens Männer. Das Ungewöhnliche an Fanny ist, dass sie trotz aller Probleme ein sehr lebensfroher Mensch ist. Und wenn man sie fragt: "Willst du dich blamieren?", dann sagt sie: "Ja".

teleschau: Warum haben gerade Männer Probleme mit Fanny?

Speidel: Weil Männer mehrheitlich immer noch von Frauen erwarten, dass sie die Dinge des Alltags regeln: Kinder großziehen, Haushalt organisieren, dem Mann den Rücken freihalten. Und wenn er dann in Rente geht, sollen wir tunlichst auch aufhören zu arbeiten - damit wir dem Mann die Strümpfe stricken und ihm Gesellschaft leisten können. Ein ganzes Leben gilt es, nicht aus der Fürsorgerolle auszubrechen. Doch Fanny ist anders: Sie war noch nie in einer solchen Rolle drin und lebt einfach so, wie sie es will.

teleschau: Ein wichtiger Punkt ist das Alter von Fanny. Sie ist 60 und unsolide. Ist es so, dass wir jüngeren Frauen gewisse Verrücktheiten zugesteht, aber irgendwann zwischen 30 und 40 müssen die dann spätestens "seriös" werden?

Speidel: Genau so ist es. Und dann hat man auch keine enge, tief ausgeschnittene Kleidung und kurze Röcke mehr zu tragen - wie es Fanny tut. Auch das ist ein Aspekt an Fanny, der provoziert. Sie ist ein Ganzkörpermensch und nicht wie viele Frauen ihres Alters nur noch als Funktionswesen vorhanden. Fanny ist ein Mensch, der dampft.

teleschau: Sie haben diese Figur mit entwickelt. Wie viel Jutta Speidel steckt in Fanny drin?

Speidel: Durchaus einiges. Der Name Fanny Steiniger ist übrigens der meiner Großmutter. Ich blicke mit Fanny auf diese gesellschaftlichen Regeln, über die wir eben sprachen. Allerdings sehe ich mich selbst nicht als ihr Opfer. Ich habe mir schon immer die Freiheit genommen, mein Leben so zu leben, wie ich es für richtig halte. Ich war als junge Frau vielleicht noch ein bisschen mehr wie Fanny: sehr nonkonform, sehr rebellisch. Ich bin aber ein bisschen klüger als sie. Und ich habe gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ja, ich bin ein sehr verantwortungsvoller Mensch, denke ich ...

teleschau: Bei "Fanny" geht es nicht nur um eine unkonventionelle Frau, sondern auch um Erbschaftsgeschichten, die sie als Empfangsdame in einer Fachkanzlei erlebt.

Speidel: Ja, es geht in humorvoller Weise um Erbschaftsrecht, was auch so ein bisschen halbbiografisch ist. Vor über 20 Jahren machte ich eine kleinere Erbschaft. Und ich war damals auf der Suche nach etwas, für das ich mich engagieren wollte. Ich fand heraus, dass es obdachlose Kinder in München gibt. Für die gründete ich mit jenen 30.000 D-Mark Startkapital den Verein Horizont, der später eine Stiftung wurde. Seitdem habe ich immer wieder mal mit Erbschaften zu tun. Weil Menschen unserer Stiftung etwas hinterlassen ...

teleschau: Und das ist so spannend, dass sich daraus die Idee einer TV-Reihe ableiten lässt?

Speidel: Gott sei Dank ist es bei uns mit dem Erben nicht immer so kompliziert oder turbulent wie bei den Geschichten rund um Fanny. Aber im Vorstand der Stiftung ist auch ein Freund von mir: Thomas Fritz, ein Anwalt für Erbschaftsrecht. Irgendwann gab er mir die Druckfahnen für sein erstes Buch zu lesen, das er geschrieben hatte. Es hieß: "Wie sie ihre Familie vernichten, ohne es zu merken". Es ging darin um fatale Erbschaftsgeschichten. Ich konnte es nicht aus der Hand legen, das Buch war großartig. Daraufhin sagte ich zu Thomas: "Du, das ist eine TV-Serie!"

teleschau: Warum haben Erbschaftsangelegenheit in Bezug auf Familien so ein gewaltiges Zerstörungspotenzial?

Speidel: Weil sie ganz schnell an unser angeborenes menschliches Gerechtigkeitsempfinden appellieren. Und natürlich die bei einigen Menschen tief verwurzelte Angst, Enttäuschung und Wut ansprechen, dass sie nicht so geliebt werden wie beispielsweise der Bruder oder die Schwester.

teleschau: Was können Sie und Ihr Freund Menschen empfehlen, die etwas zu vererben haben?

