Róisín Murphy

Im engen Shirt zur erwachsenen Frau

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Freundin experimenteller Outfits und schräger Pop-Musik mit Tiefgang: Die ehemalige Moloko-Sängerin Róisín Murphy veröffentlicht ein neues Solo-Werk.

So viel Disco, so viel Kunst: Die irische Ausnahme-Sängerin Róisín Murphy veröffentlicht ihr neues Album „Take Her Up To Monto“.

Dass Róisín Murphy nicht zu den Verschämten zählt, weiß man seit jener Anekdote, die erklärt, wie es zum Titel des ersten Moloko-Albums „Do You Like My Tight Sweater“ kam. Bei einer Party soll die Rotblonde ihrem baldigen Lebens- und Musikpartner Mark Brydon die körperbetonende Frage gestellt haben. Es folgten ab 1995 vier Alben, die heute als Klassiker des Elektro-Pops der 90-er gelten. Róisín Murphy, die wilde Sängerin, ist jedoch weitergezogen. Heute lebt die Irin mit einem Italiener und ihren beiden Kindern in London. Auf ihrem neuen Album „Take Her Up To Monto“ singt die 43-Jährige unter anderem über die eigene Schambehaarung. Peinlich ist das überhaupt nicht. Dafür ungemein expressiv und kunstvoll.

„Ich hasse Authentizität“, droht Róisín Murphy in aufbrausender Leidenschaft. „Authentizität im Pop ist eine Erfindung der Vermarkter, die wollen, dass Künstler möglichst prägnant rüberkommen.“ Die Worte der Sängerin klingen so rauchig, als kämen sie von der gealterten Marianne Faithful - und das, obwohl Murphy vor einigen Jahren den Zigaretten abschwor. Dass es für die Irin trotz einer Stimme, mit der man Menschen problemlos fesseln kann, trotz ihres attraktiven Äußeren und trotz fast schon genialer Performer-Qualitäten nie zum Superstar reichte, liegt vor allem an ihrer Abneigung gegen sämtliche Klischees. Da aber Pop nun mal mit Klischees arbeitet, sowohl in der Musik als auch beim Stilisieren seiner Protagonisten, musste sich Murphy mit der zweiten oder dritten Reihe begnügen. Obwohl sie mit der künstlerischen Kraft der Madonnas, Björks oder Beyoncés locker hätte mithalten können.

Doch was hat jene Frau seit der Platte mit dem engen T-Shirt und nachfolgenden Club-Welthits wie „Sing It Back“ oder „The Time Is Now“ aus sich gemacht? Auf dem großartigen letzten Moloko-Album „Statues“ ist sie mit wutverzerrtem Gesicht und zwei Pint Bier in der Hand abgelichtet. Etwa um diese Zeit verunglückte sie während eines Konzertes in Moskau so schwer, dass sie fast erblindet wäre. Beim Headbangen war Murphy mit dem Gesicht auf einer Stuhlkante gelandet. Die Ärzte vor Ort empfahlen ihr den Gang zum plastischen Chirurgen, der mehrere Schichten Gesicht wieder zusammennähen musste. Róisín Murphy mag nicht brav sein, sie will aber auch das Image der wilden Hilde nicht bedienen. Acht Jahre lang pausierte sie zwischen dem zweiten Soloalbum 2007 und ihrem hochgelobten Comeback „Hairless Toys“ im vergangenen Jahr. Zeit, die sie neben kleineren künstlerischen Projekten der eigenen Gesundheit und vor allem ihren beiden Kindern widmete.

Tochter Clodagh aus der Beziehung mit dem britischen Künstler Simon Henwood kam 2009 zur Welt, Sohn Tadhg erblickte 2012 das Licht der Welt. Vater des Jungen ist der italienische Musik-Produzent Sebastiano Properzi, mit dem Murphy 2014 das Projekt „Mi Senti“ aufnahm. Darauf singt sie Italienisch, ohne auch nur ein Wort der Sprache zu beherrschen. Noch so ein typischer Róisín-Murphy-Schachzug wider das Einordnen ihrer Kunst. Bewegten sich ihre alten Moloko- und frühen Solo-Alben noch im Grenzbereich zwischen Mainstream und innovativem Dance-Pop, sind ihre beiden Comeback-Werke „Hairless Toys“ und das nun erscheinende „Take Her Up To Monto“ ganz klar im „Arthouse“-Bereich anzusiedeln. Was die Werke jedoch nicht weniger aufregend macht.

