Christian Berkel

"Ein Leben ohne Krisen gibt es nicht"

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Es geht um Gier und Moral: Christian Berkel spielt in dem packenden Thriller "Ein gefährliches Angebot" (Montag, 11. April, 20.15 Uhr, ZDF) eine der Hauptrollen.

"Ich denke mir immer: Wenn heute kein guter Tag ist, wird morgen eben ein besserer": Schauspieler Christian Berkel entpuppt sich im Interview als sympathischer Optimist.

Es geht um Erfolg, Macht und das ganz große Geld: Christian Berkel, 58, spielt im Hochfinanz-Thriller "Ein gefährliches Angebot" (Montag, 11. April, 20.15 Uhr, ZDF) ein Vorstandsmitglied einer marktführenden Firma, das Opfer krimineller Machenschaften wird und zwischenzeitlich alles verliert. Ein Gespräch mit Berkel über Gier als "schwere Krankheit", den heiklen Satz "Der Zweck heiligt die Mittel" und eine innere Ruhe, mit der scheinbar jede Krise zu bewältigen ist.

teleschau: Herr Berkel, würden Sie sich als einen grundsätzlich sehr ehrgeizigen Menschen beschreiben?

Christian Berkel: Wenn ich ein Ziel habe, verfolge ich es auch mit einer gewissen Standfestigkeit. In meinem Beruf braucht man einen langen Atem. Wer in dieser Branche hofft, dass schon alles irgendwie und auch noch möglichst schnell passiert, kann ein böses Erwachen erleben. Träume lassen sich als Schauspieler nicht so leicht verwirklichen. Dafür braucht man einen gewissen Durchsetzungswillen.

teleschau: Auch eine gewisse Gier nach Erfolg?

Berkel: Gier ist in meinen Augen keine Ambition, sondern eine schwere Krankheit. Denn gierig sein heißt ja nichts anderes, als von etwas nicht genug bekommen zu können. Es geht dann irgendwann nicht mehr um die Sache an sich - sei es Geld, Sex, Drogen oder was auch immer - sondern schlicht und einfach um die ständige Vermehrung davon.

teleschau: Ist Gier steuerbar?

Berkel: Das primäre Merkmal von Gier ist, dass sie eben nicht steuerbar ist. Das ist wie bei einer Sucht: Die ist ja auch nicht steuerbar - sonst wäre es keine Sucht.

teleschau: Ist es also nicht mehr gesund, wenn etwa im Profifußball ein Jürgen Klopp behauptet, ihn würde die Gier zum Erfolg treiben?

Berkel: Vielleicht definiert er Gier anders. Mit der eigentlichen Bedeutung von Gier hat das, was er sagt, sicher nichts zu tun.

teleschau: Im Film "Ein gefährliches Angebot" sticht ein Satz in Verbindung mit Gier heraus: "Der Zweck heiligt die Mittel." Was halten Sie davon?

Berkel: Ich halte das für keinen guten Satz. Wobei: Es ist immer eine Frage der Dimension. Also: Wer ist betroffen, und wann ist ein Fehlverhalten möglicherweise doch zu akzeptieren.

teleschau: In welchem Kontext war oder ist es denn zu akzeptieren?

Berkel: Nehmen wir mal eine Situation wie die, in der Helmut Schmidt - den ich in diesem Zusammenhang auch spielen durfte - einst war (im TV-Drama "Mogadischu", 2008, d. Red.): Die Geiselnahme von Mogadischu brachte eine extrem schlechte Entscheidungssituation für ihn mit sich - aber er musste sich entscheiden, genau wie bei der Sturmflut. Und in gewisser Weise hat für ihn der Zweck, also das Retten von Menschenleben, die Mittel geheiligt oder diese vor seinem eigenen Gewissen gerechtfertigt. Ein weiteres Beispiel aus der Geschichte ist die damalige Daschner-Affäre. Es hatte ein Polizist entschieden, ein absolut ungesetzliches Mittel zu wählen, nämlich dem Verdächtigen Folter anzudrohen. Das ist aus gutem Grund verboten. Und trotzdem würde sich jeder Vater und jede Mutter wünschen, dass ein Polizist genau so handelt.

teleschau: Generell denken Sie aber, dass es dem Satz moralisch immer etwas entgegenzusetzen gibt.

Berkel: Ja, das auf jeden Fall. Grundsätzlich finde ich den Satz falsch. Der Schwachpunkt des Satzes ist ja die Heiligsprechung an sich. Dadurch entbindet man sich selbst jeglicher Verantwortung.

teleschau: Ist der Satz denn für Sie vielleicht beruflich dann und wann interessant? Nehmen wir an, das ZDF bietet Ihnen eine Rolle in einem Krimi an, den Sie reizvoll finden, und gleichzeitig macht Ihnen RTL ein Angebot, für das fünffache ZDF-Honorar bei "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" einzusteigen.

Berkel: Der Preis, den ich für die Soap-Rolle bezahlen würde, wäre höher als der, den ich dafür bekäme. Ich bin übrigens auch nicht in diesen Beruf gegangen mit dem Antrieb, damit wahnsinnig viel Geld zu verdienen. Mir ging und geht es immer um den Spaß, den ich habe, wenn ich mache, was ich gerne machen möchte. Das bedeutet mir mehr als Geld, wenn ich auch froh bin, gut von meiner Arbeit leben zu können.

teleschau: Michael Dithardt, den Sie im Film spielen, verliert im Verlauf der Handlung buchstäblich alles. Aber er kämpft sich zurück. Sind Sie persönlich ähnlich krisenfest?

Berkel: Ja, auf jeden Fall. Ein Leben ohne Krisen gibt es nicht. Klar, wenn eine Krise zum ersten Mal erlebt wird, was meistens in der Pubertät der Fall ist, kann es etwas Erschreckendes haben, weil der Mensch noch nicht erfahren hat, dass man durch eine schlechte Phase durchkommen kann. In den folgenden Jahren hat man aber hoffentlich die Erfahrungen gemacht, immer wieder auch aus scheinbar aussichtslosen Situationen herausgekommen zu sein, einen Ausweg gefunden zu haben.

teleschau: Dithardt wird von seinem Erfolgs- und Machtstreben angetrieben. Was treibt Sie an? Welche Qualitäten besitzen Sie in Sachen Krisenmanagement?

Berkel: In dem Moment, in dem ich ein bestimmtes Ziel vor Augen habe, kann ich eine große Geduld aufbringen. Ich lasse mich dann auch von kleinen Rückschlägen nicht besonders irritieren. Ich denke mir immer: Wenn heute kein guter Tag ist, wird morgen eben ein besserer.

teleschau: Hatten Sie schon immer eine solch positive Grundeinstellung?

Berkel: Nein, aber mit der Zeit habe ich eine relative Entspannung erreicht, wenn es zu kleinen oder großen Krisen kommt. Ich schaffe es dann, die Dinge sehr schnell zu objektivieren und Wege zu finden, die mich aus der Krise heraus führen. Und wenn mal ein Weg nicht so verläuft, wie ich es mir vorstelle, suche ich mir eben einen neuen.

teleschau: Klingt nach geradezu beneidenswerter innerer Ruhe ...

Berkel: Mit der man aber natürlich nicht geboren wird, außerdem gilt der Satz von Martin Walser: "Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr." Ich denke, bei mir gab es von Beginn an bestimmte Anlagen, die ich Schritt für Schritt intensiviert habe, bis ich dahin kam, wo ich jetzt bin.

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