Julia Richter

"Ein Leben im Reihenhaus kann ich mir nicht vorstellen"

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Jan (Stephan Luca) und Anne Börner (Julia Richter) gewöhnen sich langsam an das Leben in der Reihenhaussiedlung. Julia Richter kann sich so ein "ordentliches" Leben nicht vorstellen: "Ich bin privat auch dankbar für das Chaos, das bei uns oft herrscht, auch wenn es mich manchmal wahnsinnig macht. Aber es fordert mich und meine Beziehung."

Julia Richter erzählt im Interview von Ordnung, Chaos und Reihenhaussiedlungen.

Anne Börner entspricht wohl dem Ideal vieler Frauen: Erfolg im Job, einen gutaussehenden Mann und zwei süße Kinder. Fehler will sie sich nicht anmerken lassen und kaschiert deshalb sogar den Kratzer auf der Stoßstange des Nachbarautos geschickt mit ihrem Nagellack. Doch im echten Leben bevorzugt Schauspielerin Julia Richter das Chaos und genießt ihre Wochenenden auf dem Land. Ein Leben in einer Vorstadtsiedlung, wie im Film "Neues aus dem Reihenhaus" (Donnerstag, 26. Mai, 20.15 Uhr, ZDF), ist nichts für die Berlinerin. Die 45-Jährige plädiert im Interview dafür, die Dinge auf sich zukommen zu lassen und auch mal Fehler zu machen, denn nur so kann man das Leben wirklich erfahren und auch eine Beziehung frisch und abwechslungsreich halten.

teleschau: Frau Richter, im Film spielen Sie die Karrierefrau, die alles unter einen Hut bringt und ihrem Mann sogar nachsieht, dass er mit seiner Ex flirtet: Was ist das Geheimnis dieses Paares?

Julia Richter: Die beiden führen eine Beziehung auf Augenhöhe, und das schafft Stabilität. Außerdem ist keine Routine bei ihnen eingekehrt, jeder darf auch seinen Individualismus ausleben. In dem Moment, in dem Jan ein neues Jobangebot bekommt, bricht das Chaos aus - und das bringt Schwung.

teleschau: Klingt, als würden Sie das selbst kennen.

Richter: Ja. Ich bin privat auch dankbar für das Chaos, das bei uns oft herrscht, auch wenn es mich manchmal wahnsinnig macht. Aber es fordert mich und meine Beziehung.

teleschau: Wann gibt es bei Ihnen Chaos?

Richter: Ich habe zwei Jungs zu Hause, das ist schon sportlich. Ständig diese Schultermine und die Drehtermine dazwischen, die oft in den Ferien und an Feiertagen stattfinden. Diese Unfähigkeit zu planen bringt eigentlich das meiste Chaos.

teleschau: Hätten sie manchmal gerne die Reihenhausidylle und geregelte Arbeitszeiten?

Richter: Das sind sehr kurze Momente. Ich bevorzuge das Chaos und die Unsicherheit. Ich bin in einem Haus mit großem verwildertem Garten aufgewachsen, ein Leben im Reihenhaus kann ich mir nicht vorstellen.

teleschau: Wie sieht Ihre Wunsch-Nachbarschaft aus?

Richter: Ich pendle zwischen Stadt und Land, und das ist für mich perfekt. Ich gehöre nicht zu den Schauspielern, die nach der Arbeit ständig noch Party machen. Da liegt eine große Gefahr in der Branche: sich selbst zu verlieren. Ich liebe den Beruf, aber alles scheint so ungeheuer wichtig. Da ist es immer gut, Menschen um sich zu haben, die das nicht so spannend finden. Das holt einen runter.

teleschau: Sie stehen also nicht gerne im Mittelpunkt?

Richter: Ich habe nicht das Bedürfnis, mich privat zu produzieren. Ich lebe mich in meinen Rollen aus, und privat möchte ich mich nicht auch noch verkleiden und Spielchen spielen.

teleschau: Ihre Filmtochter findet es in der spießigen Nachbarschaft ziemlich ätzend. Doch die neue Sinus-Studie hat gezeigt, dass gerade viele Jugendliche nach Sicherheit streben und am liebsten sein wollen "wie alle". Wieso mag das so sein?

Richter: Vielleicht suchen die jungen Menschen Schutz in der Sicherheit und Ordnung oder Normalität. Sie stehen unter großem Druck, alles toller und noch besonderer zu machen. Der Perfektionismus in unserer Gesellschaft wird schon überall kommuniziert, ob es die Eizellen sind, die ich mir einfrieren kann, damit das Kind zum gewünschten Termin kommt, oder der Kaiserschnitt, damit alles schön sauber ist und ich die letzten drei Kilos nicht mehr zunehme - das geht alles weg von einem persönlichen und eigenen Empfinden und weg davon, dass man das Leben annehmen und leben sollte wie es kommt.

teleschau: Sollte man sich trauen, mehr Fehler zu machen? Mehr ausprobieren, ganz nach dem Prinzip der "Failosophy"?

Richter: Klar, Fehler gehören zum Leben dazu. Alle Kinder sollen Abitur haben und ins Ausland gehen, und dann wissen sie immer noch nicht, was sie wollen. Sie sollen früher eingeschult werden, damit sie dann früh fertig werden - warum nimmt man ihnen die Kindheit und setzt sie so unter Druck? Kinder dürfen nicht mehr langsam reifen und sich wirklich finden. Spielen ist so wichtig. Für viele ist es schwer mit Leidenschaft ein Ziel zu verfolgen. Alles muss immer einen Sinn haben und einen weiteren Nutzen. Da zieht das eigentliche Leben doch an einem vorbei.

teleschau: Der Film spielt nicht nur mit der Klischee-Nachbarschaft, sondern auch mit Klischeetypen, welcher Klischeetyp sind sie?

Richter: Ich wohne im Prenzlauer Berg und denke eigentlich, dass ich nicht dem Klischee entspreche. Aber es gibt da so ein Lied von Rainald Grebe, in dem er die Bio-kaufenden und Volvo-fahrenden Bewohner vom Prenzlauer Berg auf die Schippe nimmt, und plötzlich wurde mir der Spiegel vorgehalten (lacht). Irgendwo erfüllt wohl jeder ein Klischee, aber das ist auch okay.

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