NASA-Astronaut Ulrich Walter erklärt den Weltraum

N24-Doku: Fremdes Leben im All?

+
Professor Ulrich Walter, 1993 selbst für zehn Tage im All, erklärt Weltraum und Raumfahrt in sechs Folgen „Spacetime“ auf N24.

Eine sechsteilige N24-Doku mit dem charismatischen Astronauten und Weltraumerklärer Ulrich Walter bringt den Zuschauer auf den neusten Stand rund ums Weltall.

Ulrich Walter, Inhaber des Lehrstuhls für Raumfahrtechnik an der TU München, hat anderen Gelehrten seines Fachs etwas Entscheidendes voraus: Der 62-Jährige war wirklich im Weltraum. 1993 war das, für neun Tage an Bord des Space Shuttle Columbia. In sechs Teilen „Spacetime“ erklärt Walter, der äußerst begabt darin ist, Schwieriges verständlich zu machen, die großen Fragen seines Fachgebiets (ab Dienstag, 27.09., 20.05 Uhr, N24). Zum Auftakt geht es in „Aufbruch zum Mars - Ein Planet wird erobert“ darum, was die derzeit konkret vorbereitete Mission zum roten Planeten bringen wird und wann es soweit ist. In weiteren Folgen untersucht Walter Asteroiden, lange Reisen im Weltraum, Risiken der Raumfahrt, Schwarze Löcher und Zukunftsvisionen vom Leben im All.

nordbuzz: Sie waren 1993 zehn Tage lang im Weltall. Wie hat Sie das verändert?

Ulrich Walter: Es hat mich sehr verändert, in verschiedener Hinsicht. Beruflich bin ich durch diese Mission vom Physiker zum Raumfahrttechniker geworden. Familiär und persönlich betrachtet hat das für sehr viele Umzüge gesorgt.

nordbuzz: Wir dachten vor allem an die emotionalen Folgen. Liest oder hört man Berichte von Menschen, die im All waren, klingen die alle tief beeindruckt vom Erlebten. Allerdings auf unterschiedliche Weise.

Walter: Das stimmt. Man kann da drei Gruppen unterscheiden. Die einen, es sind mehr so die Amerikaner, die ziehen eher religiöse Schlüsse. Unter den amerikanischen Astronauten gab es einige, die religiöser zurückkamen als sie losgeflogen sind. Dennoch ist nur einer meines Wissens später Priester geworden - und das aus einer ganz anderen Motivation heraus. Dann gibt es die Russen, die eher nur ihren Job machen und schließlich uns Europäer, die irgendwo dazwischen liegen.

nordbuzz: Über was hat Sie die Zeit im All zum Nachdenken gebracht?

Walter: Man gewinnt dort automatisch Abstand von einer Sichtweise, die die eigene Position, die eigenen Probleme sehr stark überbewertet. Dass der Mensch von ganz oben betrachtet auf die Größe einer Ameise schrumpft und die ganze Erde schließlich nur noch ein Fleck an einem riesigen Himmel ist - solche Dinge muss man mit eigenen Augen sehen, um sie wirklich fühlen und verstehen zu können.

nordbuzz: Die meisten Weltraumfahrer sind wie Sie Naturwissenschaftler. Wird man, wenn man im All ist, trotzdem von nicht allzu wissenschaftlichen Gefühlen oder Urängsten übermannt?

Walter: Natürlich sind wir Wissenschaftler, aber eben auch Menschen. Der Vorteil von Wissenschaftlern ist, dass sie die Welt mit unterschiedlichen Augen sehen können. Einmal von der menschlichen, emotionalen Seite aus, was jeder tut. Aber eben auch durch die Brille der Wissenschaft. Mir gegenüber steht jetzt gerade eine Pflanze und ich liebe Pflanzen. Mein ganzer Garten ist voll davon. Neben dieser Emotionalität, meiner Liebe zu Pflanzen, kann ich aber zum Beispiel auch wissenschaftlich erklären, warum diese Pflanze grün ist, wie sie funktioniert und so weiter. Wenn Wissenschaftler in den Weltraum fliegen, genießen sie doppelt - emotional und kognitiv.

nordbuzz: Vor 50 Jahren lief die erste Star Trek Folge im amerikanischen Fernsehen. Wie sehr haben Science Fiction-Filme Ihre Begeisterung für das Weltall befördert?

