Böhmermann in eigener Sache

Ganz im Ernst jetzt: Alle mal lachen!

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„Hey, Presse!“ - Jan Böhmermann hatte was zu sagen.

Mittwochnachmittag, fast Punkt 16.30 Uhr, meldete Jan Böhmermann sich zu Wort ...

„Wenn ein Witz eine Staatskrise auslöst, ist dies nicht das Problem des Witzes, sondern des Staates!“ - Auf dieses Zitat lässt sich ein siebenminüter Videokommentar herunterbrechen, den der Komiker Jan Böhmermann am Mittwoch via Twitter und auf seiner Facebookseite gepostet hat. Der 35-jährige Satiriker legte in dem weitgehend seriösen und humorfreien Beitrag zum Thema „Schmähgedicht“ nach - einen Tag, nachdem das Strafverfahren wegen „Majestätsbeleidigung“ gegen ihn eingestellt wurde.

Im März hatte der ZDF-Moderator in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ ein Schmähgedicht über den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan verfasst. Böhmermann wollte nach eigenen Angaben allerdings nur zeigen, was unter dem Deckmantel der Satire erlaubt sei und was in den Bereich der verbotenen Schmähkritik fällt. Daraufhin erstattete Erdogan Anzeige wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsoberhaupts. Diese Anzeige wurde allerdings erst möglich, nachdem die Bundesregierung die Ermächtigung zur Strafverfolgung erteilt hatte. Diese Entscheidung der Politik war in der Öffentlichkeit sehr umstritten.

Doch Böhmermann darf nun erleichtert aufatmen. Die Staatsanwaltschaft Mainz hatte am Dienstag mitgeteilt, dass „strafbare Handlungen nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachzuweisen waren“ und das Verfahren gegen Jan Böhmermann (35) wegen Majestätsbeleidigung (Paragraf 103) eingestellt. Das „Schmähgedicht“ sei von der Kunstfreiheit geschützt: „Dass mit einem Kunstwerk eine bestimmte Meinung zum Ausdruck gebracht wird, nimmt ihm nicht die Eigenschaft als Kunstwerk“, zitierten Medien eine Stellungnahme der leitenden Oberstaatsanwältin. „Der in Rede stehende Beitrag dürfte als satirische Darbietung diesen Anforderungen genügen.“ Allerdings ist mit dieser Entscheidung noch nicht alles geklärt. Am 2. November soll eine Privatklage Erdogans gegen Böhmermann in Hamburg vor Gericht kommen. Erdogans Anwalt will in diesem Verfahren ein Verbot des Schmähgedichts erreichen.

„Hey, Presse“, hatte Böhmermann, wohl der Einzige, dem eben diese Presse eine derart flapsige Kommandoanrede mal eben so durchgehen lässt, schon am Dienstagabend auf seiner Facebookseite angekündigt: „Morgen, Mittwoch 5.10.2016, werde ich um 16.30 Uhr ausführlich persönlich Stellung nehmen. Mehr hier.“ Der Moderator dürfte sich schon bei der Vorstellung die Hände gerieben haben, wie die zur Aufmerksamkeit gebetenen Journalisten sich am Mittwoch um halb vier auf seinen Social-Media-Accounts Blasen an die Finger aktualisiert haben. Vielleicht lag es ja daran, dass der Beitrag erst um 16.34 Uhr, also mit vier Minuten Verspätung, online ging ...

Jan Böhmermann verteidigt in dem Beitrag einmal mehr sein, wie er es nennt, „juristisches Proseminar zum Thema Schmähkritik“. Das Gedicht, das so hohe Wellen schlug, sei ja keineswegs zufällig entstanden und „auch kein Ausrutscher“ gewesen. „Es geht im Kern um einen Witz“, so Böhmermann. „Die einen sagen, geschmacklos - die anderen sagen, zu diesem damaligen Zeitpunkt genau richtig.“ Was Böhmermann sagen will: Über Geschmack kann man im Rahmen der Meinungsfreiheit trefflich streiten, nicht aber über die Grundfeste einer demokratischen und freiheitlichen Gesellschaft: „Im Vergleich dazu, was kritische Journalisten, Satiriker oder Oppositionelle in der Türkei damals oder auch jetzt gerade wieder durchmachen ist dieses ganze Theater um die sogenannte 'Böhmermannaffäre' schon wieder ein großer trauriger Witz für sich, der sich leider völlig außerhalb meiner professionellen Qualitätskontrolle befindet“, konstatiert der ZDF-Mann und richtet recht deutliche Worte an die eigene Regierung: „Politik, die diese grundlegenden Werte und Prinzipien, die die Meinungs- und Kunstfreiheit standfest und notfalls offensiv verteidigt, kann jeden noch so geschmacklosen Witz souverän weglachen.“

Böhmermanns Beitrag wurde auf Facebook bereits binnen einer halben Stunde 2.000-mal geteilt, 13.000-mal geliked und ohne Ende kommentiert. Er beendet ihn mit einen Verweis darauf, dass sich nun wieder seine „acht oder neun“ Anwälte mit den weiteren juristischen Fragen befassen würden - und mit zwei zur Gitarrenbegleitung krakeelten Songs: „Always Look On The Bride Side Of Life“ und (nach Westernhagen) „Freiheit“, bekanntlich das „Einzige, was zählt“ ...

Am Ende staunt man einmal mehr über diesen schlauen Tunichtgut: Diese sieben Minuten sitzen noch besser als das braune „Fred-Perry“-Shirt, mit dem sich Böhmermann vor die Kamera wagt. Da wundert es kaum mehr, dass dem ein oder anderen Kommentierenden ein wenig die Gäule durchgingen: „Lieber Herr Böhmermann, ist es nicht an der Zeit, jetzt Ihre Bewerbung um das Amt des Bundespräsidenten bekannt zu geben?“, schreibt doch glatt einer. Und ein anderer will wissen: „Wann wird Jan Böhmermann Urlaub in der Türkei machen, um seine Freiheit zu genießen?“

tsch

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