Claus Kleber

Ein Fieber namens Fortschritt

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Claus Kleber bereiste das Epizentrum menschlichen Erfindungsreichtums, das Silicon Valley. Was er mitbringt, fasziniert - und erschreckt.

Fünf Wochen bereiste der „heute-journal“-Anchorman das Silicon Valley und begegnete den wohl hellsten Köpfen der Welt. Dort, an der amerikanischen Westküste, wird gerade unsere Zukunft neu erfunden. Und sie kommt schneller, als sich viele vorstellen können.

Claus Kleber ist nicht nur begabter Anchorman des „heute-journals“, sondern auch ein kluger Journalist, den die Zukunft der Menschheit brennend interessiert. Nirgendwo auf der Welt wird an ihr intensiver geschraubt als im Silicon Valley vor den Toren San Franciscos. Für seinen faszinierenden Film „Schöne neue Welt“ (Sonntag, 19.06., 23.30 Uhr, ZDF) bereiste der 60-Jährige fünf Wochen lang das Epizentrum technischer Kreativität. Wer jedoch glaubt, dass hier nur an Maschinen und klassischer „Technik“ gewerkelt wird, irrt. Immer mehr und mit immer höherem Tempo verschmelzen Mensch und Maschine zu einer Forschungseinheit - was durchaus erschreckend ist.

nordbuzz: Herr Kleber, Sie haben vor acht Jahren schon einmal einen Film über das Silicon Valley gedreht. Wie haben sich die Zukunftsvisionen seitdem verändert?

Claus Kleber: Der Film hieß „Amerikas andere Seite“ und sollte damals, im Wahljahr 2008, einen Kontrapunkt zu George W. Bush in unserem Bild von Amerika setzen. Im Silicon Valley suchten wir nicht nur nach neuster Computertechnik, sondern auch nach gesellschaftlichen Visionen: neue Formen des Zusammenlebens, grüne Technologie, Liberalität. Es sollte eigentlich der Beginn einer Reise an der Westküste sein. Weil es aber im Valley so spannend war, blieben wir gleich da.

nordbuzz: An welchen Technologien wurde damals dort geschraubt?

Kleber: Am ersten Tag waren wir auf einer TED Conference, wo interdisziplinär neue Ideen und Technologien ausgetauscht werden. Da saß ich in einem kleinen Raum mit wichtigen Menschen wie Eric Schmidt, damals Chef von Google und nebenbei im Aufsichtsrat von Apple. Der zog dann ein Teil aus der Tasche und meinte, in ein paar Tagen stellen wir dieses neue Telefon vor. Es war das erste iPhone, damals heiß erwartet und noch geheim.

nordbuzz: Diese Anekdote zeigt, wie schnell sich die Welt mittlerweile verändert. Dachte man damals im Valley schon an die Themen von heute?

Kleber: Vielleicht. Bei dieser Konferenz damals ging es immer wieder um Bezahlsysteme: Pay per click, Pay per view und so weiter. Ich verstand nur Bahnhof. Es war der Anfang von Social Media damals. Das Internet in der Hand eines jeden Menschen - was es vorher noch nicht gab. Das hat wirklich erst vor acht Jahren als Massenphänomen begonnen.

nordbuzz: Der neue Film erzählt nun viel von „Life Sciences“ - also Technologien, in denen Mensch und Technik miteinander verschmelzen. Ist dies das heißeste Thema im Silicon Valley derzeit?

Kleber: Ja. Und das hatten wir nicht unbedingt erwartet. Ganz viel Geld und Energie fließt derzeit in diese Richtung: Virtual Reality, Gentechnik - die Grenze zwischen Mensch und Maschine wird derzeit aufgehoben. Alles erscheint möglich. Der Mensch wird vom Beobachter der Natur zum Schöpfer. Gencodes sind mittlerweile so leicht umzuschreiben wie ein Word-Dokument. Die Forscherin, die das erfunden hat und mit der wir sprachen, wird sicher den Nobelpreis dafür erhalten.

nordbuzz: Und ihre Technik wird schon angewendet?

Kleber: In China züchtet man nach dieser Methode bereits neue Nutztiere. Die Technik ist ausgereift. Was man noch nicht weiß, ist, auf welchem exakten Gen welche Eigenschaft der - sagen wir mal Kuh - sitzt. Aber das wird man in kurzer Zeit herausgefunden haben. Es ist nur noch eine Frage der Rechenleistung und die nimmt ja nach wie vor rasant zu.

nordbuzz: Gibt es noch eine Art politische Kontrolle solcher Prozesse?

Kleber: Ich sehe nirgendwo auch nur einen Ansatz. Im Valley spottet man darüber, wie sehr die amerikanische Politik der Forschung geholfen hat - indem sie einfach immer viel zu langsam ist, um irgendetwas zu erkennen, geschweige denn aufzuhalten. Wenn überhaupt, funktioniert noch ein bisschen Kontrolle über das Wettbewerbsrecht. Indem die Politik sagt: Stopp, hier müsst ihr eure Konkurrenten auch mit ihrer alternativen Technik auf den Markt lassen!

nordbuzz: Täuscht der Eindruck oder wird das Tempo technischer Innovationen immer schneller?

Kleber: Nein, das ist definitiv so. Nehmen Sie Sebastian Thrun, den wir ausführlich im Film haben. Er ist ein Universalgenie, der das Entwicklungslabor von Google gegründet hat: Mittlerweile hat er seine eigene Firma. Er erfand für Google das selbstfahrende Auto, in den nächsten Jahren wird es immer mehr den Markt erobern. Mittlerweile ist das für ihn schon Schnee von gestern. Er ist jetzt am fliegenden Auto dran. Nebenbei erfindet er ein interaktives, komplett vernetztes Lernsystem, das Universitäten ersetzen kann. Und er stellt eine App vor, mit der man die Haut selbst scannen kann im Sinne einer Hautkrebs-Untersuchung. Und das ist nur einer der einflussreichen Denker dort.

nordbuzz: Wie wird das, was Sie sahen, die Gesellschaft verändern?

Kleber: Diese Entwicklung wird Menschen zurücklassen, die niemals gedacht hätten, dass ihr Leben so massiv vom technischen Fortschritt betroffen sein könnte: Banker, Diagnose-Ärzte, Makler, Rechtsanwälte, Steuerberater, Professoren und auch Journalisten. Leute, die auf Universitäten gegangen sind und hohe Erwartungen an ihr Leben hatten. Ich sage nicht, dass die alle in naher Zukunft arbeitslos sind. Aber sie werden andere Aufgaben übernehmen müssen oder Zeit haben für vielleicht wichtigere Arbeit (lacht) - je nachdem, wie man es sieht. Wir wissen nicht, was in naher Zukunft alles passieren wird. Wir wissen nur, dass es ziemlich massiv sein wird.

nordbuzz: Warum ist es so schwer, die Zukunft vorherzusehen, wenn man doch weiß, an welchen Dingen geforscht wird?

Kleber: Wir spekulieren ja gerade darüber - und es wird auch grob in diese Richtung gehen. Dass bei diesen Entwicklungen plötzlich Dinge wichtig werden, die keiner auf dem Schirm hatte, gehört allerdings dazu. Schauen Sie, wir wussten vor zehn Jahren noch nicht mal, wie massiv das Mobiltelefon unser Leben verändern würde. Wie sollen wir dann heute wissen, was die Künstliche Intelligenz mit uns macht?

nordbuzz: Es wird auf jeden Fall weniger Arbeit geben ...

Kleber: Es wird deutlich weniger Routine-Arbeit geben. Dazu gehören auch Tätigkeiten wie die des Richters, der Arbeitsgerichtsprozesse oder Asylanträge entscheidet. Alles, was sich repetitiv machen lässt - und sei es noch so anspruchsvoll - wird als menschliche Tätigkeit mehr und mehr verschwinden. Alles, was einen Mittelsmann erfordert, wird ebenso verschwinden. Auch Produktion durch Menschenhand wird es kaum noch geben. Diese Arbeit wird von 3D-Druckern übernommen. Momentan ist der größte 3D-Drucker der Welt noch ein Land namens China. Die Designs der ganzen Erde werden dort von Menschenhand zusammengeschraubt. Auch das wird man bald nicht mehr brauchen.

nordbuzz: Welche Art menschlicher Arbeit ist also in Zukunft überhaupt noch zu gebrauchen?

Kleber: Alles, was mit Intuition, Gefühl, Zuwendung, Sympathie oder Kreativität zu tun hat. Kreativität im Sinne von etwas völlig Neuem - nach dem niemand fragen konnte. Kunst, Theater - diese Dinge haben immer noch eine große Zukunft. Manche Experten sagen, am bedingungslosen Grundeinkommen für die Menschen führt bald kein Weg mehr vorbei. Und die können sich dann mit solch schönen Dingen wie den eben erwähnten beschäftigen. Derlei Visionen werden dir im Silicon Valley verkauft. Aber die wissen auch nicht genau, ob es so kommt. Vielleicht wird ja auch alles ganz schrecklich ...

nordbuzz: Ist das Leben der Menschen im Valley denn moderner oder virtueller als das von uns Normalos? Kann man an deren Realität unsere Zukunft ablesen?

Kleber: Was ich bei unseren Recherchen und Drehreisen, das waren insgesamt anderthalb Monate, faszinierend fand, war, dass dort fast alles über persönliche Kontakte läuft. Es gibt eine Straße, da sitzen die Investoren in Ideen. Dort muss man sich direkt vorstellen, wenn man Geld haben will. Anderswo ist es nicht anders im Valley. Wir haben zig E-Mails geschrieben, auf die keine Antwort kam. Wir haben Skype-Konferenzen vorgeschlagen. Alles Kokolores, niemand antwortet! Man muss hingehen und mit den dort Leuten sprechen.

nordbuzz: Was treibt die hellen Köpfe im Valley an?

Kleber: Es geht, glaube ich, tatsächlich um diese Idee: Make the world a better place! Den Gedanken, Dinge besser zu machen. Egal, welche weiteren Folgen das dann vielleicht hat. Natürlich wird im Valley auch sehr viel Geld verdient, aber man zeigt das nicht unbedingt über Statussymbole. Viele Multimillionäre oder Milliardäre sitzen in alten Jeans und Kapuzen-Pullovern in Cafés herum und besprechen über den Laptop gebeugt Dinge mit irgendwelchen Nobodys, die eine Idee haben. Überall herrscht diese Atmosphäre der Jugendlichkeit und Lockerheit. Fast alle sehen wie Studenten aus, die ein bisschen in die Jahre gekommen sind. Natürlich ist das auch ein bisschen albern. Andererseits - wenn alle bei diesem Spiel mitmachen, fällt es nicht mehr auf.

nordbuzz: Was ist also das höchste Gut im Valley?

Kleber: Dass man im Wettbewerb der Ideen mithalten kann. Die Macher und Kreativen dort verdienen alle sehr gut. Ob ein Mark Zuckerberg nun 350 oder 450 Milliarden Dollar verdient hat, spielt doch keine Rolle mehr. In der Achtung steht derjenige ganz weit oben, dem niemals der kreative Saft ausgeht. Gott ist, wer das scheinbar Unmögliche versucht.

tsch

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