„Terror“-Theater-Rolle im TV

Florian David Fitz im Interview: „Eine Meinung muss man sich erarbeiten wollen und können“

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Ein perfides, aber keineswegs abwegiges Gedankenspiel: Muss dieser Bundeswehr-Offizier (Florian David Fitz) wegen 164-fachem Mord verurteilt werden, obwohl er durch seine Tat wahrscheinlich 70.000 Menschen rettete?

Ein Kampfpilot hat 164 Menschen getötet, um 70.000 zu retten. Florian David Fitz' Rolle in Ferdinand von Schirachs Theaterstück „Terror“, das nun verfilmt wurde, ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich.

Florian David Fitz steht vor Gericht. Als Kampfpilot der Bundeswehr, so wollte es das dem Film „Terror - Ihr Urteil“ zugrunde liegende Theaterstück Ferdinand von Schirachs, hat er eine Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen abgeschossen, die ein Terrorist auf das mit 70.000 Menschen besetzte Münchener Stadion lenkte. Geschickt spielte „Terror“ mit den Überzeugungen der Zuschauer, die sich durch auftretende Zeugen, die Verteidigung des Angeklagten und seines Anwaltes sowie einer Staatsanwältin immer wieder verändern. Dass ausgerechnet Autor und Schauspiel-Darling Fitz („Vincent will Meer“) jenen Angeklagten spielte, der sich in einem kaum aufzulösenden moralischen Dilemma befindet, verlieh dem klugen Stück Fernsehen eine besonders perfide Note. Der Clou aber ist: Im Anschluss an die virtuelle Gerichtsverhandlung mussten die Zuschauer über „schuldig“ oder „unschuldig“ entscheiden - um eines von zwei möglichen Enden des Films sehen zu können. Danach wurde der Fall in Frank Plasbergs „Hart aber fair“ weiter diskutiert. Das Urteil der Zuschauer war letztendlich deutlich: 80 Prozent entschieden sich für „unschuldig“ und das entsprechende Filmende wurde ausgestrahlt. Das alternative Ende wurde aber trotzdem im Internet veröffentlicht. Wie Terror-Hauptdarsteller Florian David Fitz selbst entschieden hätte erfahrt Ihr im Interview.

nordbuzz: Viele Menschen, die „Terror“ sehen, ändern im Verlauf des Stücks mehrmals ihre Meinung zwischen „schuldig“ und „nicht schuldig“. Wie ging es Ihnen?

Florian David Fitz: Genauso. Auch ich änderte beim ersten Lesen des Buches mehrfach mein Urteil. Noch krasser finde ich allerdings, dass es mir nach langer und intensiver Beschäftigung mit dem Stoff jetzt wieder so geht. Es ist ein Dilemma, das sich nicht auflösen lässt. Weil es keine gute Lösung gibt.

nordbuzz: Wir leben in einer Zeit, in der man dazu aufgerufen ist, zu allem immer ganz schnell eine Meinung zu haben, zum Beispiel in den sozialen Medien ...

Fitz: Und das halte ich für sehr problematisch. Eine der großen Leistungen Ferdinand von Schirachs ist es, dass einem „Terror“ die Komplexität moralischer Entscheidungen drastisch vor Augen führt. Das Stück arbeitet jedoch auch mit der Meinungsfreudigkeit des Menschen. Weil man ganz schnell glaubt, eine Einstellung zum Fall zu haben, zieht einen das Geschehen auch in den Bann. Das Spannende ist, wenn man den Argumenten des Angeklagten, der Staatsanwältin, des Verteidigers folgt, dass man immer wieder stark verunsichert ist.

„Komplexität von Entscheidungen anerkennen“

nordbuzz: Und was lernen wir daraus?

Fitz: Schön wäre, wenn man die Komplexität solcher Entscheidungen anerkennt. Wenn man Respekt für die Menschen in unserem Rechtssystem aufbringt, die sich viele kluge Gedanken machen, um die richtigen Entscheidungen zu finden. Das andere ist, dass wir mit Unwägbarkeiten und auch Ungerechtigkeiten leben lernen müssen, auch was unsere Verfassung betrifft. Weil es das perfekte Urteil eben nicht gibt.

nordbuzz: Zu welcher Entscheidung in diesem Fall tendieren Sie selbst?

Fitz: Ich habe tatsächlich ein Problem damit, dass man den Wert von Leben nicht multiplizieren kann. Dass 164 Leben genauso viel wert sein sollen wie 70.000 Leben. Natürlich ist beides eine Katastrophe. Aber im Ausmaß des Leids, das beide Katastrophen nach sich ziehen, gibt es schon einen gewaltigen Unterschied.

nordbuzz: Sie würden also für „unschuldig“ stimmen?

Fitz: Nein, ich wäre für „schuldig“. Weil der Pilot auf jeden Fall gegen das Gesetz verstoßen hat. Dass ich das moralische Problem nicht lösen kann, ist jedoch eine andere Sache. Würde man sich auf die Meinung zurückziehen, dass die Anzahl getöteter Menschen nicht in Beziehung gesetzt werden darf, gäbe es keinen Unterschied zwischen Genozid und einzelnem Mord. Aber natürlich gibt es da einen Unterschied.

nordbuzz: Warum regt uns „Terror“ so auf? Die Leute streiten sich regelrecht ...

