Jochen Breyer

Nur eine Hymne als Politikum

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Jochen Breyer verfolgt die EM in Frankreich direkt im Stadion und doch auch aus einem erweiterten Blickwinkel.

Beim ZDF ist er bei der EM in Frankreich der Mann im Stadion. Bei rund 15 Spielen ist Jochen Breyer als Field Reporter im Einsatz. Doch für den Heidelberger ist Fußball mehr als nur der Kick auf dem Grün. Mit einer Dokumentation über den politischen Zustand in Frankreich beweist er dies.

Jochen Breyer wird mehr und mehr das Gesicht der Fußballberichterstattung im Zweiten. Er moderiert unter anderem bei der Champions League und „Das aktuelle Sportstudio“. Bei der Euro 2016 (10. Juni bis 10. Juli) wird Breyer bei rund 15 Spielen als Reporter vor Ort im Stadion sein. „Intensive Wochen“, wie der erst 33-Jährige mit der Erfahrung weiterer großer Turniere sagt. Dass für den Journalisten und Moderator des „ZDF-Morgenmagazins“ Fußball mehr ist, als ein 90-minütiges Spiel Elf gegen Elf, zeigt er in der Dokumentation „Zwischen Verehrung und Verachtung“ am Freitag, 10. Juni, 23.30 Uhr, ZDF, im Anschluss an das Eröffnungsspiel. Breyer hat sich im Vorfeld der EM aufgemacht, die Stimmung einer inzwischen gespaltenen Gesellschaft in Frankreich einzufangen. Im Brennpunkt seiner spannenden Reportage steht die Équipe Tricolore. Im Nachbarland gebe es im Schatten eines beängstigend größer werdenden Front National bereits eine dramatische Dabatte, wer denn nun die Marseillaise, die französische Nationalhmyne, mitsingt oder nicht, berichtet er. Undenkbar in Deutschland? Von wegen! Erst kürzlich hatte sich ein AfD-Führungspolitiker doch darüber geäußert, wen der Deutsche als Nachbar wolle. Auch darüber spricht Breyer.

nordbuzz: Sie moderieren in der Champions League, bei einer EM sowie einer WM waren Sie ebenfalls bereits dabei. Bleibt ein nächstes großes Turnier denn noch etwas Besonderes?

Jochen Breyer: Da ich noch recht jung bin, habe ich noch nicht von 48 Turnieren berichtet, dementsprechend ist das noch immer was sehr Besonderes für mich. Außerdem ist jedes Turnier einzigartig, weil es seine eigene Dynamik entwickelt und seine eigenen Geschichten schreibt.

nordbuzz: Eine mögliche Routine kann erst gar nicht aufkommen?

Breyer: Wir sehen viele Spiele, reisen viel durch das Land, sind stets so nah dran an den Mannschaften wie möglich. Der Aufwand ist ungeheuer intensiv. Da bleibt keine Zeit, in eine Routine zu fallen.

nordbuzz: Wie erleben Sie die Spiele, gerade wenn es wie bei dem Turnier diesmal so viele sind?

Breyer: Bei etwa 15 Partien bin ich vor Ort im Stadion. Das Schöne an einer WM oder EM ist, dass man auch Mannschaften sieht, die man kaum kennt. Anders als in der Champions League sind das dann nicht immer Bayern, Dortmund oder Leverkusen, sondern auch mal kleinere Teams wie beispielsweise Wales oder Island. Und ein Sieg eines krassen Außenseiters über eine große Nation, das ist das, was ein solches Turnier ausmacht.

nordbuzz: So viele Überraschungen wird es doch wohl aber nicht geben, oder?

Breyer: Hat es bei einer Europameisterschaft nicht auch mal eine griechische Mannschaft gegeben, die sich durch das Turnier gemauert hat? Und wer hätte gedacht, dass sich beispielsweise Island für das Turnier qualifiziert?

nordbuzz: Die Aufstockung auf nun erstmals 24 Teams steht durchaus in der Kritik.

Breyer: Einerseits freut es mich für Nationen, die sonst nicht dabei sind. Andererseits hat die Europameisterschaft im Gegensatz zur WM auch sehr davon gelebt, dass es ab dem ersten Gruppenspiel um alles ging. Bei der letzten EM beispielsweise waren in der deutschen Gruppe Dänemark, Portugal und die Niederlande. Jetzt, mit 24 Teams, besteht die Gefahr, dass die Vorrunde verwässert. Eine Mannschaft wie Deutschland ist bei Gegnern wie der Ukraine, Nordirland und auch Polen wohl kaum gefährdet. Zumal auch einige der besten Gruppendritten weiterkommen.

nordbuzz: Insgesamt 51 Spiele sind es nun bei der EM, während der Saison läuft von Montag bis Montag Fußball im TV. Lässt sich eine Schraube nicht auch mal überdrehen?

