So träge war der Kölner Krimi „Durchgedreht“

Fehlstart in die „Tatort“-Saison

+
Auch diesmal nicht immer einer Meinung: Ballauf (Klaus J. Behrendt, links) und Schenk (Dietmar Bär), ein älteres Polizistenehepaar aus Köln.

Zum Wegdösen: Das Kölner Depri-Stück über eine bürgerliche Familientragödie muss aus der Mottenkiste der Krimiunterhaltung gefallen sein.

Erst war Fußball-EM und dann Olympia. Und der „Tatort“? Schlummerte geschlagene zweieinhalb Monate im Sommerloch. Das Hallo-Wach zum Ende der Wiederholungsstrecke hätte man sich temperamentvoller gewünscht. Der Kölner Saisonauftakt „Durchgedreht“ entpuppte sich als träges Depri-Stück aus dem Beamtenmilieu. Zum Wegdösen!

Ergab die Story Sinn?

Nur solange man nicht wusste, worauf das alles hinauslaufen würde. An sich war das ein betont bodenständiger Fall: eine Familientragödie im bürgerlichen Milieu. Frau und Sohn eines Finanzbeamten wurden nachts ermordet - die kleine Tochter entkam der schrecklichen Tat traumatisiert. So etwas soll vorkommen. Doch die verkorksten Umstände, die am Ende als Erklärung bemüht wurden, überzeugten nicht wirklich.

Wie überzeugend waren die Kommissare?

Lange her, dass man den Kölner Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) dabei zusehen durfte, wie sie von sich selbst gelangweilt waren. Aber was sollten sie auch ausrichten? Die zuletzt so formstarken Traditionsermittler mussten fortwährend Stanzen aus der Mottenkiste der Krimiunterhaltung aufsagen: Wo waren Sie zur Tatzeit? Kann das jemand bezeugen? In welcher Beziehung standen Sie zum Opfer? Spritzig geht anderes.

Wie furchteinflößend war der Mörder?

Ach, der Onkel Gunnar! Ein knuffiger, kinderlieber Fernfahrer, der auf einem erstaunlich fürstlichen Landsitz inmitten putziger Schafe residierte - kann so einer zum Mörder werden? Offenbar. Auch wenn man sich selbst im Nachhinein nicht wirklich vorzustellen vermochte wie. Schauspielerisch (Stephan Szász) war der undankbare Part überdies nicht wirklich mitreißend umgesetzt.

Wie realistisch ging es zu?

Nicht besonders, und das ist kein gutes Zeichen bei einem Krimi, der ohne künstlerischen oder gar satirischen Anspruch daherkommt. Allein schon der Finanzbeamte Habdank, gespielt von Alexander Beyer, war ein Fleisch gewordenes Berufsklischee. Im Büro ein bissiger Aktentiger, daheim nur ein träger Hanswurst, der seiner Familie nichts bedeutet.

Die absurdesten Szenen?

Wie Ballauf und Schenk diesmal ihre Verdächtigen ermittelten? Zum Beispiel indem sie im Finanzamt einfach mal mit dem Finger den obersten Aktendeckel lupften - „Ole Winthir, ist das nicht der berühmte Journalist?“ Einen anderen Steuersünder musste Ballauf im Wartezimmer Mund zu Mund wiederbeleben - Herzinfarkt! -, nur um sich vom wundersam genesenen Pleite-Unternehmer tags darauf bei der Befragung blöd anreden zu lassen.

Darüber wird zu reden sein ...

Fast hätte man es verpasst zwischen all den mit melancholischer Klaviermusik unterspülten Szenen aus komplizierten und deprimierenden Familienverhältnissen: Aber einen kleinen Debattenanstoß wagten die Macher (Buch: Norbert Ehry, Regie: Dagmar Seume) tatsächlich: Ole Winthir (Peter Benedict), dem überheblichen Publizisten und Steuerschlingel, legte das Drehbuch Sätze in den Mund, die zumindest Kollege Ballauf gar nicht so abwegig fand: „Wissen Sie, wer Ihre fette Pension bezahlt? Freie und Selbstständige, die auch arbeiten, wenn der Rücken wehtut. Und am Wochenende. Und das bis 70, damit es reicht.“ Hört, hört!

Wie gut war der Tatort?

Den Kölnern, die es gerade in jüngerer Vergangenheit so oft unendlich viel besser gemacht haben, darf man das so ungeniert unter die Nase reiben: Dieses staubtrockene Depri-Stück, das war nix - wir vergeben die Schulnote 5. Es kann fast nur besser werden in der so lang herbeigesehnten „Tatort“-Saison 2016/17. Vielleicht war ja dies das Kalkül der Programmplaner.

tsch

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren