Joachim Król

Was fehlt, ist Solidarität

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"Das Machtgleichgewicht zwischen Industrie und Staat hat sich seit der Globalisierung stark in Richtung Industrie verschoben. Und: Wir haben uns alle an einen verdammt hohen Lebensstandard gewöhnt." Schauspieler Joachim Król glaubt, dass die Probleme der Welt unlösbar sind, sofern wir nicht deutlich von unserem Reichtum abgeben.

Der hervorragende ZDF-Film "Der Bankraub" greift die internationale Bankenkrise von 2008 auf. Schauspieler Joachim Król spielt einen Kleinanleger, der von einem perfiden System um sein Geld gebracht wird.

Ein gutes Jahr vor seinem 60. Geburtstag ist Joachim Król im Status eines Volksschauspielers angekommen. Auch ein saufender, menschenfeindlicher Frankfurter "Tatort"-Kommissar konnte daran nichts ändern. Trotz seiner schauspielerischen Brillanz nimmt man dem gebürtigen Herner allerdings am liebsten menschlich "aufrichtige" Rollen ab. Im sehr gelungenen ZDF-Drama "Der Bankraub" (Montag, 09.05., 20.15 Uhr) spielt Król einen Arbeiter kurz vor der Rente, der es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hat. Während sein Sohn in New York als Investmentbanker Karriere macht, will auch der Vater am Börsenboom teilhaben. Vom Bankberater und den eigenen Träumen lässt er sich zu einem riskanten Deal verführen. Niemals zuvor wurde die Bankenkrise von 2008 im deutschen Fernsehen besser in einen TV-Film übersetzt.

teleschau: Ihr Film sorgt wohl dafür, dass man nicht mehr zur Bank geht - sollte man Geld anzulegen haben. Wäre das ein Effekt, der Ihnen gefällt?

Joachim Król: Man sollte auf jeden Fall verinnerlichen, dass Banken Unternehmen sind, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Die Idee, dass die Bank einem sagt, was das Beste für einen wäre, ist reine Romantik. Ich finde es erstaunlich, dass in Werbespots, die eine Fürsorge der Bank suggerieren, immer noch viel Geld investiert wird. Einfach weil ich mir nicht vorstellen kann, dass so etwas noch jemand ernst nimmt.

teleschau: Offensichtlich gibt es ein Bedürfnis in uns, solchen Versprechungen zu glauben. Wir wünschen uns, dass es da jemand gibt, der uns an der Hand nimmt und sagt, wie wir unser Geld am besten schützen und vermehren können ?

Król: Ja (lacht), offenbar gibt es da eine Sehnsucht nach dem Guten, nach einer besseren Welt. Ich glaube tatsächlich, dass wir uns alle eine solche Welt wünschen. Eine, in der man den Menschen vertrauen kann. Wir wollen Vertrauen geben und entgegennehmen. Das fühlt sich für uns Menschen einfach gut und richtig an.

teleschau: Haben es Banken- und Versicherungsbranchen als Erste verstanden, dieses Grundbedürfnis des Menschen auszunutzen? Um sich deshalb besonders partnerschaftlich und seriös zu generieren?

Król: Das denke ich schon. Ein Bankberater hatte früher ja fast ein biederes Beamtenimage. Er war jemand, der Manieren hat, einen Anzug trägt und ein Fachmann in Geldangelegenheiten ist. Von ihm wurde einfach erwartet, dass er von Amts wegen den bestmöglichen Rat erteilt. Ich hingegen frage mich, wie Bankberater nachts ruhig schlafen können, wenn sie mit Risikoanlagen, Fahrlässigkeiten oder auch Fehlinformationen Menschen um ihr Geld bringen können. Es ist mir absolut schleierhaft, wie man diesen Job machen kann. Ich könnte es nicht.

teleschau: Die Szenen zwischen Ihnen als Kleinanleger und Godehard Giese als Bankberater gehören zu den Höhepunkten des Films. Stimmt es, dass Ihr Schauspielkollege ihnen gegenüber hinterher ein schlechtes Gewissen hatte? Obwohl es doch nur eine Rolle war ...

Król: Ich kannte Godehard Giese vorher gar nicht, wusste aber, dass unsere gemeinsamen Szenen die filmischen Schlüsselmomente sein würden. Also haben wir uns vorher getroffen, uns gut verstanden und eine persönliche Beziehung aufgebaut. Es stimmt, dass er mich hinterher noch einmal anrief. Er bedankte sich für die schöne gemeinsame Arbeit, gab aber auch zu, dass er nach dem Dreh sehr schlecht geschlafen habe. Einfach weil ihm die Sätze des Bankberaters nicht mehr aus dem Kopf gingen. Es hat schon etwas von Menschenfängerei, was die da machen.

teleschau: Die Bankenkrise von 2008 ist mittlerweile von anderen Krisen im Bewusstsein der Deutschen verdrängt worden: Griechenlandkrise, Flüchtlingskrise. Täuscht das oder wird derzeit jede Katastrophe von einer noch schlimmeren aus den Schlagzeilen gekegelt?

