Mechthild Großmann

"Ein bisschen raubeinig, aber mit Herz"

+
Wer da wohl führt? In der aktuellen "Tatort"-Episode "Ein Fuß kommt selten allein" tanzt Mechthild Großmann alias Wilhelmine Klemm Tango mit Jan Josef Liefers alias Professor Boerne.

Im "Tatort" scheucht Mechthild Großmann diesmal Jan Josef Liefers beim Tango übers Parkett. Tanztheater mal anders für die Schauspielerin, die jahrzehntelang mit dessen Meisterin gearbeitet hat, mit Pina Bausch.

Sie kommt nicht herein, sie tritt auf. Mit bemerkenswerter Haarpracht, eindrucksvoller Stimme und herbem Charme: Staatsanwältin Wilhelmine Klemm. "Wenn man mir heute eine Rolle im Fernsehen anbietet, sind das meist solche Frauentypen: ein bisschen raubeinig, aber mit Herz." Schauspielerin Mechthild Großmann, die auf der Theaterbühne von der Medea über die Mutter Courage bis hin zu - ganz aktuell fürs Bochumer Schauspielhaus - Dürrenmatts "alter Dame" die großen Frauenrollen gespielt hat und spielt, bezeichnet ihren Part im Münsteraner "Tatort" gerne als "kleine Zubringerrolle". Doch es würde etwas fehlen, wenn da nicht ab und zu die schicke Chefin um die Ecke käme, um den Kommissar (Axel Prahl) zusammenzufalten. In der Folge "Ein Fuß kommt selten allein" (Sonntag, 8.5., 20.15 Uhr, das Erste) lässt sie sich vom Rechtsmediziner (Jan Josef Liefers) übers Tanzparkett wirbeln (oder umgekehrt). Es ist bereits die 29. Episode mit dem beliebten "Tatort"-Team. "Wenn ich mal etwas gut gefunden habe, dann versuche ich, das zu intensivieren", sagt Mechthild Großmann, die Langzeit-Engagements durchaus pflegt. Im Interview spricht die Schauspielerin auch über ihre 40-jährige Verbundenheit mit dem Tanztheater Pina Bausch und das Besondere an dieser weltberühmten, 2009 verstorbenen Choreografin, welche die Schauspielerin "Mechthildchen" nannte.

teleschau: Im "Tatort - Ein Fuß kommt selten allein" nötigt die Staatsanwältin Wilhelmine Klemm den Rechtsmediziner Professor Boerne alias Jan Josef Liefers zum Tango und erklärt: "Tanzen ist kein Spaß!" Hat sie recht?

Mechthild Großmann: Das ist doch ein wahrer Satz! Ich weiß nicht viel vom Turniertanz, habe nie Standard getanzt und die Pina-Bausch-Bewegungen haben sehr wenig mit Standardtänzen zu tun. Aber was diese Turniertänzer da machen, ist Leistungssport! "Spaß" ist aber auch ein schwieriges Wort. Ich werde gerne gefragt: Macht Ihnen das Drehen Spaß? Dann sage ich: Besonders letzte Woche, als ich morgens um 5.30 Uhr noch im Nieselregen stand! (lacht)

teleschau: Für Pina Bausch, mit der Sie jahrzehntelang gearbeitet haben, ging es beim Tanzen auch darum, eine Sprache zu finden ...

Großmann: Tanz ist ohne Frage eine Sprache. Wahrscheinlich genauer als unsere verbale.

teleschau: Sie sind dem Ensemble Pina Bausch inzwischen seit 40 Jahren verbunden - als einzige Nichttänzerin! Wie kam das?