Breyer: Das werden letztendlich die Fans entscheiden. So lange sie die Spiele verfolgen, haben sowohl Sender als auch Verbände Interesse daran, das Rad weiterzudrehen. Bis dann vielleicht doch Schluss ist, einige Fans sich abwenden und sich ein kompakteres Turnier wie früher wünschen - mit weniger, dafür hochwertigen Spielen.

nordbuzz: Für Ihre Dokumentation sind Sie bereits im Vorfeld des Turniers durch Frankreich gereist. Warum?

Breyer: Als Teenager war ich fasziniert von der WM 1998 in Frankreich. An die Bilder, als sich nach dem Triumph der Équipe Tricolore Hunderttausende - unabhängig von Herkunft und Hautfarbe - in den Armen lagen, erinnere ich mich bis heute. Damals hieß es, das sei ein Moment der nationalen Einheit gewesen. Nun, 18 Jahre später, steht wieder ein großes Turnier an. Frankreich aber scheint so gespalten wie nie. Ich habe mich gefragt, ob diese Europameisterschaft zumindest ein kleines Stück dahin führen kann, dass das Land wieder zusammenfindet.

nordbuzz: Wie stehen die Chancen dafür?

Breyer: Das hängt sehr davon ab, wie das französische Nationalteam abschneidet. Bei Erfolg, also mindestens Halbfinale, werden die Franzosen vereint hinter der Mannschaft stehen. Scheitert sie allerdings frühzeitig, erhält das Aus eine politische Dimension. Der Front National, der sich gerade auffällig zurückhält, wird gegen eine erneute Multikulti-Aufstellung des französischen Teams wettern.

nordbuzz: In Deutschland wäre das kaum vorstellbar. Es gäbe lediglich sportliche Konsequenzen ...

Breyer: In Frankreich hat eine Hetze des Front National schon so weit geführt, dass viele der Meinung sind, Franzosen mit anderer Hautfarbe oder Herkunft seien keine echten Franzosen. Exemplarisch dafür steht die Diskussion um die Nationalhymne. Das ist eine hochpolitische Frage in Frankreich. Der Front National pocht darauf, wer die Marseillaise nicht mitsingt, müsste raus aus der Équipe fliegen.

nordbuzz: Auch hierzulande wurde das Thema Hymne gelegentlich angesprochen.

Breyer: Das stimmt, aber nicht in derselben Schärfe. In Frankreich heißt es bei vielen wirklich: Wer die Hymne nicht mitsingt, fühle sich nicht als Franzose und dürfe das Land nicht repräsentieren. So weit ist eine Spaltung im Nachbarland bereits fortgeschritten. Allerdings muss man sagen, dass es auch bei uns seit einigen Wochen Tendenzen in diese Richtung gibt. Die Beleidigungen von Alexander Gauland, dem Vize der AfD, gegenüber Jerome Boateng, könnte da erst der Anfang gewesen sein. Der Blick nach Frankreich ist da eine große Warnung.

nordbuzz: Ein Turniersieg der Franzosen könnte die Entwicklung in Frankreich aufhalten?

Breyer: Zumindest kurzfristig könnte ein Erfolg der französischen Nationalmannschaft zu einem nationalen Einheitsgefühl führen und den Parolen der Rechten etwas den Wind aus den Segeln nehmen. Und das wäre bestimmt besser, als dem Front National bei einem Scheitern weitere Munition für dessen Hetze zu liefern.

nordbuzz: Hat sich der Fußball durch seine zunehmende Wichtigkeit zuletzt mehr politisiert?

Breyer: Der Sport an sich ist viel politischer, als viele behaupten. Wenn beispielsweise Funktionäre gerne erzählen, der Sport dürfe sich nicht einmischen, finde ich das lächerlich. Gerade der Sport selbst lässt sich doch an allen Ecken und Enden von der Politik gebrauchen. Da muss ich nur an Putin denken und seine Spiele in Sotschi.

nordbuzz: Es gibt Fotos von Angela Merkel aus der Kabine der Nationalmannschaft.

Breyer: Nur weil sie den freien Oberkörper Mesut Özils sehen wollte, wurde dieses Selfie wohl nicht gemacht. Dass der Sport hochpolitisch ist, sollten wir Journalisten bei allem Jubel eben auch immer im Blick haben.

nordbuzz: Wer wird Europameister, und wie weit kommt das deutsche Team?

Breyer: Ich wünsche mir ein Finale Frankreich gegen Deutschland.

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