Brief an mein Leben - Mo. 25.04 - ZDF: 20.15 Uhr

Vom Fehlen der aristotelischen Mitte

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Erfolgreiche Wissenschaftlerin auf der Überholspur: Toni (Marie Bäumer, links) und ihre Lebensgefährtin Maria (Christina Hecke, rechts im Hintergrund).

2010 erschien Miriam Meckels Bestseller "Brief an mein Leben". Nun verfilmte das ZDF den Burnout-Selbsterfahrungsbericht der Powerfrau und Lebensgefährtin Anne Wills mit Marie Bäumer in der Hauptrolle.

Burnout sei eine Modediagnose der Erfolgreichen, sagt der ein oder andere Kritiker der digitalen Moderne. Selbst Schuld, wenn man den Hals in Sachen Arbeit und rauschhafter Dauerkommunikation nicht voll bekommen kann. So fand auch Miriam Meckels Burnout-Lebensbericht, der 2010 zum Bestseller geriet, nicht nur positiven Widerhall in den Feuilletons. Als "Frau Nimmersatt" beschrieb eine Kritikerin die Lebensgefährtin Anne Wills, die sogar noch ihren Totalzusammenbruch zu einem Arbeits- und Erfolgsprojekt mache. Dennoch ist "Brief an mein Leben" - sowohl das Buch als auch die ZDF-Verfilmung - ein mitunter zärtlicher und fast immer kluger Stoff, der in Marie Bäumer eine tolle Hauptdarstellerin fand.

Meeresbiologin Toni (Bäumer) ist immer unterwegs. Zwischen Konferenzen, Forschung und Vorlesungen managt sie noch ihre Fernbeziehung (Christina Hecke) sowie die schwere Erkrankung der Mutter (Jutta Wachowiak), die Krebs im Endstadium hat. Die Beziehung zur Tochter war immer von einer gewissen gegenseitigen Härte geprägt, was die Pflege mit dem überforderten Vater (Joachim Bißmeier) noch einmal zusätzlich belastet.

Irgendwann bricht die Dauergehetzte dann einfach zusammen: Tinnitus, Angstzustände - nichts geht mehr. Toni, immer noch ganz rational denkende Managerin, liefert sich selbst in eine Klinik ein. Im ländlichen Langeweile-Idyll des etwas merkwürdig parlierenden Klinikchefs Dr. Pogl (Hanns Zischler) will sie sich so effizient behandeln lassen, wie es einem Formel-1-Wagen in der Boxengasse gebührt. Doch der Plan misslingt. Toni und die meisten ihrer Mitpatienten (unter anderem: Antoine Monet jr., Annette Paulmann, Anna Stieblich und Melanie Straub) können sich gegenseitig nicht ausstehen.

Sich emotional einzulassen und die Maske der Stärke fallenzulassen, ist für Toni schwerer als gedacht. Während sie sich nach und mit Hilfe ihrer Therapeutin (Christina Große) öffnet, entsteht auch endlich eine Beziehung zur Gruppe: inklusive lustiger therapeutischer Selbsterfahrungen, wie einem langen Schlafentzug, Teambuilding im Kletterpark und einer langen Verordnung von Einsamkeit mit dem Fenster zum Wald als einzigem Unterhaltungsangebot ...

Der Schweizer Regie-Veteran Urs Egger, vom dem man am 9. Mai auch das famose Finanzkrisen-Drama "Bankraub" mit Joachim Król im ZDF sehen wird, fand starke Bilder für den lebenssatten und doch traurigen Weg seiner Hauptfigur. Gerade die Szenen außerhalb der Klinik, vorwiegend als Rückblende erzählt, die Beziehung zur Partnerin und das Sterben der Mutter, sind mit großer emotionaler Akkuratesse beobachtet und wurden in fast schon poetische Bilder gegossen.

Auch das Geschehen in der Klinik ist mitunter spannend zu beobachten - leidet aber in manchen Szenen am so genannten "Einer flog übers Kuckucksnest-Syndrom". Damit ist jenes seltsame Phänomen gemeint, das seit Milo? Formans gleichnamigem Filmklassiker mit Jack Nicholson von 1975 eine Tendenz im Film beschreibt, psychiatrische Runden als übertrieben lustige, "herrlich" skurrile Veranstaltungen zu inszenieren. Unter dem Strich bleibt dennoch ein weit überdurchschnittlicher ZDF-Montagsfilm, der mit starker Geschichte, ebensolchen Darstellern und durchaus komplexen Lebensbotschaften zu überzeugen weiß.

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