Großmann: Es war 1975, das ist wirklich sehr lange her. Ich hatte noch nie den Namen Pina Bausch gehört und ich glaube außerhalb der Folkwang Hochschule auch sonst keiner. Sie machte einen Brecht-Weill-Abend und suchte vier Schauspieler. Ich war Gast in Wuppertal, sie hatte mich auf der Bühne gesehen und lud mich zum Vorsingen ein. Ich singe nur, wenn's unbedingt sein muss, aber sie meinte dann, wir sollten das mal probieren. Als sie mich zwei Jahre später fragte, ob ich in ihr Ensemble kommen möchte, rieten mir viele Kollegen ab und sagten: Was machst du im Ballett in Wuppertal? Da sieht dich kein Mensch mehr. Aber die Arbeit mit ihr war sehr besonders.

teleschau: Was war so besonders?

Großmann: Ich bekam nicht eine Rolle, die ich spielen musste, sondern sie kreierte die Rolle mit mir zusammen. Das ist ein Unterschied. Und wir mochten uns sehr, sehr gerne. Ich habe diese Frau immer angeschaut, denn so was hatte ich noch nie gesehen, und es ist mir auch später im Leben nie wieder begegnet. Die hatte so eine Art zu gucken und zu lächeln und hat mir wahnsinnig viel Mut gemacht. Sie mochte mich als Zubringerin. Ich war ja eher ihr Alter Ego. Pina war sehr schweigsam, ganz schmal, kleiner als ich. Ich war vielleicht etwas, wie sie auch gerne selber hätte sein wollen ... vor allem für die Bühne. "Mechthildchen" hat sie mich genannt. Pina liebte die Verkleinerungsform "chen". Als "Mechthildchen" angesprochen zu werden, gefiel mir, das macht seitdem keiner mehr. Außer in Anführungsstrichen.

teleschau: Das klingt nach einer ganz außergewöhnlichen Beziehung.

Großmann: Als sie 2009 starb, kannte ich sie 34 Jahre. Von meinem 27. bis zu meinem 61. Lebensjahr. Können Sie sich diese Zeitspanne vorstellen?

teleschau: Wie eine lange Ehe ...

Großmann: Meine beste, muss ich sagen! (lacht) In den 80-ern stieg ich aus dem festen Vertrag aus, spielte Theater und drehte, hatte aber auch immer wieder Sehnsucht zurück. Das Tanztheater war ein Stück Heimat. Anfang der 80er-Jahre spielten wir fast mehr im Ausland als in Deutschland. Man kann sagen: in jeder größeren Stadt der Welt! Heute gibt es Gastspiele im Ausland häufiger, aber damals war das noch nicht so. Wir verdienten damit nicht mehr als beim Wuppertaler Stadttheater. Wir hatten viel Arbeit und Ehre und wenig Geld. Natürlich jammerten wir, denn es war schon Knochenarbeit. Aber wenn ich mir die Alternative vorstelle: Jahrelang in einem dieser besseren Häuser in Deutschland - ob das schöner gewesen wäre?

teleschau: Wie unterscheidet sich die Arbeit mit Tänzern von der mit Schauspielern?

Großmann: Tänzer sind anders. Die machen morgens erst mal ihr Training an der Stange, wo im Grunde die Hackordnung festgelegt wird: Wer ist wie gut? Das kann man bei Tänzern ja direkt sehen. Und die schwitzen zusammen. Das ist eine andere Gemeinschaft. Tänzer sind als Kollegen oder Menschen neben einem sehr hilfreich. Selbst wenn das einer ist, der mich nicht ausstehen kann - er würde während einer Vorstellung alles versuchen, mich am besten aussehen zu lassen. Da gibt es einen anderen Gruppengedanken. Schauspieler empfinden sich mehr als Solisten. Am Anfang sagten die Tänzer natürlich: "Die kann überhaupt nicht tanzen!". Nach ein paar Jahren war ich immer noch keine Tänzerin, aber wenn alle gegen die Wand rannten, rannte ich schon mit. Irgendwann war ich integriert.

teleschau: Können Sie denn bei der Wilhelmine Klemm im "Tatort" auch ein bisschen mit kreieren?

Großmann: Nein, da bekomme ich ein Drehbuch zugeschickt. Ich kreiere das natürlich mit, indem ich es spiele.

teleschau: Was würden Sie sich für die Staatsanwältin wünschen? Könnte die nicht mal irgendwie aus der Rolle fallen?