Król: Diese Krisen haben ja alle etwas miteinander zu tun. An Griechenland ist natürlich auch die neue Art internationaler Geldgeschäfte schuld. Wenn es dem Land etwas besser ginge, könnte es auch besser auf die Flüchtlingsströme reagieren.

teleschau: Die Politik schaffte es nach der Finanzkrise 2008 nicht, im Bankenwesen wirklich etwas zu verändern. Warum eigentlich nicht?

Król: Ich fürchte manchmal, dass das Knowhow in politischen Kreisen einfach nicht ausreicht. Ich denke, das helle Köpfe, die das System durchschauen, lieber selbst in diesem System arbeiten und sich die Taschen vollmachen, als zu sagen: "Okay, ich gehe jetzt raus in die Politik, schaue von außen drauf und versuche, Dingen zu verhindern." Aber so ist der gegenwärtige Zeitgeist.

teleschau: Natürlich hängt auch die Politik am Tropf dieser großen Geld-Beweger.

Król: Klar, das kommt noch hinzu. Das Machtgleichgewicht zwischen Industrie und Staat hat sich seit der Globalisierung stark in Richtung Industrie verschoben. Und: Wir haben uns alle an einen verdammt hohen Lebensstandard gewöhnt. Aber wenn wir die Probleme der Welt lösen wollen, müssen wir uns in den Industriestaaten von unserem Lebensstandard lösen. Das ist eine bittere Erkenntnis, die keiner gerne hören will. Trotzdem wird es so kommen. Auf dem einen oder anderen Weg.

teleschau: Ist die Angst vor Flüchtlingen in Deutschland auch deshalb so groß, weil sie einem vor Augen führen, wie reich wir sind? Und welche anderen "Lebensformen" es da draußen eben auch noch gibt ...

Król: Natürlich. Meine Frau ist Lehrerin an einer Kölner Grundschule. Ich höre diese Probleme jeden Morgen am Frühstückstisch. Da draußen ist ein Hauen und Stechen. Die Solidarität unter den Menschen hat gegenüber früher wahnsinnig nachgelassen. Das ist es, was mich am meisten bedrückt.

teleschau: Ist das Verhalten der Banker eine Folge davon, dass die Gesellschaft auseinandergebrochen ist? Oder ist es die Ursache dafür?

Król: Gesellschaftlich kann man da in der Ära von Reagan und Thatcher Anfang der 80er-Jahre ansetzen. Reagan sagte damals: "Wenn die Reichen reicher werden, ist auch genug für die Armen da." Das war der Neoliberalismus, der jedem vermitteln wollte: "Du bist allein für deinen Erfolg verantwortlich." Diese Ideen sind bis heute sehr tief in unsere Psyche eingedrungen. Wenn du dein Ding machen willst, mach dein Ding! Was kümmern dich die anderen? Geiz ist geil! Und: Ich bin doch nicht blöd. Das sind die Leitgedanken von heute. Und dieses Denken hat Folgen.

teleschau: Gibt es einen Ausweg aus der Misere?

Król: Ich bin Schauspieler, was soll ich dazu sagen (lacht). Nur weil man eine Rolle gespielt hat, ist man ja noch kein Fachmann. Nein, natürlich habe ich keinen Schlüssel, um die großen Probleme der Menschheit zu lösen. Man muss aber wach und fit bleiben. Denn unser Leben wird schwieriger werden - garantiert. Und deshalb sollte man auch darauf achten, dass es einem selbst gut geht - in Sachen Solidarität, Menschlichkeit und in der Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Denn nur so hat man auch genug positive Energie, um im größeren Sinne etwas zu bewirken.

teleschau: Ist es für Sie vorstellbar, dass es mal eine gesellschaftliche Bewegung geben könnte, die gegen die beschriebene Misere aufsteht?

Król: Der Gedanke daran kommt einem schon komisch vor. Obwohl es doch relativ klar und ersichtlich ist, dass es nicht so weitergehen kann. Aber ich kann es mir gegenwärtig nicht vorstellen, dass es mal große Demonstrationen gegen Banken und den Neoliberalismus gibt. Was die Finanzkrise immerhin gebracht hat, ist, dass sich viele Leute als Bankenopfer geoutet haben. Auch jetzt noch mal für die TV-Dokumentation, die im ZDF nach unserem Film läuft. Das waren alles Menschen, die sich erst mal geschämt haben. Wie das ja auch normal ist bei jemandem, der über den Tisch gezogen wurde. Aber dass die Opfer jetzt darüber reden, ist ein Anfang - damit sich irgendwann einmal etwas an diesem perfiden System ändert.

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