Fitz: Ich glaube, das ist so, weil wir einen Fall diskutieren, in dem der Rechtsstaat, unsere Bundesrepublik Deutschland, bewusst ihre Bürger tötet. Wäre man im Krieg und der Staat respektive seine Soldaten brächten Menschen in anderen Ländern um, wäre das Ganze moralisch legitimiert. Wir würden uns keineswegs so echauffieren, worüber man natürlich auch mal nachdenken kann.

„Eine Meinung muss man sich auch erarbeiten wollen und können“

nordbuzz: Es gibt also keine Lösung - und das ist die Botschaft des Stückes?

Fitz: Die entscheidende Botschaft ist, dass man sich wieder in Debatten begeben, sich Argumente anhören und darüber diskutieren sollte. Das ist es, was von Schirach will. Natürlich glaubt heute jeder zu allem eine Meinung zu haben. Aber alles soll ohne intellektuelle Kraftanstrengung passieren und das ist der Irrtum (lacht). Eine Meinung muss man sich auch erarbeiten wollen und können.

nordbuzz: Wo sind die emotionalen Knackpunkte des Stückes? An welchen Stellen packt uns „Terror“ so an, dass wir unsere Meinung ändern?

Fitz: Es packt uns emotional - wenn man zum Beispiel die Hinterbliebene eines Opfers sieht. Aber auch, wenn man merkt, dass der Angeklagte das alles nicht aus bösem Willen getan hat. Dass er im Prinzip sein Leben im Sinne der Gemeinschaft opferte - denn er wird danach nicht mehr glücklich leben können, egal wie das Urteil ausfällt. Auch die Rede der Staatsanwältin ist genial. Zum Beispiel wenn man merkt, wie schnell sich das eigene Verhalten ändern würde, wenn man nur kleine Bausteine dieser perfiden Versuchsanordnung ändern würde. „Terror“ ist ein perfides Spiel mit der eigenen Moral.

nordbuzz: Muss man als Schauspieler in dieser Versuchsanordnung anders agieren als in einem normalen Film? Damit man das Urteil des Zuschauers durch die eigene Emotionalität, die man da reinlegt, nicht beeinflusst?

Fitz: Das sind eher filmtechnische Überlegungen. Wir wussten, das Ganze ist ein Theaterstück. Aber es sollte, bei allem Respekt für die Vorlage, nicht wie ein abgefilmtes Theaterstück wirken. Auch nicht wie Gerichtsfernsehen. Trotzdem war es für uns Schauspieler schon ein besonderes Drehen. Allein schon, weil die Takes sehr viel länger waren. Normalerweise sind Takes, also einzelne Aufnahmen, nie länger als zwei, drei Minuten. Hier haben wir teilweise eine Viertelstunde am Stück durchgespielt.

nordbuzz: Aber versucht man auch, den Angeklagten beispielsweise „neutraler“ zu spielen, damit der TV-Zuschauer nicht in seinem Urteil beeinflusst wird?

Fitz: Vorsicht! Neutralität gibt es beim Schauspiel nicht. Das würde auch Regisseur Lars Kraume nie behaupten, dass wir neutral sind. Es wäre allerdings dumm zu denken, dass man den Zuschauer in die eine oder andere Richtung drängen könnte. Von Schirach selbst hat eine klare Haltung dazu, was in diesem Stück die richtige und die falsche Entscheidung wäre. Dennoch macht er die Argumente der anderen Seite so stark, dass es dem Publikum schwer fällt, ihnen nicht zu folgen. Das heißt, ihn interessiert viel mehr, die Leute zu verunsichern oder anzuregen, als ein Ergebnis zu erzielen.

„Es war wichtig, die Szenen in unterschiedlichen Temperaturen zu spielen“

nordbuzz: Wie haben Sie schauspielerisch also konkret gearbeitet?

Fitz: Ich kann sagen, dass es Lars Kraume wichtig war, die Szenen in unterschiedlichen Temperaturen zu spielen. Wenn man einen kühleren Take gemacht hatte, nahmen wir danach noch mal eine Version auf, die emotionaler und angefasster daherkam. Durch die Auswahl der Takes, die er am Ende nahm, steuerte er das natürlich. Wenn der Angeklagte zu kühl wäre, könnte das Urteil der Zuschauer schneller zugunsten seiner Verurteilung kippen. Ich glaube, Lars Kraumes Bestreben war einfach, das Rad am Laufen zu halten. Also durch Spiel und Inszenierung maximalen emotionalen Zwiespalt zu erzeugen. Einen Zwiespalt, den der Text ja schon brillant vorgibt.

nordbuzz: Was ist die besondere Qualität dieser von Schirach-Stoffe, die ja unglaublich viele Menschen begeistern? Ist es seine Fähigkeit, Menschen zu verunsichern?

Fitz: Zum einen verfügt von Schirach aus seiner reichen Erfahrung als Strafverteidiger über einen großen Schatz menschlicher Abgründe. Dennoch ist es stark, wie er es schafft, daraus Geschichten zu stricken, die uns in der Tat maximal verunsichern. Ich glaube auch, es geht ihm darum zu erzählen, wie schnell sich Gewissheiten auflösen können. Wie leicht man aus der Mitte eines scheinbar gefestigten Lebens herausgewürfelt werden kann. Wenn er das anhand der Fälle so folgerichtig und schlicht beschreibt, sieht man, wie leicht einem das alles selbst passieren könnte. Genau darin liegt vermutlich der Grund für den großen Erfolg seiner Bücher.

tsch

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