Walter: Ich schaue mir gute Science Fiction mit großem Interesse an, aber auf den Weg gebracht haben Sie mich als Kind oder Jugendlicher nicht. Mich hat immer interessiert, was tatsächlich möglich ist. Und da hilft einem die Naturwissenschaft erst mal mehr weiter als Filme. Ich bin Physiker geworden, weil ich wissen wollte, wie da draußen die Welt funktioniert. Filme faszinieren mich, wenn sie wissenschaftlich gut gemacht sind. So etwas wie „Matrix“ ist jedoch ein Gräuel für mich.

nordbuzz: In den letzten Jahren gab es hochgelobte Science Fiction-Filme wie „Gravity“, „Der Marsianer“ oder „Interstellar“, die versuchten, wissenschaftlich unterfüttert große menschliche Fragen zu verhandeln. Stimmen Sie zu?

Walter: Die Wissenschaftlichkeit eines Filmes ist für mich nicht der alles entscheidende Maßstab. Nur wenn es zu abgedreht wird, verliere ich das Interesse. Nehmen wir „Der Marsianer“. Es gibt auf dem Mars keine schweren Stürme, die Türen durch die Gegend schleudern. Die Atmosphäre ist viel zu dünn dafür. Das Schlimmste, was bei einem Sturm auf dem Mars passieren könnte, wäre, dass ein Blatt Papier ein wenig ins Flattern gerät. Ich kann den Sturm trotzdem akzeptieren, weil die Dramatik des Films dadurch erst in Gang kommt. „Der Marsianer“ ist ansonsten wissenschaftlich authentisch und gut recherchiert.

nordbuzz: Sie mochten ihn also?

Walter: Ja, durchaus. Ein paar Verletzungen der Physik muss man in fast jedem Science Fiction-Film verkraften. Zum Beispiel auch in „Gravity“. Da kann man den Weltraumschrott durch die Gegend fliegen sehen. Weltraumschrott ist jedoch so schnell unterwegs, dass man ihn niemals sehen kann. Er ist eine Sekunde zuvor zehn Kilometer entfernt, und dann ist er schon eingeschlagen. Im Film war es aus dramaturgischer Sicht nötig, dass man die Bedrohung an sich vorbeifliegen sieht - auch das kann ich akzeptieren. Es kommt ja mehr auf den Effekt eines solchen Einschlages an. Der ist tatsächlich in etwa so, wie es in „Gravity“ gezeigt wird.

nordbuzz: Dennoch hört es sich danach an, als wäre die Wirkung eines Science Fiction-Films bei einem Wissenschaftler vom Fach stark eingeschränkt?

Walter: Nicht unbedingt. Mich interessiert bei solchen Filmen immer das Gesamt-Szenario, weniger die technischen Details. Insofern bin ich ein ganz normaler Zuschauer mit eben etwas mehr Fachwissen. „2001: Odyssee im Weltraum“ von Stanley Kubrick ist 50 Jahre alt, wissenschaftlich stimmt in dem Film bei weitem nicht alles. Dennoch ist das bis heute ein grandioses Filmwerk. Sicher der größte Meilenstein in der Geschichte der Raumfahrtfilme.

nordbuzz: Interessieren die Menschen heute andere Dinge am Weltraum als in den 60-er oder 70-ern, als Star Trek und die ersten großen Science Fiction-Filme liefen?

Walter: Nein, die Leute interessieren sich heute für dieselben Dinge: Warp-Antrieb, Schwarze Löcher, Wurmlöcher, Big Bang - was war davor, was war danach? Der Unterschied zu früher ist, dass wir heute sehr viel mehr wissen: Gravitationswellen, Higgs-Teilchen - man kann viele Dinge heute besser erklären. Noch eine Sache ist heute anders. Obwohl die Materie komplex ist, wollen die Leute Details genauer kennenlernen und verstehen. Deswegen versuchen wir einige dieser Fragen in „Spacetime“ zu beantworten, der neuen Doku-Reihe auf N24.

nordbuzz: Das goldene Zeitalter der Raumfahrt ist mit den Apollo-Missionen und dem ersten Mann auf dem Mond verbunden. Sind die Zeiten des Massen-Hypes nicht doch irgendwie vorbei?

Walter: Das ist wie mit der Dotcom-Blase. Hypes funktionieren immer so, dass es am Anfang erst mal sehr schnell auf eine Spitze rauf geht und danach der Absturz folgt. Von dort geht es dann langsam wieder hoch. Raumfahrt und Weltraumtechnik werden sich ebenso durchsetzen wie das Internet. Wir alle nutzen Satelliten und Navigationsgeräte - auch das ist Raumfahrttechnik. Sie gehört immer mehr und selbstverständlicher zu unserem Leben dazu. Man braucht den Hype heute gar nicht mehr.

nordbuzz: Wer interessiert sich besonders für Raumfahrt?

