Eigentlich ein Metal-Gott

Irre Entertainment-Geschichte: „I Am Thor“

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Die Metal-Götter müssen verrückt sein: Jon Mikl Thor träumte immer davon, ein großer Rockstar zu werden. Auf den großen Durchbruch wartet er bis heute.

Sehr speziell und doch nicht nur für alte Headbanger sehenswert: „I Am Thor“ dokumentiert die einzigartige und äußerst widersprüchliche Geschichte eines Kanadiers zwischen Bodybuilding, Nackt-Kellnerei und Glamrock.

Rock-Fans der Generation Ü40 dürfen jetzt mal ganz feste grübeln: Wer erinnert sich an Thor? Oder den Mann hinter der Band, Jon Mikl Thor? Klingelt da was? Falls nicht: Thor gehörte in den 70-ern zu den vielversprechendsten, bombastischsten, aufregendsten Bands der Rockszene - ein Mega-Knaller, zumindest nach Ansicht der Musiker selbst. Die Realität, wie sie Ryan Wise in seinem extrem kurzweiligen Dokumentarfilm „I Am Thor“ (2015) darstellt, sieht jedoch etwas anders aus. Der Film erzählt von einem verhinderten Metal-Gott, der scheinbar vom Pech verfolgt wird und es trotz einer bewundernswerten Limo-aus-Zitronen-Einstellung nie nach ganz oben schaffte. Was ist da schiefgelaufen?

Wie heißt es? Man muss „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ sein. Jon Mikl Thor war immer fünf Minuten später im Raum nebenan. Wer sich „I Am Thor“ ansieht, darf sich dennoch auf eine irre Entertainment-Geschichte mit relativ wenig Musik, aber sehr viel Rock'n'Roll einstellen.

Auszüge gefällig? Jon Mikl Thor, 1955 im kanadischen Vancouver geboren, ging als kleiner Junge im Superman-Kostüm zur Schule, mit 14 Jahren nahm er an seinem ersten Bodybuilding-Contest teil, ehe er seine erste Rockband gründete. Weil das mit der Musik irgendwie nicht klappte, landete er irgendwann als Nacktkellner auf Hawaii, später trat er in Las Vegas als Space-Elvis auf. Bei bizarren Muskel-Shows blies er Wärmflaschen auf, bis sie platzten (später ein wiederkehrendes Element seiner Konzerte).

Dann schließlich 1973 die Gründung der Gaga-Glamrock-Band Thor, Aufstieg, Abstieg, Depression, irgendwann wurde der singende He-Man-Verschnitt dann sogar entführt - und das geht immer so weiter, eineinhalb Filmstunden lang. Noch heute tritt die Band live auf - die spaßigste Live-Show, die man sich vorstellen könne, heißt es.

Ryan Wise lässt Thor den größten Teil seiner sensationellen Lebensgeschichte selbst erzählen, ohne das alles aber einfach so stehen zu lassen: Der Filmemacher gibt die Doku-typische Faktualität immer wieder auf und zeichnet mit süffisantem Humor das Bild einer offenbar höchst komplizierten Persönlichkeit, die nie so groß war, wie sie dachte oder sein wollte.

Auf ein klares Urteil aber verzichtet Wise ganz bewusst. Er lässt Thor erzählen, dass die Band zwischenzeitlich „größer als Twisted Sister“ war, und dazu zeigt er ein altes Festival-Lineup mit einer riesigen Abbildung von Dee Snider on top und Thor darunter im Kleingedruckten. Er zeigt Thor heute in trashigen Kostümen bei traurigen Wohnzimmerkonzerten. Ob dieser Thor nichts weiter ist als ein Heavy-Metal-Pausenclown oder ob man ihn dafür feiern sollte, dass er seinen Rock'n'Roll-Traum bis heute lebt, darf in diesem widersprüchlichen und gerade deshalb so faszinierenden Film jeder für sich entscheiden.

Erhältlich auf DVD, Blu-ray Disc und als Video-on-Demand.

tsch

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