Eye in the Sky

Eine Entscheidung - sofort!

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„Eye in the Sky“ war der letzte Film, für den der im Januar 2016 verstorbene Alan Rickman vor der Kamera stand.

Einer der nervenaufreibendsten Kriegsfilme der letzten Jahre und dabei topaktuell: „Eye in the Sky“ mit Helen Mirren und Alan Rickman verdichtet die gesamte Komplexität moderner Kriegsführung in einer einzigen Mission.

Die Kommandos kommen live aus England. Eine Biometrie-Expertin auf Hawaii ist für die Identifikation der Zielpersonen zuständig. Die Bilder, die sie sehen, kommen schließlich von einer Reaper-Drohne, die irgendwo über Kenia herummschwirrt, während Bodentruppen in Nairobi auf ein „Go“ warten. Das Einsatzziel: die Festnahme einiger Top-Terroristen der al-Shabaab-Miliz. Zügig und präzise veranschaulicht Regisseur Gavin Hood in den ersten Minuten der Heimkino-Premiere „Eye in the Sky“ (2015), wie die Westmächte im 21. Jahrhundert bevorzugt Krieg führen - global, streng nach Protokoll und mit modernster Technik. Die Illusion eines sauberen, kontrollierbaren Krieges hat in dem erstklassig besetzten Echtzeit-Thriller jedoch keinen Raum.

Zunächst läuft alles nach Plan - einschließlich der Identifizierung der gesuchten Terroristen, zu der neben dem „Auge am Himmel“ auch kleine, mit Kameras ausgestattete Vogel- und Käfer-Drohnen beitragen. Der Zugriff steht kurz bevor. Dann aber spitzt sich die Situation von einer Sekunde auf die nächste dramatisch zu, die Lage gerät außer Kontrolle: In dem überwachten Gebäude wird ein Selbstmörder-Video gedreht, jemand legt einen Sprengstoffgürtel an. An eine Festnahme ohne große Kollateralschäden ist mehr zu denken, Colonel Katherine Powell (Helen Mirren) drängt auf einen Feuerbefehl.

Powell aber ist nicht diejenige, die hier entscheidet: In einem Konferenzraum in England, von dem aus Lieutenants, Generalstaatsanwälte und Minister zugeschaltet sind, wird debattiert und argumentiert. Sofort zuschlagen, rät General Frank Benson (Alan Rickman in einem seiner letzten Filme). Einen Angriff habe der Premierminister mit der Unterzeichnung der entsprechenden Papiere aber nicht abgesegnet, wird entgegnet. Man wolle die Terroristen, zu denen eine konvertierte Britin gehört, lebend. Währenddessen tickt, tickt, tickt die Uhr in Kenia, eine Entscheidung muss her - jetzt!

Wer die erste halbe Stunde von „Eye in the Sky“ übersteht, ohne seine Fingernägel restlos herunterzukauen, muss schon extrem abgebrüht sein. Die Anspannung im Situation Room, bei den afrikanischen Agenten vor Ort, bei Lieutenant Watts (Aaron Paul), der die durchaus auch kampffähige Reaper-Drohne von Nevada aus steuert - sie ist jederzeit greifbar in diesem Ausnahmethriller, der zwar „nur“ von einer einzigen Mission erzählt, aber doch viel über die Komplexität moderner Kriegsführung verrät.

Ist diese oder jene Maßnahme juristisch abgesichert? Ist ein Angriff politisch vertretbar? Lassen sich die erwartbaren Kollateralschäden auf ein vertretbares Maß „herunterrechnen“? Wie werden die Medien reagieren? Und was ist mit diesem kleinen kenianischen Mädchen, das da vor dem Haus Fladenbrot verkauft? Muss man ihren Tod in Kauf nehmen, um einen möglichen Anschlag in einem hochfrequentierten Einkaufszentrum zu verhindern?

Gavid Hood („Ender's Game“, „X-Men Origins: Wolverine“), der „Eye in the Sky“ nach ein Drehbuch von Guy Hibbert inszenierte und dabei angenehm unpolitisch vorging, wirft mit diesen und anderen Fragen eineinhalb Stunden lang um sich, bis hin zur völligen Erschöpfung und Ratlosigkeit des Zuschauers. Den Entscheidungsträgern im Film geht es nicht besser: Einen Tod, so die Erkenntnis, stirbt man offenbar immer - mindestens.

Erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand.

tsch

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