Walter: Die klassische Zielgruppe waren früher Jungs und jüngere Männer. Heute geht das allerdings quer durch alle Lager. Man spricht in unserer Gesellschaft jedoch von den „zwei Kulturen“. Da gibt es die eine Gruppe, die Raumfahrt total ablehnt und den anderen, die einfach fasziniert davon sind.

nordbuzz: Ihre erste Folge „Spacetime“ thematisiert die Mars-Mission. Wie weit ist die Menschheit von dieser Reise entfernt?

Walter: Die NASA hat nun konkrete Pläne vorgelegt. Sie glauben, dass die Mission in den 30er-Jahren stattfinden wird. Ich bin der Meinung, dass es eng wird, aber sehr viel später muss es nicht sein. Die NASA baut schon eine Rakete für solche Zwecke, die SLS. Sie bauen auch eine neue Kapsel, mit der man so was überhaupt machen kann. Vorher gab es ja nicht mal die Geräte für eine solche Mission. Mit dem Space Shuttle konnte man nicht mal zum Mond fliegen.

nordbuzz: Ist eine Mars-Mission denn wissenschaftlich erforderlich?

Walter: Bei der Reise zum Mars geht es um zweierlei. Einerseits natürlich dieses Eroberungs-Ding: Wir wollen die ersten Menschen auf dem Mars sein! Die Wissenschaft interessiert aber etwas anderes. Wir wissen, dass vor dreieinhalb Milliarden Jahren der Mars viel Wasser hatte und angenehme Temperaturen bot, so um die 20 Grad. Die Voraussetzungen, dass sich dort Leben hätte entwickeln können, waren genauso gut wie auf der Erde. Ob sich welches entwickelte, kann man nur untersuchen, wenn man dort war. Dafür müssen Experimente gemacht werden, die man nur vor Ort mit Mikroskopen durchführen kann. Ein Biologe müsste nach Spuren von ganz primitiven Bakterien oder Einzellern suchen. Bei der Mars-Reise geht es letztlich darum, ob wir alleine im Universum sind. Wenn wir dort Spuren finden, ist die Wahrscheinlichkeit relativ hoch, dass es auch anderswo im Universum Leben gibt.

nordbuzz: Geht der Laie heute nicht ohnehin davon aus, dass es außerirdisches Leben gibt? Wir wissen ja um die unendlichen Weiten des Weltalls ...

Walter: Sie führen hier das so genannte populärwissenschaftliche Argument an. Viele Menschen sehen das so, es ist aber nicht unbedingt triftig. Die Wahrscheinlichkeit, dass Leben entsteht, hängt nicht nur davon ab, wie viele andere Planeten es gibt, sondern auch, wie wahrscheinlich es ist, dass aus anorganischer Materie, wie Erde, Leben entsteht. Da sagen Evolutionsbiologen, dass diese Wahrscheinlichkeit faktisch sehr nah bei null liegt. Wenn dem so ist, kann es sehr gut sein, dass wir in unserer Milchstraße die einzige Zivilisation sind. Obwohl es bei uns dann doch zufälligerweise funktioniert hat.

nordbuzz: Wenn Sie in Ihren Forscherleben noch eine Frage beantwortet bekommen würden, welche wäre das?

Walter: Es wäre genau diese Frage. Gibt es da draußen in unserer Milchstraße andere Zivilisationen? Das ist doch die Grundfrage des Menschen.

nordbuzz: Sie sind Christ. Hat die Weltraum-Mission Ihr religiöses Denken in irgendeiner Weise verändert?

Walter: Nein. Meine Religiosität hat sich dadurch nicht verändert. Es ist aber so, dass man durch das Erlebnis Weltraum philosophisch sehr viel mehr nachdenkt. Ich gehe heute stärker den Grundfragen nach. Was ist der Sinn des Menschen im Universum? Warum gibt es uns und viel mehr nicht?

nordbuzz: Sie waren nur einmal im All. Macht der Weltraum nicht süchtig?

Walter: Doch, schon. Diesen Suchtfaktor kennt jeder, der mal im Weltraum war. Es gibt aber noch einen anderen Suchteffekt. Wenn ich fliege und die Welt mit anderen Augen sehe, möchte ich wissenschaftliche und philosophische Konsequenzen daraus ziehen. Den zweiten Suchtfaktor kann ich besser auf der Erde befriedigen, indem ich darüber forsche und schreibe. Um den ersten Suchtfaktor zu befriedigen, müsste ich zur Merkel gehen und fragen: „Haben Sie nicht eine Mission für mich?“ Das wäre allerdings überflüssig, denn ich bin kein ESA-Astronaut, und die Deutschen investieren derzeit nur in diese Richtung. Deshalb werde ich keine Chance mehr auf den Weltraum haben.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren