Guido Knopp gräbt für Phoenix in der RAF-Historie und macht sich im Interview Gedanken über die Verantwortung von Medien und Geschichts-TV

Fernsehen in Zeiten des Terrors

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Guido Knopp kam 1978 im Alter von 30 Jahren zum ZDF, wo er später als Leiter der Redaktion Zeitgeschichte vor allem mit seinen "Weltkriegs-Dokus" Fernsehgeschichte schrieb. 2013 ging Knopp in Pension - es ist ein Unruhestand, bei Phoenix ist er nach wie vor recht umtriebig.

War der linke Terror weniger schlimm als das, was wir heute erleben? Natürlich nicht. "Mord ist Mord", antwortet TV-Historiker Guido Knopp scharf auf die Frage, ob sich Terrorismus nach unterschiedlichen ethischen Gesichtspunkten bewerten lasse.

Er ist wieder da. Aber eigentlich war Guido Knopp (68) gar nicht weg. Seit er sich 2013 in den Ruhestand verabschiedete, tritt der ehemalige Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte nur nicht mehr als der omnipräsente "Geschichtslehrer der Nation" in Erscheinung, als der er sich vor allem mit großen Dokureihen über die NS-Zeit wie "Hitlers Helfer" oder "Die SS - Eine Warnung an die Geschichte" in der kollektiven Wahrnehmung manifestiert hat. Beim Spartensender Phoenix ist Deutschlands bekanntester TV-Historiker nach wie vor auch vor der Kamera aktiv, unter anderem als Gastgeber des Geschichts-Talks "History Live". Jetzt begibt er sich für den Doku- und Ereigniskanal auf Spurensuche zum RAF-Terror. Im mehrmonatigen Programmschwerpunkt "Rätsel RAF-Terror" rollt Phoenix ab 8. Mai, also 40 Jahre nach dem Selbstmord von RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof im Mai 1976, die Ereignisse und Akten noch einmal auf. Guido Knopp spricht vorab über den Terrorismus von damals und heute sowie über sein großes Thema, das aktueller denn je erscheint: die Verantwortung des Geschichtsfernsehens.

teleschau: Vor drei Jahren wurden Sie vom ZDF und vom deutschen Feuilleton wortreich in die Rente verabschiedet. Aber wer das Phoenix-Programm verfolgt, weiß: Sie befinden sich im Unruhestand ...

Guido Knopp: (lacht) Das ist wahr. Aber meine Rente, die kriege ich natürlich. Ich habe nur nie gesagt, dass ich mich mit 65 nach Florida zurückziehe und gar nichts mehr tue. Das soll man auch nicht, da wird man ja krank.

teleschau: Finden Sie?

Knopp: Durchaus. Man soll tätig bleiben, so lange man gesund ist - und umgekehrt. Mens sana in corpore sano - daran halte ich mich. Mein Historikerkollege Sebastian Haffner gab mit 92 Jahren noch geistreiche Interviews. Ihn nehme ich mir gerne zum Vorbild, ich habe also noch einiges vor mir.

teleschau: Ab Sonntag, 8. Mai, geht es bei Phoenix in einem Programmschwerpunkt um den RAF-Terror. Ist das Thema vier Jahrzehnte nach dem sogenannten Deutschen Herbst denn noch spannend?

Knopp: Oh ja, denn die grundsätzliche Frage, die mich bei dem Projekt beschäftigt, ist heute noch so aktuell ist wie Ende der 60er-Jahre, als es mit der RAF losging: Wie konnten die jungen Leute aus dem legitimen, politisch motivierten Protest in die Illegalität und in den Terrorismus abrutschen? Was ging in ihnen vor? Wie haben sie den Schritt von der Demo zur Gewalt erst gegen Sachen und schließlich gegen ihre Mitmenschen für sich begründet? Was machte sie zu Mördern? Bei meiner Spurensuche stelle ich auch die Frage, wie ehemalige Terroristen heute als ältere Menschen mit ihrer Schuld umgehen und wie sie auf jene Jahre zurückblicken. Für mich ist das der interessanteste Punkt.

teleschau: Weshalb?

Knopp: Weil es diese Art der Aufarbeitung bislang nicht oder nur in geringem Umfang gab. Viele RAF-Leute befinden sich nach ihrer Haftentlassung in einem Schweigekartell, sie verraten nichts über ihre Taten und Mittäter. Andere leben mitten unter uns im Untergrund: RAF-Terroristen der sogenannten dritten Generation, die namentlich nicht bekannt sind, die nicht erfasst oder greifbar sind. Diejenigen, die sich bislang öffneten, beließen es in der Regel dabei, sich von der Gewalt im Nachhinein zu distanzieren, aber sie wichen kein Stück von ihrem ideologischen Hintergrund ab. Tatsache ist: Wir wissen immer noch nicht, wer 1989 Alfred Herrhausen oder 1991 Detlev Rohwedder ermordet hat. Das macht dieses Thema höchst virulent - auch wenn man heute mit Terror natürlich die NSU-Morde und die zügellose IS-Gewalt assoziiert.

teleschau: Würden Sie sagen, es gibt eine unterschiedliche Ethik des Terrors?

Knopp: Nein, Mord ist Mord. Ein Mörder - und nichts anderes - ist auch derjenige, der mordet, weil er aus vermeintlich hehren Motiven eine bessere Welt erschaffen will. Da gibt es nichts zu differenzieren.

teleschau: Jahrzehntelang war der Terrorbegriff geprägt von einem politisch motivierten, extrem links stehenden Täterbild. Hat uns die Jagd nach den überall im Land plakatierten Gesichtern der RAF- und Baader-Meinhof-Terroristen zu lange den Blick für andere Auswüchse verstellt?

Knopp: Das mag so sein. Aber die jahrzehntelange Wahrnehmung hatte ihre faktische Grundlage: Terrorismus in Deutschland war bis über die 80er-Jahre hinaus eben Links-Terrorismus. Ob sich die Wahrnehmung jetzt nachhaltig ändert, ist noch nicht erwiesen. Niemand weiß derzeit, ob die neue Gewalt von rechts in ihrer Struktur mit dem RAF-Terror vergleichbar ist. Die Ermittlungen werden zeigen, was es etwa mit einer "Aktion Freital" wirklich auf sich hat. Die weitere Entwicklung hängt vor allem von der Großwetterlage ab.

teleschau: Diese steht auch hierzulande unter zunehmendem Einfluss von rechts. Wo sind heute eigentlich die Guido Knopps, die ein Millionenpublikum mit Dokus im Hauptprogramm an die Gefahren gemahnen und die Geschichten aus dem sogenannten Dritten Reich erzählen?

Knopp: Ich bin noch da - schauen Sie Phoenix (lacht). Dort gibt es regelmäßig meinen Talk "History Live" und einmal jährlich immerhin die "Zeitreise"-Reportagen, in denen ich mich - nach dem Ersten Weltkrieg 2014 und dem Zweiten Weltkrieg 2015 - nun eben der RAF zuwende. Außerdem berate ich die Berliner Fernsehproduktionsfirma AVE, die sich mit geschichtlichen Beiträgen hervortut - wie zuletzt die Dokudramen "Das Tagebuch der Anne Frank" und "Letzte Ausfahrt Gera - Acht Stunden mit Beate Zschäpe". Aber zur Frage: Es gibt allgemein noch eine Menge zeitgeschichtliches Fernsehen, denke ich.

teleschau: Zwei Trends fallen dabei jedoch auf: Die Sender setzen bei zeitgeschichtlichen Themen verstärkt auf Fiktionales, und die realen Ereignisse werden immer aktueller aufgerollt. Hoben ARD und ZDF ihre Beiträge über Beate Zschäpe und den NSU nicht viel zu früh ins Programm?

Knopp: Ich finde nicht. So etwas ist immer eine Gratwanderung. Aber die Filme waren für mein Befinden sauber recherchiert und beruhten auf gesicherten Grundlagen: Gerichtsakten und Protokollen. Wenn man so arbeitet, dann ist es legitim, sehr schnell zu sein. Und den Trend zum Fiktionalen kann ich nun schlecht beklagen - ich hatte in meiner Zeit als Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte auch immer wieder szenische Dokumentationen und Dokudramen vorgelegt, und, erinnern Sie sich, ich wurde schon damals dafür von Kritikern scharf angegangen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es in Ordnung ist, szenische Bilder dort zu kreieren, wo keine Originalbilder vorhanden sind - aber nur auf dem Boden der handwerklich sauberen dokumentarischen Zeitgeschichte. Die Verantwortung der Fernsehmacher wird nicht kleiner.

teleschau: Würden Sie sich trotzdem mehr Aufklärung im TV wünschen? - Auf den prominenten Dokusendeplätzen von ARD und ZDF rangieren doch inzwischen die Service- und Verbraucherthemen deutlich vor der Zeitgeschichte.

Knopp: Das mag sein, aber die Aufklärung erfolgt im Fernsehen nach wie vor in vielfältiger Form. Mein Nachfolger beim ZDF, Stefan Brauburger, etwa leistet mit seinen "History"-Beiträgen am späten Sonntagabend oder den "ZDFzeit"-Themen am Dienstag eine Menge. Die Frage ist nur, wie die zeitgeschichtliche Aufklärung rezipiert wird und wo sie das Zielpublikum erreicht - und das ist das größere Problem als die Frage der Quantität: Das Fernsehverhalten hat sich in den vergangenen Jahren nochmals stark verändert. Jedes spezielle Interesse wird befriedigt, es gibt unendliche Wahlmöglichkeiten, die sich nicht mehr nur auf das lineare und frei empfangbare Fernsehen beschränken.

teleschau: Sind die Folgen auf Dauer nicht fatal, wenn sich jeder nur noch exakt die politischen und zeitgeschichtlichen Hintergründe aus dem Netz zieht, die seinen persönlichen Interessen und seinen Ansichten entsprechen?

Knopp: Sehr richtig. Diese selektive Wahrnehmung von Politik und Zeitgeschichte könnte uns als Gesellschaft Probleme bereiten.

teleschau: Was kann man tun?

Knopp: Das ist die Frage, die sich eher Politiker stellen sollten. Wir Fernsehleute können gar nichts anderes tun, als dem Problem mit sauberer, historischer Aufklärung zu begegnen - und natürlich mit dem Bemühen um größtmögliche Reichweite. Also müssen wir Filme machen, die für die besten Sendeplätze geeignet sind. Das geht nur, wenn sie beides sind: bestens recherchiert und gleichzeitig so spannend und unterhaltsam gemacht, dass sie die breite Masse ansprechen. Auch die Präsentation und Bewerbung dieser Programme wird zunehmend mitentscheidend. Sie müssen an die Zuschauerinnen und Zuschauer, auch die jüngeren, gebracht werden - die Verantwortung hört definitiv nicht bei der Sendung auf. Auch deshalb gebe ich solche Interviews.

teleschau: Sie sind ein großer Fußballfan. Wie erlebten Sie den Fernsehabend der Anschläge in Paris vom 13. November 2015.

Knopp: Ich hatte am Abend außer Haus zu tun und schaltete daher erst sehr spät in die Fußball-Übertragung im Ersten rein. Da war schon klar, dass etwas passiert war. Ich war geschockt - wie jeder andere auch. Die Reporter mussten im Anschluss ja viel Kritik einstecken, doch sie haben in einer überaus diffusen Lage den Switch vom Geschehen im Stadion zu den furchtbaren Anschlägen jener Nacht meiner Meinung nach vorzüglich und angemessen vollzogen. Ein Millionenpublikum wurde seriös und schnell informiert - das genau ist die wichtige integrative Funktion des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Dem Schrecken und der großen Verwirrung wurde Aufklärung entgegengesetzt. Das Fernsehen machte seinen Job gut - genau wie am 11. September 2001.

teleschau: Mit welchem Gefühl denken Sie an die kommende Europameisterschaft in Frankreich?

Knopp: Mir wird richtig mulmig, und ehrlich gesagt wäre mir viel wohler, wenn die EM schon vorbei wäre und wir sagen könnten, dass alles gut gegangen ist. Klar ist, dass wir uns auf Sicherheitsmaßnahmen gefasst machen müssen, die man sonst nur von Flughäfen kennt. Und ich sage: Wir werden uns an derartige Risiken gewöhnen müssen, und trotzdem darf man Optimist sein - so wie ich. Nur hat mein Optimismus nichts mit Blauäugigkeit zu tun, sondern mit Verantwortung.

(Der Phoenix-Themenschwerpunkt "Rätsel RAF-Terror" startet am Sonntag, 8. Mai, und zieht sich über das gesamte weitere Jahr hin. Zum Auftakt diskutiert Guido Knopp in seiner "History Live"-Sendung ab 13 Uhr mit den Terrorismus-Forschern Gisela Diewald-Kerkmann, Wolfgang Kraushaar und dem ehemaligen ZDF-Journalisten Bernhard Töpper, der für das ZDF als Gerichtsreporter die RAF-Prozesse in Stuttgart-Stammheim verfolgte. Am Abend sendet Phoenix den zweiteiligen Spielfilm "Der Baader Meinhof Komplex" von 2008).

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