Speidel: Dass sie sich über ihr zu verteilendes Erbe frühzeitig Gedanken machen. Und dass sie ihre Ideen und Wünsche mit einem Anwalt regeln. Das Schlimmste, das man machen kann, ist nichts zu tun. Das eröffnet nämlich jenen die Chance, an das Geld zu kommen, die die seltsamsten Winkelzüge und Gesetzeslücken kennen. Oder es tauchen plötzlich Menschen mit Ansprüchen auf, mit denen man nie etwas zu tun hatte und die man auf den Tod nicht leiden konnte. Erbrecht ist das schwierigste und spannendste juristische Feld überhaupt. Es ist zu gleichen Teilen Krimi, Tragödie und Komödie.

teleschau: Ist die Welt heute ungerechter als früher?

Speidel: Ich empfinde die Welt heute als wahnsinnig ungerecht. Während die Reichen ungeniert Milliarden auf irgendwelche Inseln scheffeln, um Steuern zu sparen, verrecken anderswo Menschen vor Armut im Straßengraben. So etwas kotzt mich einfach nur an. Ich frage mich, wie Menschen so ignorant sein können. Ich kann es mir nur so erklären, dass Geld und Macht vielen den Blick auf die Realität verstellen. Solche Leute leben dann offenbar nur noch in ihrer eigenen Welt.

teleschau: Ist die Idee der Solidarität in unserer Gesellschaft immer mehr im Verschwinden begriffen?

Speidel: Nein, das empfinde ich nicht so. Ich kenne ganz viele Menschen, die das immer mehr entsetzt, was passiert, und die auch etwas dagegen tun wollen. Diese Leute werden immer mehr. Nur - wir brauchen sehr viel Zeit, um etwas zu ändern, weil wir eben nicht so viel Geld und Macht haben. Dennoch ist dieser Weg alternativlos. Es geht nur so, dass wir es positiv anpacken. Indem wir die Dinge anders machen, aus der Wegwerfgesellschaft aussteigen, uns um unsere Nächsten, um Notstände kümmern. Jeder, der etwas tut, ist ein Beispiel für andere, die das beobachten. Das könnte irgendwann eine Lawine auslösen, glaube ich.

teleschau: Wie helfen Sie konkret?

Speidel: Wir eröffnen mit Horizont jetzt ein zweites Haus für obdachlose Mütter und ihre Kinder in München. In das kann man einziehen, um dauerhaft dort zu wohnen. Unser erstes Haus ist geheim. Dort gehen Frauen hin, die vielleicht auch nicht gefunden werden wollen. Es ist etwas für den Übergang. In unserem neuen Haus am Münchner Domagkpark ist jeder herzlich willkommen. Wir bauen dort neben den Wohnungen auch Aus- und Fortbildungsstätten, einen Kindergarten, eine Kulturbühne und ein Café-Restaurant, in dem man sich begegnen kann.

teleschau: Wie vielen Menschen geben Sie ein Dach über den Kopf?

Speidel: Wir haben 48 Wohnungen, die relativ groß geschnitten sind. Wir schätzen, dass wir 150 bis 200 Menschen diesen günstigen Lebensraum anbieten können. Die Leute zahlen dort Miete, denn die haben dann schon einen Job oder bewegen sich zumindest wieder auf das Arbeitsleben zu.

teleschau: Das ist ja ein Riesenprojekt. Wie viel Prozent Ihrer Zeit geht für das soziale Projekt drauf?

Speidel: Ich rechne das nicht aus, weil bei mir alles parallel läuft: Familie, Beruf und Horizont. Aber die drei Sachen füllen meine Zeit in der Tat komplett aus.

teleschau: Und das ist dann auch erfüllend für Sie? Oder manchmal auch zu stressig ...

Speidel: All das, was man als erfüllend empfindet, ist kein Stress im eigentlichen Sinne. Wir haben hier die große Chance, dieses Leben zu leben - also packen wir's an. Was sollen wir uns schonen und nichts tun, wenn wir in der gleichen Zeit sinnvolle Dinge erledigen können. Dinge, die uns und anderen gut tun. Für mich wäre es keine Alternative, die Füße hochzulegen.

teleschau: Was empfehlen Sie anderen, die sich engagieren wollen?

Speidel: Es gibt so viele Berufe, in denen man sehr viel erreichen kann: als Lehrer, im sozialen Bereich, als Arzt. Oder einfach nur in der Nachbarschaftshilfe. Privates Engagement ist vielfältig. Wichtig ist nur, dass man nicht den Mut verliert und sich in eine Depression verkriecht. Das würde niemandem etwas nützen. Es ist natürlich auch eine Frage der Mentalität, es so zu sehen. Aber man kann sich auch ein bisschen in diese Richtung trainieren.

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