Großmann: (verschwörerisch) Morden vielleicht? Oder noch was Merkwürdigeres: Schwanger werden? Was ich mir schon wünschen würde ist, dass man die Funktion von der mal ein bisschen ernster nimmt. Eine Staatsanwältin sitzt meist und studiert Akten, das hat man bei mir noch kein einziges Mal gesehen. Außerdem gehen Staatsanwälte ins Gericht, nicht wahr? Ich hätte gerne mal so ein schwarzes Teil an, eine Robe! Wenn Sie mich jetzt fragen, ob ich jeden dieser "Tatorte" gut finde, würde ich versuchen, Ihnen mit einer Ausrede zu antworten.

teleschau: Der Publikumserfolg ist messbar und unbestritten.

Großmann: Der Erfolg des Münster-"Tatorts" hat, wie ich glaube, etwas damit zu tun, dass er nicht so anonym ist. Er unterscheidet sich insofern von anderen, als dass er viele Stammspieler hat. Man hat so etwas wie eine Familie konzipiert um die beiden Buben herum. Dazu kommt, dass in so einer kleinen Stadt wie Münster jeder jeden irgendwie kennt. Wie mir berichtet wird, wird dieser "Tatort" auch gerne mal von ganzen Familien gesehen.

teleschau: Wie schauen Sie diesen und andere "Tatorte"?

Großmann: Ich sehe leider nicht so viele, abgesehen vom Münster-"Tatort", weil ich abends oft arbeite. Aber ich bin da eher altmodisch. Wenn ich Sonntagabend mal zu Hause bin, schaue ich mir das alleine an oder in Gesellschaft, wir machen uns eine Flasche Wein auf, freuen uns über Kollegen, die wir kennen. Jetzt habe ich gehört, dass die Leute schon während des "Tatorts" immer twittern, oder wie heißt das? Verrückt! Ich gehöre nicht zu dieser mitteilungswütigen Generation (lacht).

teleschau: 40 Jahre Ensemble Pina Bausch, bald 30 Münsteraner "Tatorte", über 20-jährige Zusammenarbeit mit bestimmten Hörbuchverlagen. Was Sie machen, machen Sie oft wahnsinnig lange ...

Großmann: Man könnte daraus schließen, dass ich die Veränderung nicht liebe. Aber das stimmt nur begrenzt, denn ich habe ja nun auch mit den schrägsten Leuten in Deutschland gearbeitet wie zum Beispiel Rainer Werner Fassbinder. Man kann mir, glaube ich, nicht vorwerfen, dass ich vorgezeichnete Wege nachlaufe. Aber wenn ich mal etwas gut gefunden habe, dann versuche ich, das zu intensivieren. Die Leute, mit denen ich arbeite, wissen, was sie bekommen, wenn sie mich bekommen. Ich glaube nicht, dass etwas Neues immer besser ist. Ich konzentriere mich lieber. Das mag in der heutigen Zeit ungewöhnlich erscheinen. Ich arbeite zum Beispiel auch viel mit dem von mir sehr geschätzten Wagenbach Verlag zusammen. Auch viel Ehre, wenig Geld. Ich war immer die Königin des Low Budget!

teleschau: So bezeichnen Sie sich gerne. Was ist Luxus für eine Königin des Low Budget?

Großmann: Mein Luxus? Ich wohne in einer ziemlich großen Mietwohnung. Und habe auch nicht vor, in einer kleineren zu wohnen! Ich habe keinerlei Eigentum, kein Haus, kein Auto. Ich habe den Luxus, dass ich viel und gerne arbeiten kann. Die meisten Schauspieler, vor allem ältere, haben ja überhaupt keine Angebote mehr. Denen geht es nicht gut, weil keine Anforderungen mehr an sie gestellt werden. Ich habe das Glück, auch mal nein sagen zu können oder schöne, kleine Aufträge für wenig Geld anzunehmen. Das empfinde ich schon als elitär.

Kommentare

Das könnte Dich auch interessieren