Beide Alben entstanden in Zusammenarbeit mit Murphys altem Weggefährten Eddie Stevens, der schon zu Moloko-Zeiten das Paar Brydon/Murphy als Produzent, Arrangeur und Live-Musiker unterstützte. Eigentlich war er fast so etwas wie das dritte Band-Mitglied. Weil die hochbegabte Sängerin, Texterin und Performerin unumwunden zugibt, dass sie nur mit einem Partner Musik erschaffen kann, hatte man sich vor zwei Jahren fünf Wochen lang in einem Studio verkrochen. Dabei entstanden so viele Songs, dass sie locker für zwei Alben reichten. Stilistisch changieren sie zwischen Progressive Rock und Disco, zwischen Avantgarde und Dancefloor. „Meine Platten sind immer irgendwie Disco“, raunt Murphy, „weil so viel Disco in mir ist. Aber dann ist da ja noch Eddie. Ich fürchte, in seinem Herzen ist er ein Prog-Rocker. Das machte mir Angst, deshalb wollte ich früher keine ganze Platte mit ihm machen. Nun sind es zwei geworden und dieser seltsame Sound gefällt mit immer besser.“

Man muss sich tatsächlich reinhören in diese Musik, zu der Mama Murphy auf dem Cover in gelber Warnweste überm Regenbogenpulli und mit blauem Baustellenhelm zu sehen ist. Verstören und künstlerisch herausfordern kann diese Frau wie keine zweite. Sie besetzt gleichzeitig vollkommen glaubhaft Rollen wie: Hausfrau und Mutter, traditionsbewusste Irin, Fashion-Hipsterin, angeprolltes Feier-Biest und subversive Avantgarde-Künstlerin. „Für wen soll meine Musik zu komplex sein?“, stellt sie im Interview eine Gegenfrage. „Niemand, den ich kenne, denkt so.“ Komplexität und Widersprüche hätten sie ohnehin schon immer angezogen. „Meine Texte erzählen immer nur davon, dass ich nicht weiß, was richtig und was falsch ist. Aber so ist das Leben! Meistens wissen wir nicht so genau, was wir tun sollen. Ich finde, dass Kunst das Leben abbilden sollte.“

„Take Her Up To Monto“ ist übrigens eine Zeile aus dem irischen Folk-Song „Monto“. Diesen habe sie als kleines Mädchen mit ihrem Vater gesungen, wenn man gemeinsam eine Straße entlang ging. „Das Lied hat einen perfekten Marschrhythmus. Es läuft sich damit einfach leichter. Wenn ich mit meinem Vater zu Fuß unterwegs war, fingen wir irgendwann immer an, es zu singen.“ Róisín, deren Vorname übersetzt Röschen heißt, war mit ihren Eltern im Alter von zwölf Jahren aus dem kleinen irischen Kaff Arklow ins englische Manchester gezogen. Als Mutter und Vater sich dann trennten, bestand die bei weitem noch nicht volljährige Tochter auf einem Verbleib in der Stadt - obwohl die Eltern sie verließen. Murphy zog sich danach gewissermaßen selbst groß, lebte in WGs und genoss die aufstrebende Kunst- und Musikszene jener Jahre rund um die aufkommende Rave- und Elektronik-Kultur in Englands Norden.

Ob Kindheitserinnerung an heile Tage mit dem Vater mit Melancholie getränkt seien? „Warum?“, bügelt Róisín Murphy ab. „Mein Vater singt diesen Song noch heute mit mir, wenn wir zusammen laufen. Einige Dinge bleiben immer gleich. Und so etwas wie Erwachsenwerden gibt es für mich eigentlich nicht.“ Man darf diesen letzten Satz durchaus für bare Münze nehmen, wenn man die 43-jährige Liebhaberin experimenteller Outfits und Designer ihre sehr persönlichen Texte singen hört: Ob über die eigene Schambehaarung („Pretty Gardens“) oder ein tagelanges Alkohol-Delirium rund um den letzten Auftritt ihrer Ex-Band Moloko („Nervous Sleep“), der auch die endgültige Trennung von ihrem Lebenspartner Mark Brydon bedeutete.

Manchmal wechselt Murphys Stimme mittlerweile sogar in kunstvollen Sprechgesang, wie im großartigen „Thoughts Wasted“. „Einfach nur zu erzählen hätte ich mich vor einigen Jahren noch nicht getraut“, sagt sie. „Ich bin sehr glücklich über diese Phase meiner Karriere und meines Lebens.“ Weil sich Róisín Murphy dem totalen Pop verweigerte, führt diese Frau „in den besten Jahren“ heute ein Leben, das besser nicht sein könnte.

tsch

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